ZWST

Chatten lernen mit 65

Beim ZWST-Digitalisierungsprojekt Mabat erklären junge Menschen älteren den Umgang mit Tablets. Foto: Chris Hartung

Dass das Thema aufgrund der neuen Corona-Regeln brisanter sein würde als jemals zuvor, ahnte vorvergangene Woche die Zentralwohlfahrtstelle der Juden (ZWST) nicht, als sie zu einem zweitägigen Seminar unter dem Titel »Online und Einsamkeit« einlud. Der Inklusionsfachbereich Gesher der ZWST konnte dazu mehr als 30 Teilnehmer begrüßen, die Vorträge und Tipps für die Praxis via Zoom verfolgten.

Uwe F. Winkler, Psychiater und Oberarzt der Vitos-Klinik Bamberger Hof in Frankfurt erklärte, warum das Virus auf viele Menschen so besonders angstauslösend wirkt: »Es ist unsichtbar, man kann Aerosole nicht sehen. Das hat Kontrollverlust zur Folge.«

Psychische Belastungen äußerten sich jedoch nicht nur in Depressionen oder Angst, weiß Winkler. »Sie können sich auch in körperlichen Beschwerden wie Atemnot, Schlafstörungen, Schmerzen, Magen-Darm-Beschwerden zeigen.« Diese »verdeckten Symptome« seien nicht immer leicht zu erkennen, aber wenn mehrere fachärztliche Untersuchungen ohne Befund bleiben, sei ein Besuch bei einem psychiatrischen Facharzt angeraten. »Wir haben heute sehr gute Medikamente, die gut verträglich sind.«

Sehbehinderte Eine Gruppe sei durch Corona im Übrigen ganz besonders betroffen, ohne dass dies öffentlich thematisiert werde. »Blinde Menschen sind darauf angewiesen, vieles zu ertasten, ihr Risiko, in Kontakt zu Coronaviren zu kommen, ist also erhöht.« Außerdem könnten sie ja nicht sehen, ob jemand in der Supermarktschlange hinter ihnen Maske trägt oder genug Abstand hält, und entsprechend nicht darauf reagieren.

Aber nicht nur die Sorge um Klienten und Patienten solle im Mittelpunkt stehen, betont der Psychiater, sondern auch, dass Sozialarbeiter und Mitarbeiter in sozialen Einrichtungen »auf sich selber achten«. Dazu gehöre auch, sich nicht auf stundenlange Telefongespräche einzulassen. »Regelmäßiger, kurzer Kontakt mit klaren Zeitvorgaben« und verlässliche Einhaltung dieser Gesprächstermine seien wichtig.

Insgesamt sei es für alle angeraten, den Alltag positiv zu gestalten, mit festen Zeitabläufen und Routinen, Austausch, gegenseitiger Hilfe und vor allem dem Vermeiden des sogenannten Doomscrollings, also der stundenlangen Suche nach schlechten Nachrichten speziell zum Thema Corona.

Aber wie kann Einsamkeit bei alten Menschen verhindert oder abgemildert werden, die derzeit auf körperliche Nähe verzichten müssen? Die studierte Betriebswirtin Dagmar Hirche wollte schon vor dem Beginn der Pandemie, dass die Generation 65-plus weiter an der Welt teilhaben kann, und gründete den Verein »Wege aus der Einsamkeit«.

»Alte Menschen werden oft auf das reduziert, was sie nicht mehr können.«

Dagmar Hirche

»Alte Menschen werden oft auf das reduziert, was sie nicht mehr können«, beschreibt Dagmar Hirche die Situation vieler Senioren. »Dabei können sie noch sehr viel, und vor allem sind sie oft auch stressresistenter als Junge, denn sie haben schon viel erlebt.«

Ein großes Problem alter Menschen ist, dass sie in einer Gesellschaft, die stolz auf Inklusion und die vielen Möglichkeiten zur Teilhabe ist, fast schon automatisch ausgegrenzt werden. Dagmar Hirche nennt als Beispiel die in Schwimm- und Hallenbädern geltenden Beschränkungen der Besucherzahlen. Geregelt wird der Zugang durch online vergebene Termine. Das, was vielen als bequem und einfach gilt, ist für alte Menschen ohne Computerkenntnisse eine unüberwindbare Barriere. Die allerdings nirgendwo thematisiert wird, ebenso wenig wie manchmal nur noch online vergebene Arzt-, oder Behördentermine, was als digitaler Fortschritt gilt.

