Mannheim

Schätze der Synagogalmusik

Freuen sich auf die Konferenz: Mehr als 30 Kantorinnen und Kantoren haben sich angemeldet; sie gestalten Konzerte und nehmen an Workshops teil. Foto: Alexander Kästel

Vor 40 Jahren hätte sich Raffaele Polani, Oberkantor aus Mannheim, nicht vorstellen können, wie viele Kantoren einmal in Deutschland amtieren würden. »Damals gab es nur wenige«, erinnert er sich. Die Kantoren fand man neben Israel eher in den USA. Grund dafür war, dass es damals weniger jüdische Gemeinden als heute gab. Der Israeli kam als Opernsänger nach Mainz, entschied sich aber, Kantor zu werden. »Ich hatte eine Familie und wollte nicht immer als Opernsänger in verschiedenen Städten auf der Bühne stehen, und die Liturgie zog mich an.«

Nun kann er sich gleich auf mehrere Ereignisse freuen: Die zweite bundesweite Konferenz des Verbandes jüdischer Kantoren findet vom 19. bis 22. Januar wieder in »seiner« Mannheimer Gemeinde statt. Und er selbst soll mit einer Uraufführung des israelischen Komponisten Ohad Stolarz für 40 Jahre Kantorentätigkeit gewürdigt werden. »Die Ehrung ist mir sehr, sehr wichtig, gleichzeitig freue ich mich, selbst singen zu können«, sagt der Oberkantor, der in diesen Tagen in Israel ist, aber rechtzeitig zum Konzert am 19. Januar zurück in Mannheim sein wird, bei dem die Kantoren mit Chor- und Orgelbegleitung das Beste der synagogalen Musik aus Deutschland und der Welt präsentieren. Es findet in der Jüdischen Gemeinde statt.

Bis heute amtiert Raffaele Polani regelmäßig mit Kantor Amnon Seelig, der gleichzeitig Vorsitzender des Verbandes ist, bei den Gottesdiensten. Meist singen die beiden im Duett. »Das genieße ich sehr«, sagt Polani. Mehr als 30 Kantorinnen und Kantoren aus ganz Deutschland, von orthodox bis liberal, werden zur Konferenz nach Mannheim kommen.»

Vor drei Jahren startete der Verband mit acht Mitgliedern, nun sind es bereits mehr als 40.

Die tiefe Liebe zur synagogalen Musik, die Verantwortung gegenüber unseren Gemeinden und die wichtige Frage nach der Identität jüdischer Gemeinden in Deutschland heute – das verbindet uns«, so Assaf Levitin, Vorstandsmitglied des Verbandes und Kantor in der Reformsynagoge in Hamburg. Neben Workshops und Diskussionen finden auch Meisterkurse statt. Fünf Dozenten kommen aus Nordamerika, einer aus Wien.

Es wird täglich öffentliche Konzerte geben. Die besten Kantorinnen und Kantoren Deutschlands singen in drei großen Konzerten mit Blick auf die Vergangenheit und einem Zwinkern in die Zukunft, heißt es im Programm. Zwei Konzerte werden in Mannheim stattfinden, das dritte in Pforzheim. Der Eintritt ist frei. Bei dem Event in der Jüdischen Gemeinde Pforzheim ist eine Anmeldung nötig.

Für Seelig ist diese Literatur deutsch-jüdisches Kulturgut

Es gibt noch weitere neue Töne. Da ist beispielsweise das Projekt »Hashivenu«, hinter dem sich deutsch-jüdische Synagogalmusik verbirgt, die demnächst in acht Bänden herausgegeben wird. »In Zusammenarbeit mit der Edition Peters, einem der größten Musikverlage der Welt, veröffentlichen wir eine einzigartige Reihe von Notenbüchern für Kantoren, gemischten Chor und Orgel aus den Jahren 1838 bis 1938. Viele dieser musikalischen Perlen wurden seit der Pogromnacht 1938 nie wiederaufgeführt – bis jetzt«, sagt der Verbandsvorsitzende Amnon Seelig.

Mit moderner hebräischer Aussprache und vereinheitlichter Notation sollen diese »Schätze« wieder zu neuem Leben erweckt werden. Für Seelig ist diese Literatur deutsch-jüdisches Kulturgut, das durch die Schoa ausgelöscht wurde. Oft begegne er nichtjüdischen Dirigenten, die sich dafür interessieren, aber an der Sprache scheitern. Für die Interessierten soll die Musik leichter zugänglich sein. »Wir freuen uns, dass die Edition Peters sie nun verlegt.« Auch dieser Notenverlag hat eine jüdische Vergangenheit, denn der ehemalige Besitzer wurde in Auschwitz ermordet. Der Chor des Nationaltheaters Mannheim wird am 20. Januar im Opernhaus am Luisenpark zusammen mit den Kantoren aus diesem Repertoire unter dem Titel »Prächtige Vergangenheit, glänzende Zukunft« singen. Weitere Projekte des Kantorenverbandes befinden sich derzeit in der Umsetzung.

Neben Chasanut werden auch Werke aus dem jiddischen Repertoire präsentiert.

Mit am wichtigsten dürfte das Projekt »Call a Kantor« sein, das nun auch vom Zentralrat der Juden in Deutschland gefördert wird. Das Vorhaben war immer ein Wunsch des Verbandes gewesen. Es gebe immer noch viele Gemeinden, die sich keine Kantorinnen oder Kantoren in Festanstellung leisten können, so Seelig. Sie sind eingeladen, sich beim Kantorenverband zu melden, der dann vermittelt. Für die Gemeinde bedeutet die Unterstützung des Zentralrats, dass sie nur noch ein Viertel des Honorars selbst tragen muss.

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Auch der Katalogisierung der jüdischen Musik hat sich der Verband angenommen. »Vieles ist bereits eingescannt, aber man muss wissen, wo man es findet«, hat Amnon Seelig festgestellt. Das solle nun vereinfacht werden. Dabei helfe die Zusammenarbeit mit der Uni Frankfurt, der Nationalbibliothek in Israel und der University of California in Los Angeles (UCLA). »Für uns ist das sehr wichtig.«

Zum Runden Tisch sind die Teilnehmer unter sich

Beim dritten Konzert, das in der Jüdischen Gemeinde Pforzheim am 21. Januar stattfindet, werden neben Chasanut auch Werke aus dem jiddischen Repertoire präsentiert – eine spannende Verbindung von liturgischer Tradition und volkstümlicher Musik. Zum Runden Tisch sind die Teilnehmer unter sich, denn es soll ein offenes Gespräch über die Rolle und Herausforderungen jüdischer Kantoren in Deutschland werden.
Mit acht Kantoren war der Verband vor drei Jahren gestartet, nun gehören ihm knapp 40 Kantorinnen und Kantoren an.

»Auch dank unserer ersten Konferenz, die wir im vergangenen Januar abgehalten haben, sind viele neu zu uns gekommen.« Ferner unterstützen die Mannheimer den Verband enorm. Der Saal und die Räumlichkeiten können genutzt werden, und da »die Gemeinde in der Stadtgesellschaft ein gutes Standing hat, werden auch viele Politiker und Stadträte zu den Konzerten kommen«.

Auch aus anderen Städten reisen Musikbegeisterte an. Im vergangenen Jahr beispielsweise der Shalom Chor aus Berlin. »Es waren wunderbare Konzerte«, sagt Renate Schröder vom Chor.

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