Porträt der Woche

Der eigene Weg

»Meine Zukunft sehe ich nicht unbedingt in Deutschland«: Leonhard Klepikow (23) aus Bremen Foto: © Kay Michalak / Fotoetage

Porträt der Woche

Der eigene Weg

Leonhard Klepikow war der Einzige unter seinen Brüdern, der Barmizwa wurde

von Gerhard Haase-Hindenberg  30.06.2024 08:58 Uhr

Aktuell befinde ich mich in der Ausbildung zum Kaufmann für Marketing-Kommunikation, weil mir nach zwei Studien­abbrüchen nicht wirklich klar war, was ich eigentlich werden wollte. Der erste Studiengang lautete »European Finance and Accounting« und der andere »Luftfahrt, Systemtechnik und Management«. In beiden Fällen habe ich nach einer Weile gemerkt, dass es nicht das ist, was ich ein ganzes Berufsleben lang machen möchte. Außerdem hatte mir bei beiden der Praxisbezug gefehlt.

Aufgrund meiner Interessen hat man mir schließlich bei der Handelskammer zu dieser Ausbildung in einer Bremer Werbeagentur geraten. Ich bin also derzeit kein Student, gehöre aber nach wie vor dem Verband Jüdischer Studierender Nord an und bin in dessen Vorstand für Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Ein Sommer voller Events

Wir planen einen Sommer voller Events, weshalb es viel zu organisieren gibt. So wird es sowohl einen Schabbaton geben als auch einen Pride Shabbat für die jüdische LGBTQ-Community. Da es in der letzten Zeit aufgrund des Nahostkonflikts zu diesen antisemitischen »propalästinensischen« Protestcamps an den Universitäten gekommen ist, versuchen wir für unsere Mitglieder einen direkten Gesprächskanal zur Unileitung in Bremen herzustellen.

Meine Eltern und meine zwei älteren Brüder waren 1997 aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Zwar ist meine Mutter jüdisch, hat aber in ihrer Kindheit in Lwiw keine typisch jüdische Erziehung genossen. Auch meine beiden älteren Brüder wurden noch in die postsowjetischen Verhältnisse hineingeboren. Ich dagegen bin schon in Bremen zur Welt gekommen. Später habe ich dann an Machanot teilgenommen. In diesen Feriencamps hatte ich viele andere jüdische Kinder und Jugendliche kennengelernt, mit denen ich mich angefreundet habe. Hier lernte ich das kennen, was meiner Familie so gar nicht bewusst war, und zwar die Traditionen, Bräuche und Werte des Judentums.

Meine Brüder sind zwar ebenfalls in den Kindergarten und ins Jugendzentrum der Jüdischen Gemeinde in Bremen geschickt worden. Ich aber war der Einzige in unserer Familie, der Barmizwa wurde. Ich glaube, das lag daran, dass meine beiden Brüder noch in der Ukraine geboren wurden und dort ihre ersten Lebensjahre verbracht haben – zu einer Zeit also, als das Jüdische in unserem Familienleben keine Rolle spielte.

Ein wichtiger Teil meiner Persönlichkeit

Bei mir war das ganz anders. Ich bin hier geboren, der Kontakt zur Gemeinde war schon vorhanden und für mich von klein auf prägend. Als ich anfing, mich für die jüdische Religion zu interessieren, war das für meine Familie ungewohnt. Vor allem, als es um die Barmizwa ging, waren die zu erwartenden Kosten ein Problem, da meine Eltern Geringverdiener sind. Letztlich aber habe ich sie davon überzeugen können, dass das Judentum zu einem wichtigen Teil meiner Persönlichkeit geworden war. Meine Entwicklung war also anders verlaufen als bei meinen Brüdern, aber einen Konflikt stellte das zwischen uns nie dar.

Meine jüdische Identität war so sehr gefestigt, dass ich es nicht mehr verheimlichen wollte.

Nach meiner Barmizwa war ich sehr aktiv in der Gemeinde. Vor allem in der Pandemiezeit hatte ich den älteren Gemeindemitgliedern bei ihren Einkäufen geholfen, auch beim Gang zu den Ämtern und anderen Dingen. Nun erst hatte ich mich meinen Mitschülern gegenüber als jüdisch geoutet. Natürlich habe ich mich nicht vor die Klasse gestellt und gesagt: »Hey hört mal: Ich bin Jude!« Das geschah eher im Rahmen des Unterrichts, als ich meine Kenntnisse über das Judentum aktiver einbrachte.

Meine jüdische Identität war mittlerweile so sehr gefestigt, dass ich es einfach nicht mehr verheimlichen wollte. Der Umstand, dass das vorher der Fall war, lag daran, dass ich zu Hause immer wieder hörte, niemanden ginge das etwas an. Es wurde auch gewarnt, dass ich Probleme bekommen könnte, wenn ich mich öffentlich zum Judentum bekennen würde. Deshalb habe ich erst einmal vorsichtig herumgefragt, was es wohl bedeuten würde, wenn ein Jude in unserer Klasse wäre. Die Reaktionen waren nicht sehr ermunternd. Ein jüdischer Schüler würde ein Außenseiter sein, hieß es, und nicht richtig dazugehören. Deshalb habe ich es verschwiegen – bis zu meiner Barmizwa eben.

