Köln

Das Phantom-Museum

Archäologische Zone in Köln: Eine Studentin sichtet Fundstücke an der Ostseite der Mikwe. Foto: Alexander Stein

Ralph Giordano empört sich: Beim Gang zum Lebensmittelgeschäft stolpert der Schriftsteller über einen CDU-Wahlkampfstand, der vor allem ein populistisches Thema kennt: »Wir wollen dieses jüdische Museum nicht.« Mit der Gegnerschaft zum demokratisch beschlossenen Bau des Jüdischen Museums Köln glaubt die oppositionelle CDU, Punkte im Kommunalwahlkampf sammeln zu können. Ein Zusammenschluss teils dubioser Minigrüppchen, einschließlich der rechtsextremen Pro Köln, kämpft seit Monaten gegen das Museum.

Zeitgeist Bereits zwei Jahre zuvor hatte der CDU-Fraktionsvorsitzende Winrich Granitzka einen Skandal verursacht, als er verkündete, »auch der Kreis der Direktoren Jüdischer Museen und die Hochschule für Jüdische Studien« lehnten das Jüdische Museum ab. Wenig später musste er sich hierfür entschuldigen. Ralph Giordano spürt den Zeitgeist: Das jüdische Erbe Kölns, auf das seine Stadt stolz sein könnte, soll in geschichtsblinder Manie verhindert werden – nach einem über 15-jährigen Entscheidungsprozess.

Eine parteiübergreifende zivilgesellschaftliche Kölner Initiative unter Beteiligung zahlreicher Bildungsträger, der Evangelischen Kirche, der Gewerkschaften, zahlreicher Kölner Museen und des Vereins EL-DE-Haus, hält dagegen. Der 91-jährige Giordano: »Ich lebe seit 50 Jahren in Köln. Ein jüdisches Museum im Herzen der Stadt, auf dem Boden des alten jüdischen Viertels – ich hoffe, dass ich dies noch erlebe.«

Eine mehr als fragwürdige Rolle bei den Protesten gegen das Projekt spielt der Architekt Peter Busmann. Der Entwurf des 80-Jährigen bei den Ausschreibungen zum Jüdischen Museum scheiterte bereits im Vorfeld. Gewonnen hat das renommierte Architekturbüro Wandel Hoefer Lorch & Hirsch, das bereits die neue Dresdner Synagoge und das Jüdische Zentrum Münchens geplant hatte.

Protest Busmann ließ sein eigenes Scheitern keine Ruhe. Ursprünglich hatte er den »kölschen« Gegenentwurf des Stadthistorikers und Journalisten Martin Stankowski unterstützt (vgl. Jüdische Allgemeine vom 17. Oktober 2013). Als dieser mitteilte, dass seine Gruppierung nun die Entscheidung des Kölner Stadtrates akzeptiere und das Bürgerbegehren ablehne, scherte Busmann aus. Bei der Pressekonferenz der Museumsgegner saß er fortan in vorderster Reihe. Ende 2013 formulierte der Kölner Vorstand des Bundes Deutscher Architekten einen scharfen Protest gegen die Alleingänge seines Kollegen. Sie warfen ihm »mangelnde Kollegialität« und »bewusste Rufschädigung von Kollegen« vor.

Nach Einschätzung der Kölner Stadtverwaltung hat das in den Kommunalwahlkampf hineingetragene Bürgerbegehren juristisch keine Chance, so Brigitta von Bülow, kulturpolitische Sprecherin der Grünen. Sie fordert transparente Informationen über Kostensteigerungen und eine noch nachdrücklichere städtische Unterstützung für dieses »bedeutende Vorhaben«, das »weit über Köln hinaus Strahlkraft« besitze.

Umdenken
In den vergangenen Monaten mehren sich die Stimmen für das Museum. Ende Januar übermittelte der Tel Aviver Bürgermeister Ron Huldai seinem städtepartnerschaftlich verbundenen Kölner Amtskollegen Jürgen Roters seine »große Freude« über das wegweisende Projekt. Huldai erinnert an die 50 Jahre zurückliegende Einrichtung der Israel-Mission in Köln – der Beginn diplomatischer Beziehungen: »Dieses wichtige Projekt zeugt von Ihrem Bekenntnis zum jüdischen Erbe Ihrer Stadt, und ich würde mich sehr geehrt fühlen, das Museum besuchen zu können, sobald es geöffnet ist.«

Die Bethe-Stiftung bittet um Spenden für das Museum und garantiert deren Verdopplung. Ihr kölnweites Flugblatt ist von zahlreichen nichtjüdischen Persönlichkeiten und Gruppen unterzeichnet worden, aber auch von Miguel Freund, Ralph Giordano und Peter Finkelgruen.

In den letzten Wochen hat Lorch seine Museumspläne konkretisiert – und einige der Kritikpunkte berücksichtigt. Der Gesamtkomplex soll kleiner ausfallen, der Eingang zum Museum direkt am Rathausvorplatz liegen. Die Dachlandschaft wird als fünfte Fassade gestaltet. Zwischen dem Jüdischen und dem Wallraf-Richartz-Museum entsteht ein größerer Platz. Brigitta von Bülow hofft auf eine Grundsteinlegung noch in diesem Jahr. Eröffnet werden solle das Museum 2016.

Berlin

Antisemitismus ohne Scham

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Kahal Adass Jisroel in Berlin-Mitte wurde nach eigenen Angaben auf der Straße mit dem Tode bedroht

von André Anchuelo  30.07.2026 Aktualisiert

Thüringen

Das Erbe der Simsons

Beim jährlichen Moped-Treffen in Suhl feiern Zehntausende den »Sound des Ostens«. Doch hinter der Kultmarke steht die Geschichte einer von den Nazis vertriebenen jüdischen Unternehmerfamilie

von Helmut Kuhn  30.07.2026

Fußball

Rot-Weiß verbindet

Vergangene Woche gründete sich mit den »FCB Chaverim« der deutschlandweit erste jüdische Fanklub des FC Bayern München

von Luis Gruhler  30.07.2026

Erinnerung

Für immer

Manchmal sind es die kleinen Dinge, von denen wir uns nie trennen würden. Wir haben Gemeindemitglieder gefragt, welche Gegenstände ihnen viel bedeuten

von Christine Schmitt  30.07.2026

Unterfranken

Dem Hass die Stirn bieten

Nach dem brutalen Angriff auf ein Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft riefen prominente Redner bei einer Mahnwache in Würzburg zum Widerstand gegen Antisemitismus auf

von Stefan W. Römmelt  30.07.2026

CSD

Vom Feiern zum Schock

Auch viele queere Jüdinnen und Juden tanzten fröhlich auf Berliner Straßen – bis der Anschlag geschah

von Christine Schmitt  29.07.2026

Lesen

Zehn Welten

Die Journalistin Anna Lutz hat Jüdinnen und Juden porträtiert und darüber ein Buch veröffentlicht. Entstanden sind Geschichten zwischen Nähe und Distanz

von Leon Stork  28.07.2026

Kino

»Das ist das Vermächtnis meines Vaters«

Alice Brauner setzt als Produzentin die Familientradition fort. Ein Gespräch über ihren neuen Film »Block 10«, Herausforderungen für Schauspieler und intensive Recherchen

von Christine Schmitt  28.07.2026

München

Vorhang auf für die Kids

Zum Start der Sommerferien führen die Kinder der Sinai-Grundschule ein Musical in englischer Sprache auf

von Luis Gruhler  28.07.2026