Kino

Boxen auf Leben und Tod

Überlebte in einem Außenlager von Auschwitz: Hertzko Haft (1949) Foto: Privatarchiv Alan Scott Haft

In der zweiten Aprilhälfte wird es jedes Jahr ernst. Jom Haschoa, Jom Hasikaron, die Erinnerung an die letzten Todesmärsche im oberbayerischen Umland und die Befreiung des KZ Dachau mit seinen unzähligen Außenlagern stehen an. In diesem Jahr kam im Rahmen der 17. Jüdischen Filmtage am Jakobsplatz noch eine filmische Darbietung hinzu: The Survivor, wie die Überlebensgeschichte von Hertzko Haft im amerikanischen Original wie auch in der deutschsprachigen Fassung heißt.

Der Filmverleih LEONINE Studios, der sich 2024 über zwei Oscars für den Film The Zone of Interest über den KZ-Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß und seine Familie freuen konnte, hatte mit The Survivor nicht so viel Glück. Er lief auf jüdischen Festivals in Toronto (2021) und Miami (2022), errang auch etliche namhafte Nominierungen. Nicht aber für den Oscar als Hauptdarsteller, den Ben Foster absolut verdient hätte, wie der (Musik-) Journalist Armand Presser in seiner Einführung im Jüdischen Gemeindezentrum ausführte. Presser hatte sich mit dem Schicksal des 1925 in Belchatów südlich von Łódź geborenen Schoa-Überlebenden intensiv beschäftigt. Boxen gilt als Symbol für Emanzipation, Selbstverteidigung, Wettstreit und Sportsgeist. Haft, der erst kurz vor seinem Tod 2007 mit seinem Sohn Alan Scott über seine Erlebnisse sprach, kam auf ganz unfreiwillige Weise zum Boxen.

In Jaworzno, einem Außenlager von Auschwitz unweit von Kattowitz, zwang ihn ein SS-Offizier zur Unterhaltung der Belegschaft zu Boxkämpfen auf Leben und Tod. Er überstand 76 Kämpfe, floh im Frühjahr auf einem Todesmarsch – und landete schließlich in einem DP-Camp bei München.

1948 ging Haft, der sich nun Harry nannte, nach Amerika

Presser sprach über den legendären Box-Wettbewerb, den das American Jew­ish Joint Distribution Committee im Januar 1947 im Zirkus Krone ausgerichtet hatte; im Publikum und im Boxring gab es nur Schoa-Überlebende. 1948 ging Haft, der sich nun Harry nannte, nach Amerika, wollte auch dort als Boxer reüssieren, in der Hoffnung, durch die Publicity in den Medien seine Jugendliebe Leah wiederzufinden. Der Regisseur Barry Levinson, der in Budapest, Nordungarn, New York und Georgia, mit bescheidenem Budget und unter coronabedingten Einschränkungen drehte, verlangte seinem Hauptdarsteller Enormes ab.

Für die Szenen im KZ nahm Foster 30 Kilo ab, musste diese aber binnen Wochen für die in den 50er- und 60er-Jahren spielenden Einstellungen wieder zulegen. Er trainierte Boxen und jiddisch-amerikanische Aussprache und studierte in der »Spielberg Foundation« Überlebendenberichte. Übrigens waren Ben Fosters Großeltern väterlicherseits russisch-jüdische Einwanderer.

»Der Film «The Survivor» ist bei Amazon, Apple TV, Sky und MagentaTV verfügbar. Alan Scott Haft: «Eines Tages werde ich alles erzählen. Die Überlebensgeschichte des jüdischen Boxers Hertzko Haft». Die Werkstatt, Göttingen 2009, 191 S., 16,90 €

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