Rostock

Den Vorhang auf

Ruslans linke Hand liegt leicht angespannt im Holzkasten, während er die Puppe des kleinen Jungen mit seiner rechten Hand schnell nach unten zieht und dann mindestens genauso flink wieder zur Großvater-Puppe hoch wechselt. In der nächsten Szene ist dann gleich wieder der Storch dran, und dann …

In Ruslans Manuskript sind die Stellen, an denen er die kleinen Figuren bewegt, markiert. Wann spricht der Storch, wann der Zauberer, wann der Prinz. Ruslan Chystiakov hat alles im Griff. Der junge Mann aus der Ukraine sitzt rechts hinter der Bühne und ist dafür verantwortlich, dass alle männlichen Puppen sich immer dann bewegen, wenn sie auch sprechen.

Wie der Großvater, der von Leonid gesprochen wird, der direkt hinter Ruslan sitzt. Leonid Bogdans Stimme hat das Warme, das leicht Angeraute und das Ruhige, das eine Vorlesestimme haben muss, um Märchen Leben einzuhauchen. Märchen wie »Kalif Storch«, das am vergangenen Donnerstagvormittag von der Puppentheatergruppe der Jüdischen Gemeinde Rostock in ihrem »Mäusetheater« geprobt wird.

Eine durchweg positive Erfahrung

Zu Gast ist die Gruppe im Kulturhistorischen Museum Rostock, in dessen Räumen sie auch derzeit ihre Vorführungen für Kinder zwischen vier und sechs Jahren darbietet. Im Dezember gab es bereits drei Termine, und im Januar sind zwei weitere hinzugekommen, da die Kindervorstellungen von Rostocker Familien so gut angenommen wurden. Für Helena Ruff vom Kulturhistorischen Museum waren die drei Termine im vergangenen Jahr eine durchweg positive Erfahrung: »Die Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde ist ein starkes Zeichen für den Zusammenhalt und die kulturelle Vielfalt in unserer Stadtgesellschaft.«

Um den kleinen Besucherinnen und Besuchern ihr ganzes Können zu zeigen, wird intensiv geprobt. Es ist schließlich ein Kindertheater. Die Prinzessin sollte sich zum Beispiel mehr drehen, sagt Theaterleiterin Margarita Vishnyakova und tritt nach vorn an die dreistöckige Holzbühne. Ungefähr so. Und die Musik muss bitte immer auf den Punkt eingespielt und auch wieder gestoppt werden, sagt sie zu Igor Shcholkin, der für den Ton zuständig ist.

Und warum klemmt der kleine Vorhang? Damit solche Details bei der Aufführung nicht erst zu Hindernissen werden, sind alle vom »Mäusetheater« ganz bei der Sache. Wer denkt, dass Puppen nur etwas für die ganz Kleinen sind, der irrt gewaltig. Ruslan, der bei »Kalif Storch« handgroße Puppen bewegt, muss bei anderen Stücken für Erwachsene richtig große Puppen über die Bühne führen, sie drehen, neigen und heben.

Drei Stücke aus den drei Weltreligionen werden für Kinder aufgeführt.

Der Zufall hat Ruslan schon früh zum Puppenspiel gebracht, und er merkte, welche Faszination sich hinter dieser Kunstform verbirgt, was sie alles bewirken kann und was er vor allem auch damit ausdrücken kann. Die vielen Verwandlungen, die Zauberei und dass sich doch noch alles zum Guten wenden kann, ist für den Puppenspieler gerade im Fall von »Kalif Storch« das Schöne, sagt Ruslan, der von der Aufgewecktheit und Freude der Kinder jedes Mal aufs Neue begeistert ist.

Die Freiheit, auf die Reaktionen der Kinder einzugehen

Auch Leonid nimmt die Reaktionen der Kinder auf, wenn er hinter der Bühne sitzt und – wie bei diesem Stück – den Großvater und den kleinen Jungen spricht. Er hat sich die Stellen farbig markiert, grün, gelb. Einige Wörter sind fett gedruckt. »Wie das hier«, sagt Leonid und fährt mit dem Finger über die Buchstaben. Die Stücke kann er sicherlich schon auswendig, aber das Textbuch als Sicherheit, das begleitet ihn und gibt ihm auch die Freiheit, auf die Reaktionen der Kinder einzugehen.

»Wenn die Kinder auf das Stück anspringen, wenn sie laut sind, Dinge dazu in den Raum rufen, dann ist das gut.« Bedenklich sei es nur, »wenn die Kinder still sind – oder mit den Stühlen eventuell hin und her rutschen.« Aber Leonid scheint so schnell nichts aus der Ruhe zu bringen. »Kinder sind halt Kinder«, sagt er. Am Vormittag habe er schon zwei Schulklassen durch die Gemeinde geführt. »Das waren alles tolle Kinder! 50 Kinder!«, betont er.