Eine unbeschwerte Schulzeit

Das stieß dann bei einigen durchaus auf Interesse, auch bei einem Teil der Lehrkräfte. Einige muslimische Mitschüler sind allerdings spürbar auf Distanz zu mir gegangen. Das aber war mir letztlich lieber, als wenn es zu irgendwelchen Eskalationen gekommen wäre. Alles in allem aber hatte ich in der Schule, gerade auch was das Thema Religion anging, eine recht unbeschwerte Zeit. Einige Mitschüler, mit denen ich befreundet war, hatte ich zu meiner Barmizwa eingeladen. Es ist jedoch kein Einziger erschienen.

Kurz vor Corona im Frühjahr 2020 wurde ich von einer guten Freundin für das Projekt »Meet a Jew« angeworben.

Kurz vor Corona im Frühjahr 2020 wurde ich von einer guten Freundin für das Projekt »Meet a Jew« angeworben. Mit ihr zusammen hatte ich an der JAcademy der Lauder Foundation auch das Gap-Year-Programm zu Wirtschaftsthemen vor einem jüdischen Hintergrund absolviert. Dafür bin ich für zehn Monate eigens nach Berlin gezogen. In der Zeit habe ich wiederum drei Monate in einem Start-up im Bereich Financial Technology ein Praktikum absolviert und danach ein weiteres in London.

Dort war ich in einer Immobilienverwaltungsgesellschaft tätig, musste das Praktikum allerdings nach Ausbruch der Pandemie vorzeitig abbrechen. Trotzdem möchte ich sagen, dass das bisher das schönste Jahr meines Lebens war, weil ich durch den Unterricht, die Praktika und den Abstecher nach London viele Erfahrungen sammeln durfte.

Vor allem habe ich zahlreiche tolle jüdische Menschen kennengelernt, darunter ebenjene Freundin, die ihr Praktikum bei »Meet a Jew« gemacht hatte und mich nun dafür gewinnen konnte. Zwischenzeitlich habe ich für dieses Projekt auch ein Jahr als Regionalkoordinator gearbeitet. Es beruht ja darauf, dass solche Begegnungen, bei denen Kinder und Jugendliche Juden kennenlernen und ihnen Fragen stellen dürfen, beim Zentralrat angefragt werden.

Der Schlüssel für ein besseres Miteinander

Die Regionalkoordinatoren wählen Teilnehmer aus und schicken sie dann in die entsprechenden Orte. Inzwischen nehme ich wieder selbst an solchen Begegnungen in Schulen, aber auch in Kirchengruppen oder an der Universität teil. Ich mache das, weil ich der festen Überzeugung bin, dass der Dialog zwischen verschiedenen Kulturen, Religionen oder einfach zwischen Menschen der Schlüssel für ein besseres Miteinander ist.

»Meet a Jew« ist ein präventives Projekt, das nicht nur existierenden Antisemitismus zu bekämpfen versucht, sondern auch präventiv wirkt, also bevor er bei jungen Menschen überhaupt entstehen kann. Ich schätze es, dass ich mit Leuten allgemein über Religion ins Gespräch komme, aber auch konkret über jüdisches Leben, wie es sich heutzutage darstellt. Bisher hatte ich bei diesen Begegnungen noch keine negativen Erfahrungen gemacht. Allerdings habe ich von anderen Freiwilligen mitbekommen, dass dort provokante Fragen über den Nahostkonflikt gestellt worden sind, und das auch schon vor dem 7. Oktober 2023.

Das geschieht vor allem in bildungsschwachen Klassen, denn manchmal besuchen wir ja auch Förderklassen, und die haben oftmals wenige Anknüpfungspunkte zu religiösen Themen oder gar zum Judentum. Man muss dann quasi immer bei null ansetzen. Das aber weiß ich nur von anderen Freiwilligen, ich selbst habe noch nie ein komplett uninformiertes oder unmotiviertes Publikum erlebt – schließlich möchte ich keinen Vortrag halten, weshalb es mir wichtig ist, dass auch ich Rückfragen stelle. Ich spreche also nicht nur über meinen jüdischen Alltag, sondern will ebenfalls von der christlichen und muslimischen Schülerschaft erfahren, welche Rolle die Religion in deren Leben spielt.

Meine Zukunft sehe ich nicht unbedingt in Deutschland. Immer mal wieder spiele ich mit dem Gedanken, irgendwo anders zu wohnen. Nach dem 7. Oktober hat sich für mich das Gefühl einer generellen Unsicherheit leider noch einmal verstärkt. Deshalb wäre der Umzug in ein anderes Land durchaus eine Option. Es mag paradox klingen, aber im Moment wäre das wohl Israel. Obgleich ich noch nie dort war, habe ich das Gefühl, dass ich in Israel sicherer wäre als hier. Was mich allerdings davon abhalten könnte, ist die Tatsache, dass ich eine Sonnenallergie habe. Insofern ist die Zukunft noch vollkommen offen.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase-Hindenberg

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