Interview

»Damit ihr Schicksal nicht vergessen wird«

»Man muss hoffen – auch angesichts der Situation in Israel«: Uschi Glas Foto: picture alliance/dpa

Frau Glas, warum legen Sie so großen Wert auf Pünktlichkeit?
Weil es ein Zeichen von gegenseitigem Respekt zwischen zwei Menschen ist.

Mit welchen Werten sind Sie erzogen worden?
Mein Vater war streng, meine Mutter locker. Sie hat Brücken gebaut und ein Auge zugedrückt. Aber es gab Regeln: Wie benimmt man sich bei Tisch? Wie spricht man miteinander? Wie diskutiert man miteinander? Und mein Vater hat mir mit auf den Weg gegeben: Uschi, du musst am Ende des Tages immer in den Spiegel schauen können. Was war gut, was war schlecht, was kann ich verbessern? Das gibt eine gewisse persönliche Kontrolle. Dass man seinen Mitmenschen Achtung entgegenbringt.

Und was tut man, wenn man im Spiegel diese Person erkennt, die sich daneben­benommen hat?
Dann muss ich meinen Spuren nachgehen.

Was machen Sie mit dem Schuldgefühl?
Das muss man aus dem Weg schaffen, weil man es sonst ewig mit sich trägt. Ich möchte da sein, den Tag erkennen – es ist wichtig, dass wir alle die Hoffnung nicht aufgeben. Auch angesichts der Situation in Israel und in der Ukraine. Man muss trotzdem hoffen.

Was hilft Ihnen dabei, Hoffnung zu haben?
Meine Eltern und Großeltern. Sie haben zwei Weltkriege mitgemacht, sie haben Inflation erlebt. In ihrer Jugend gab es einen Krieg, dann war ein bisschen Pause, dann kam der nächste und dann der Wahnsinn des Dritten Reichs. Mein Vater ist 1913 geboren worden und meine Mutter 1914. Die sind als junge Menschen in dieses verdammte Dritte Reich hineingeschlittert, dann war Krieg, dann hatten sie plötzlich vier Kinder. So war das.

Und für Sie?
Ich habe schon als junges Mädchen stark den Wiederaufbau und den Blick nach vorn erlebt und wie die Leute sich zusammentaten. Ich habe natürlich auch – in Landau an der Isar, wo ich aufgewachsen bin – Außenseitertum erlebt, die Flüchtlinge, die gekommen sind. Wir sollten heute nicht jammern. Ja, das ist jetzt holprig, aber damit müssen die jungen Menschen, die bisher ohne Sorge aufgewachsen sind, leider fertigwerden. Und das geht nicht ohne Hoffnung. Man kann nicht dasitzen und nichts tun.

Woher nehmen Sie diese Zuversicht?
Meine Mutter war eine sehr optimistische Frau. Und ich bin auch gläubig. Ich bin jeden Tag dankbar, dass ich aufwachen und meine Beine aus dem Bett schwingen kann. Das ist ein Geschenk.

Wie äußert sich diese Gläubigkeit?
Ich glaube einfach, dass es irgendetwas zwischen Himmel und Erde gibt. Schauen Sie sich nur die Natur an, die ist so fantasievoll, so wunderbar, einfach unbegreiflich.

In Ihrem neuen Buch »Ein Schätzchen war ich nie« beschreiben Sie sich als Außenseiterin. Warum?
1939 wurde mein Vater nach Niederbayern versetzt. Wir kamen als Evangelische in eine stockkatholische Stadt. Ich wurde 1944 geboren, und als ich als kleines Mädchen zum Kindergottesdienst gegangen bin, wurde ich mehrfach beschimpft. Weil ich eine dunklere Hautfarbe und schwarze Locken hatte. Ich habe als Kind darunter gelitten, Außenseiterin zu sein, nicht dazuzugehören und weil ich evangelisch bin. Das alles hat mich geprägt, aber irgendwann habe ich angefangen zu kämpfen.

Auf welche Art?
Ich habe mich nicht versteckt. Gerade gestern habe ich einen Spruch von Reinhold Messner gehört: »Wenn du fliegen willst, musst du Gegenwind haben.« Ich habe so oft in meinem Leben Gegenwind gespürt und habe mich dagegengestellt, bin nicht ausgewichen.