Seit vielen Jahren ist er mit dem Puppentheater verbunden. »Ich bin 1994 hergekommen, und zwei oder drei Jahre später hatten wir schon ein Theater«, sagt er, klopft auf die mittelgroße Holzkons­truktion und fragt: »Was ist das, Uli, schon die zweite oder dritte Generation, nicht?« Ulrich Hofmann und Leonid blicken nun beide auf die Rückseite der Bühne und nicken etwas nostalgisch. »Ja, das ist die zweite, und die dritte steht in der Gemeinde.«

Die Holzbühne hat Hofmann selbst gebaut. Anfangs, erzählt er, hätten sie über einen Schuhkarton nachgedacht, aber wie lange würde der halten? »Nein, es musste etwas Stabiles her«, sagt Hofmann. Also besorgte er sich Holz, und dann ging es los. Für die Farben, Kostüme und Bilder ist Elena Sadykhova zuständig. Und wie. Sie bastelt Störche, Zauberer, Kinder, sie sucht Stoffe, findet Federn oder kleine Steinchen. »Ich mache das immer mit meinen zwei Händen«, sagt Elena. Manchmal gehe das sehr schnell, manchmal dauere es schon zwei Tage.

Mal hohe, mal tiefe Nuancen

Auch die Gestaltung der kleinen Holzbühne ist der Bereich der Künstlerin, die bereits im Ruhestand ist. Mit ihrer Kollegin Irina Kazakova wechselt sie sich ab bei den weiblichen Stimmen. Eine gute Stunde lang mal hohe, mal tiefe Nuancen zu treffen, kindlich zu kichern oder zu staunen, das ist anstrengend. Auf ihren Sprecherstühlen liegen deswegen auch zwei dicke grüne Kissen übereinander. Denn ohne gutes Sitzen keine gute Stimme.

Die kleine Gruppe achtet darauf, dass die Stücke, die sie aufführt, sowohl Kinder als auch Erwachsene ansprechen. Es sollen, sagt Hofmann, Stücke sein, die für die drei großen Weltreligionen stehen. Die Botschaft ist immer: Seid tolerant, respektiert den anderen! Deswegen, so sagt Hofmann, kam auch die Idee mit dem Großvater auf, der seinen beiden Enkeln beim Verstehen hilft, wenn sie sich über das – auf sie seltsam wirkende – Verhalten einer ihrer Klassenfreunde lustig machen. Aber zum Glück ist das ja ein Märchen, und das wird am Ende gut.

Das Publikum findet es auch: »Ihr wart toll« oder »Wir kommen gern wieder«. Das stand nach der Vorstellung am vergangenen Freitag im Gästebuch. Und die »Mäusetheatler«? Vielleicht sitzen sie ja schon an ihrem nächsten Stück.

Tel Aviv

Irgendwie Alltag – bis zum Alarm

Eigentlich wollte Jacob Horowitz nur den Halbmarathon in Tel Aviv laufen. Doch dann begann der Krieg mit dem Iran. Wie sich die vergangenen Wochen zwischen Purim, Schutzraum und verschobener Evakuierung anfühlen, das hat er für uns aufgeschrieben

von Jacob Horowitz  12.03.2026

Sport

Vereint am Ball

Jüdische Hobby-Fußballer feiern ihre Gemeinschaft – und möchten in schwierigen Zeiten ein Zeichen setzen

von Christine Schmitt  12.03.2026

Berlin

Interaktives Projekt zur jüdischen Geschichte des Scheunenviertels

Im Scheunenviertel in Berlin-Mitte gibt es seit Mittwoch zehn Straßenmarkierungen auf Jiddisch, Deutsch und Englisch. Über ein interaktives Erinnerungsprojekt wird so an die jüdische Geschichte der Spandauer Vorstadt erinnert

von Markus Geiler  11.03.2026

Solingen

100 Porträts jüdischer Künstlerinnen im Zentrum für verfolgte Künste

Die Ausstellung erzählt von künstlerischen Lebenswegen zwischen Krieg, Verfolgung und Neubeginn, wie das Museum ankündigte

 11.03.2026

Programm

Kakaniens Kinder, Jakobs Zelte und Israels Superfood: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 12. bis zum 19. März

 11.03.2026

Hilfe

Gestrandet in Deutschland

Viele Israelis wurden im Ausland vom Beginn des Krieges mit dem Iran überrascht. Sie finden Unterstützung bei der israelischen und jüdischen Gemeinschaft vor Ort

von Joshua Schultheis  11.03.2026

Meinung

Jüdisches Leben gehört zum Ländle

Nach der Wahl in Baden-Württemberg kann die jüdische Gemeinschaft darauf vertrauen, auch künftig einen zuverlässigen Partner in der Landesregierung zu haben. Einzig das gute Abschneiden der AfD bereitet Sorgen

von Barbara Traub  11.03.2026

Berlin-Neukölln

Wer ist dieser Mann?

Er lehrte arabische Schüler die Geschichte des Holocausts, organisierte einen Austausch mit Israelis und hielt Drohungen stand. Hudhaifa Al-Mashhadanis Geschichte faszinierte die Medien, begeisterte Politiker und schenkte ihm das Vertrauen jüdischer Organisationen. Aber ist alles daran wahr?

von Mascha Malburg  11.03.2026

Berlin

150 Rabbiner am Brandenburger Tor

Ein Fototermin setzt ein Zeichen: Rabbiner zeigen, wie jüdisches Leben heute Europa prägt. Was beim Treffen sonst noch auf dem Programm steht

 11.03.2026