NS-Geschichte

»Das ist eine Schande«

Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, bringt komplizierte Sachverhalte oft mit wenigen Worten auf den Punkt. In diesem Fall genügte ein einziger kurzer Satz: »Das ist eine Schande.«

Die deutliche Klassifizierung, die die Frau an der Spitze der IKG vornimmt, betrifft ein Grab in der Idylle Oberbayerns, das es eigentlich gar nicht geben dürfte. »Alfred Jodl« steht hervorgehoben auf dem Grabstein in Form eines Eisernen Kreuzes, sein militärischer Rang, Generaloberst, sein Geburtstag – und sein Todestag, der 16. Oktober 1946.

KOMPLIZEN Vor 74 Jahren wurde in der Turnhalle des Gefängnisses in Nürnberg ein Kapitel Weltgeschichte geschrieben. Hitlers Komplizen aus der ersten Reihe wurden an diesem Tag hingerichtet. Der Internationale Gerichtshof hatte Männer wie Hitlers Stellvertreter Hermann Göring, »Stürmer«-Herausgeber Julius Streicher, Außenminister Joachim Ribbentrop und SS-Spitzenfunktionär Ernst Kaltenbrunner zum Tode verurteilt.

Der Internationale Gerichtshof sprach Alfred Jodl 1946 in allen vier Anklagepunkten schuldig.

Zu den zwölf Nazis aus der oberen Etage des Machtapparats, gegen die das Todesurteil vollstreckt wurde, gehörte auch Alfred Jodl. Er war im Zweiten Weltkrieg Chef des Wehrmachtsführungsstabes im Oberkommando der Wehrmacht und damit in führender Position an der Planung der deutschen Militäroperationen beteiligt.

In seinen Kompetenzbereich gehörten beispielsweise auch die massenmordenden Einsatzgruppen. Nach Hitlers Tod war es Alfred Jodl, der die bedingungslose Kapitulation als Deutschlands Vertreter unterschrieb. Der Internationale Gerichtshof sprach ihn in allen vier Anklagepunkten schuldig.

URTEIL Teil des Urteils war auch eine genaue Regelung für den Umgang mit den Leichen der Hingerichteten. Für ihre Verbrennung bestimmten die Richter das Krematorium des Münchner Ostfriedhofs – und sie ordneten an, dass die Asche in einem Gewässer verstreut werden sollte. Wahrscheinlich war es der Wenzbach bei Pullach. Mit dieser Maßnahme wollte man verhindern, dass Stätten der Erinnerung an die Massenmörder entstehen.

Auf dem Friedhof der Fraueninsel im Chiemsee ist jedoch genau das passiert. Wann genau und unter welchen Umständen der Grabstein mit den Daten Jodls auf den Friedhof kam, lässt sich nach Aussagen des früheren Bürgermeisters nicht mehr feststellen. Nach dem Krieg lief der Friedhof auf der Insel noch unter Regie des Klosters, später war die Gemeinde dafür zuständig.

Zu einem öffentlichen Thema wurde das Grab, das ein Scheingrab ist, durch den auf der Fraueninsel beheimateten Architekten Georg Wieland. Zumindest ein erklärendes Schild vor dem Grab sollte es geben, argumentierte er schon vor mehr als zehn Jahren. Danach trat der Aktionskünstler Wolfgang P. Kastner mit roter Farbe auf dem Grabstein in Erscheinung und wurde vom Grabeigentümer, einem Großneffen Jodls, verklagt.

Diese rechtliche Auseinandersetzung ist nur Teil eines größeren juristischen Komplexes, der bereits das Verwaltungsgericht München beschäftigt hat. Der Großneffe war dort gegen die Kündigung der Grabnutzungsrechte durch die Gemeinde vorgegangen, die jeweils auf 20 Jahre befristet sind und 2018 ausliefen.

NUTZUNGSRECHTE Auf das Auslaufen der Nutzungsrechte und die damit zusammenhängende »geräuschlose« Beseitigung des Grabs hatte auch der Petitionsausschuss des Landtags gesetzt, an den sich das Duo Wieland-Kastner gewandt hatte. Dieser Lösung machten allerdings die Verwaltungsrichter einen Strich durch die Rechnung.

Sie kamen zu dem Ergebnis, dass es sich nicht um ein Denkmal handle, »sondern um ein Familiengrab mit einem gewöhnlichen Grabstein, wie er auf zahlreichen Friedhöfen zu finden ist«. Kein Grund für eine Kündigung also.

Der Gemeinderat wird sich in seiner nächsten Sitzung mit dem Fall beschäftigen.

Leichte Magenschmerzen dürften den Grabbesitzer dennoch befallen haben. Nach dem Urteil verdeckten zwei Grünpflanzen etwas halbherzig die Daten des Hitler-Generals. »Das reicht nicht«, kommentierte dies Martin Runge, Vorsitzender des Innen- und Petitionsausschusses im Landtag, in dem das Scheingrab vor wenigen Wochen erneut Thema war. Alle Mitglieder seien sich einig gewesen, berichtet Runge, dass der Grabstein mit dem Namen beseitigt werden müsse.

So weit ist man bei der Gemeinde und deren neuem Bürgermeister noch nicht. Dort ist, wie der Geschäftsführer bestätigt, die Forderung des Landtagsausschusses angekommen. Mit dem rechtlich schwierigen Fall wird sich seinen Worten zufolge der Gemeinderat in der nächsten Sitzung Ende Juni beschäftigen.

Für die Kommunalpolitiker ist der Spielraum eng. »Wenn es nicht anders geht«, sagt Runge, »wird der Landtag die bayerische Friedhofssatzung entsprechend ändern. Aber dieser unsägliche Grabstein kommt weg.« Derweil unternimmt der Großneffe weitere Rettungsversuche. Momentan sind die Daten Jodls auf dem Grab durch eine Steinplatte abgedeckt. »Eine Lösung«, sagt Charlotte Knobloch, »ist das nicht.«

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