wlan Wenn alte Menschen arm sind, dann bleiben sie es in aller Regel auch, entsprechend haben sie keine Aussicht darauf, sich eines Tages schnelles Internet und modernste Computer oder Tablets leisten zu können. Sie sind daher auch von der Nutzung solcher für Jüngere selbstverständlichen Kommunikationsmittel wie Zoom ausgeschlossen. Flächendeckendes W-Lan gehört daher zu den Forderungen von Hirche. Seniorenheime und -tagesstätten müssen ihrer Meinung nach ebenso selbstverständlich kostenloses Internet bieten wie Institutionen.

Nicht zuviel wollen, zunächst reicht es, wenn die Senioren den Umgang mit Messengerdiensten erlernen.

»Nicht zuviel beizubringen versuchen« lautet die erste Regel, die Dagmar Hirche den Teilnehmern ans Herz legt. Zunächst reiche es beispielsweise, wenn die Senioren den Umgang mit Messengerdiensten erlernen, um mit Familie und Freunden in Kontakt bleiben zu können. »Verabschieden Sie sich von der Vorstellung, die großen Dinge zu schulen«, rät sie, das mache alles leichter.

Tipps Ein weiterer Tipp lautet, für die Bedienung von Pads oder Smartphones geeignete Stifte einzusetzen, »denn alte Menschen leiden oft unter Rheuma oder Arthritis, und dann klappt das Tippen mit den Fingern nicht mehr so reibungslos«. Außerdem sei es sinnvoll, den Unterricht von vornherein nicht in einem Stuhlkreis, sondern an Tischen sitzend zu planen. »Das Handy oder das Tablet festzuhalten und sich gleichzeitig Notizen zu machen oder Folien abzufotografieren, geht einfach nicht.«

Arbeite man mit einer größeren Gruppe, sei es überdies meistens gar nicht nötig, alles allein zu erklären, »man kann die Leute auch beteiligen, indem sie sich gegenseitig zeigen, wie etwas funktioniert«.

Motivation Um die Älteren zur Teilnahme zu motivieren, sollte man auch abschreckende Bezeichnungen vermeiden, merkt Dagmar Hirche an. »Nennen Sie es vielleicht Gesprächsrunde, aber lieber nicht hochtrabend Workshop oder Seminar – ganz ehrlich, zu solchen Veranstaltungen bin ich auch in meiner aktiven Zeit als Berufstätige nicht hingegangen.«

Der Verein »Wege aus der Einsamkeit« bietet viele Möglichkeiten für gemeinsame Aktivitäten im Internet.

Nun helfen tägliche WhatsApp-Chats mit den Verwandten aber sicher nicht gegen das grundlegende Gefühl von Isolation und Einsamkeit, das viele Senioren nun schon seit Monaten haben. Der Verein »Wege aus der Einsamkeit« bietet mittlerweile viele Möglichkeiten für gemeinsame Aktivitäten im Internet, von Quizveranstaltungen und Gesprächsrunden bis hin zu Lesungen, dem Sitztanz »Jerusalema«, Spielerunden und auch nächtliche Chats. Die alten Menschen benötigten oft nur die Basis für derlei Zeitvertreibe; wie sie diese konkret umsetzen wollen, ist ihnen überlassen.

Betrug Bleibt das Thema Sicherheit. Senioren gehören zur bevorzugten Zielgruppe von Betrügern und Abzockern. »Wir legen großen Wert darauf, dass unsere Leute nicht mit ihren Klarnamen an Zoom-Veranstaltungen teilnehmen«, gibt Dagmar Hirche ein weiteres Beispiel aus der Praxis. »Das würde es etwaigen Unbefugten sehr einfach machen, an weitere persönliche Informationen zu kommen«, sagt sie. Und rät dazu, sich für das Thema Internetsicherheit bei einem Seminar ruhig auch professionelle Hilfe zu suchen: »Wir haben beispielsweise beim zuständigen Landeskriminalamt angefragt, das schickte dann jemanden, und es war eine sehr lehrreiche Veranstaltung.«

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