»Gott wohnt im Wedding«

Das sprechende Haus

Mit seiner lebenslustigen Enkelin reist Leo nach Berlin.

»Gott wohnt im Wedding«

Das sprechende Haus

In ihrem neue Roman verknüpft Regina Scheer Vergangenheit und Gegenwart anhand von Einzelschicksalen

von Christine Schmitt  12.08.2019 12:13 Uhr

Leider hat er nur 400 Seiten. Dabei ist der Roman Gott wohnt im Wedding von Regina Scheer so spannend geschrieben, dass es ruhig noch mehr Lektüre hätte sein dürfen. Es sind verschiedene Erzählstränge, die die Historikerin, Journalistin und Autorin miteinander verflochten hat.

Wedding Dreh- und Angelpunkt ist ein mittlerweile heruntergekommenes Haus in der Utrechter Straße im Berliner Bezirk Wedding und dessen 120-jährige Geschichte. In diesem Gegenwartsroman erzählt Regina Scheer von Menschen, die noch in dem Haus wohnen oder gewohnt haben. Hauptakteure sind Leo, Gertrud und Laila. Sie alle sind schicksalhaft miteinander durch Vergangenheit und Gegenwart verknüpft.

Der jüdische Jugendliche Leo findet mit seinem ebenfalls jüdischen Freund Manfred ein Versteck vor den Nazis in dem Mietshaus – bei Gertrud, die mit Manfred eine Liebesaffäre hatte. Manfred wird von der Gestapo abgeholt und ermordet. Irgendjemand muss ihn verraten haben. Leo glaubt sein ganzes Leben lang, dass es Gertrud war. Sie hingegen kommt über den Verlust nie hinweg und bleibt ihm lebenslang treu.

Sprung in die Gegenwart: Nie hat die mittlerweile 90-jährige Gertrud eine andere Adresse gehabt als die im Wedding. Leo überlebt, emigriert ins damalige Palästina, heiratet und lebt im Kibbuz. Mit seiner lebenslustigen Enkelin reist Leo nach Berlin, um die Erbschaft seiner verstorbenen Frau zu regeln – und taucht in seine Vergangenheit ein.

Mit seiner lebenslustigen Enkelin reist Leo nach Berlin, um die Erbschaft seiner verstorbenen Frau zu regeln – und taucht in seine Vergangenheit ein.

Gertrud will er eigentlich nicht treffen, aber all die Tage seines Aufenthalts in seiner früheren Heimatstadt ist er in Gedanken bei ihr, bis er doch endlich die Stufen zu ihrer Wohnung hochsteigt, um die Wahrheit zu erfahren.

Ein anderer Erzählstrang ist Laila gewidmet, die nach ihrer Scheidung ebenfalls eine Wohnung in dem verfallenen Haus gefunden hat. Ihre Vorfahren lebten in Berlin und haben sogar das Mietshaus mitgebaut. Die 40-Jährige ist eine »integrierte Sinti«, die sich als Sozialarbeiterin bei Behörden für Familien einsetzt und sich darüber hinaus um Gertrud kümmert. Während der Schoa wurden ihre Vorfahren deportiert.

Laila hat studiert, arbeitet aber letztendlich im Blumenladen ihres Schwiegervaters und hilft den Sinti und Roma, die in dem Haus leben, in allen möglichen Situationen, sogar bei der Geburt eines Kindes.

Es gelingt Regina Scheer bis ins kleinste Detail, Gegenwart und Vergangenheit vor dem Hintergrund deutscher Geschichte am Beispiel von Einzelschicksalen zu verknüpfen. Aber die Autorin widmet sich nicht nur der Historie von Verfolgung, sondern greift auch aktuelle Themen wie Migration, Gentrifizierung und Verdrängung auf.

Es gelingt Regina Scheer bis ins kleinste Detail, Gegenwart und Vergangenheit vor dem Hintergrund deutscher Geschichte am Beispiel von Einzelschicksalen zu verknüpfen.

KUNSTGRIFF Am Schluss reist Leo wieder ab und plant, mit der Erbschaft den Neubau des Altenheims des Kibbuzes zu finanzieren. Laila nimmt das Mädchen, bei dessen Geburt sie dabei war, an. Und Gertrud stirbt wenige Minuten, bevor das Haus chinesischen Immobilienhaien zum Opfer fällt und abgefackelt wird.

All diese Geschichten bündeln sich in einem Haus, das immer wieder selbst zu Wort kommt und aus der Ich-Perspektive berichtet. Dieser Kunstgriff ist bestimmt Geschmackssache. Der Roman fordert den Leser durchaus heraus.

1992 erschien Scheers erstes Sachbuch Ahawah. Das vergessene Haus über das jüdische Kinderheim in der Auguststraße. Sie schrieb über eine junge deutsche Zionistin, die in Palästina ein Waisenhaus gründete, über die Herbert-Baum-Gruppe – jüdische Widerstandskämpfer gegen die Nazis –, und über die Familiendynastie der Liebermanns, zu der der Maler Max Liebermann gehörte. Dieses Wissen ist Grundlage auch ihres neuen Romans.

Regina Scheer: »Gott wohnt im Wedding«. Penguin, München 2019, 416 S., 24 € 

Hamburg

Ruine mit Herz

Einst das Zuhause des Reformjudentums, stand der Israelitische Tempel kurz vor dem Verfall. Eine Bürgerinitiative und die Stadt wollen den historischen Ort nun neu beleben. Ein Besuch im Hinterhof

von Heike Linde-Lembke  02.08.2026

Geschichte

Die Pension in Mumbai

Ellie und Max Lesser aus Dresden waren nur zwei von vielen sächsischen Juden, die vor den Nazis Sicherheit in Indien suchten. Deren tragische Geschichte recherchierte die Journalistin Iris Völlnagel

von Thyra Veyder-Malberg  02.08.2026

Programm

Kultursommer, Führungen und Einstein vs. Hawking: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 31. Juli bis zum 6. August

 02.08.2026

Porträt der Woche

Mehr als ein Beruf

Valerie Vorkul ist Sozialarbeiterin – und jüdischer, als sie lange Zeit annahm

von Leon Stork  02.08.2026

Bundeswehr

Anerkennung für eine Zeitzeugin

Verteidigungsminister Boris Pistorius würdigte IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch mit dem Ehrenkreuz

von Luis Gruhler  01.08.2026

Berlin

Antisemitismus ohne Scham

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Kahal Adass Jisroel in Berlin-Mitte wurde nach eigenen Angaben auf der Straße mit dem Tode bedroht

von André Anchuelo  30.07.2026 Aktualisiert

Thüringen

Das Erbe der Simsons

Beim jährlichen Moped-Treffen in Suhl feiern Zehntausende den »Sound des Ostens«. Doch hinter der Kultmarke steht die Geschichte einer von den Nazis vertriebenen jüdischen Unternehmerfamilie

von Helmut Kuhn  30.07.2026

Fußball

Rot-Weiß verbindet

Vergangene Woche gründete sich mit den »FCB Chaverim« der deutschlandweit erste jüdische Fanklub des FC Bayern München

von Luis Gruhler  30.07.2026

Erinnerung

Für immer

Manchmal sind es die kleinen Dinge, von denen wir uns nie trennen würden. Wir haben Gemeindemitglieder gefragt, welche Gegenstände ihnen viel bedeuten

von Christine Schmitt  30.07.2026