Wie genau hat sich das gezeigt?
Ich habe diskutiert, bis zum Geht-nicht-mehr. Auch mit Lehrern. Ich habe nie kapiert, warum ich still sein soll. Und ich habe meinen Vater nach dem Dritten Reich gefragt. Ich habe immer gedacht, ich sei die Einzige aus meiner Generation, die ihren Eltern diese Fragen stellte, aber wenn ich heute Bücher lese von Leuten, die so alt sind wie ich, haben auch sie zu Hause gekämpft. »Ich will jetzt wissen, was da los war.« Aber du hast keine Antwort bekommen. Da war immer diese Ungewissheit: War er Mitläufer? Ist er da hineingerutscht? Und jetzt sind wir wieder in der Situation, in der wir möglicherweise an einer Weggabelung stehen.

Was meinen Sie?
Die Generation meiner Eltern wurde nicht als Mörder geboren. Sie sind da hineingeschlittert. Die einen waren schon immer überzeugte Antisemiten, andere haben weggeschaut, und wieder andere hatten jüdische Freunde. Und trotzdem ist es passiert! Weil sie nicht schon bei den ersten Anfängen gesagt haben: Jetzt ist Schluss, ich stehe zu meinem Schneider, ich stehe zu meinem Bäcker, ich stehe zu meinen Freunden. Wenn die Mehrheit der deutschen Bevölkerung das gemacht hätte, wäre vielleicht alles anders gekommen.

Aber woher nimmt man den Mut, wenn man Propaganda und Einschüchterung ausgesetzt ist?
Aber doch nicht vom ersten Tag an, das kommt langsam. Mein Mann und ich gehen seit dem 7. Oktober 2023 jeden Sonntag zu »Run for their Lives«, damit das Schicksal der israelischen Geiseln, die von der Hamas nach Gaza verschleppt worden sind, nicht in Vergessenheit gerät. Aus meiner Branche, also Schauspieler, Regisseure, Leute, die eine öffentliche Wirkung haben, wünschte ich mir hier mehr Solidarität.

Wie erklären Sie sich, dass das Thema Vorurteile gegen Juden überhaupt noch eines ist?
Der Antisemitismus ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Den gab es immer wieder. Von den extremen Rechten wie den extremen Linken. Das erleben wir heute tagtäglich auf unseren Straßen, wenn unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit gegen Juden und den israelischen Staat gehetzt wird. Jeder von uns trägt die Verantwortung, sich bewusst zu sein, was passiert, wenn man so etwas zulässt. Wissen Sie, ich habe jüdische Freunde, die sich wieder fürchten, denen es lieber ist, in der Öffentlichkeit nicht als Juden erkannt zu werden. Das finde ich sehr bedrückend.

Wie bewerten Sie die Solidarität in der deutschen Gesellschaft mit den israelischen Geiseln?
Als ich erfahren habe, dass sich nach dem 7. Oktober vor der Universität Menschen treffen, um ihre Solidarität für die entführten Menschen zu zeigen, haben mein Mann und ich gesagt: »Da gehen wir hin.« Für die Befreiung der Geiseln auf die Straße zu gehen, hat mit Politik nichts zu tun – es ist ein Zeichen von Menschlichkeit.

Konnten Sie Freunde oder Bekannte davon überzeugen mitzugehen?
Leider nur wenige. Aber dadurch, dass ich mitgehe, kommen Menschen auf mich zu und sagen: »Ich habe Sie in der Zeitung gesehen, ich wusste gar nichts davon, ich gehe jetzt auch mit.«

Was ist der Grund dafür, dass viele Ihrer Kollegen sich nicht mit den Geiseln solidarisieren?
Ich glaube, manche haben tatsächlich Angst, aber dann gibt es auch diejenigen, die berufliche Nachteile befürchten, weil sie von Regisseuren, die sich gegen Israel positionieren, nicht mehr engagiert werden.

Sprechen wir über die deutsche Politik. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie sehen, dass sich wieder eine Partei zeigt, die in ihren Reihen Antidemokraten, Rechtsextremisten, Antisemiten zulässt?
Ich finde das beängstigend, aber man sollte mit diesen Menschen öffentlich diskutieren. Aufdecken, was die denken.

Würden Sie sich zutrauen, mit einem Abgeordneten im Bayerischen Landtag öffentlich zu streiten?
Ja. Aber Streiten ist das falsche Wort. Ich würde diskutieren. Ich habe nie mich gedrückt.

Mit der Schauspielerin und Sängerin sprach Louis Lewitan.

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