Gedenken

»Beklemmende Aktualität«

IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch Foto: IKG München und Oberbayern

Gedenken

»Beklemmende Aktualität«

Charlotte Knobloch und Josef Schuster sprachen zum 81. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau

von Vivian Rosen  10.05.2026 09:54 Uhr

»Mein Opa war 20 Jahre alt, er wog nur noch 29 Kilo.« Im Rahmen des Gedenkens an der jüdischen Gedenkstätte, zu dem der Landesverband Israelitischer Kultusgemeinden in Bayern anlässlich des 81. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau eingeladen hatte, schilderte Samuel, ein Schüler der 10. Klasse des Münchner Helene-Habermann-Gymnasiums, den Leidensweg seines Großvaters.

Dieser gehörte zu den rund 32.000 Überlebenden, welche die US-Soldaten am 29. April 1945 befreiten. Für die meisten Gefangenen in dem schon im März 1933 errichteten Konzentrationslager kam diese Hilfe zu spät: Von mehr als 200.000 Inhaftierten aus über 40 Nationen wurden mindestens 41.500 Menschen ermordet.

Josef Schuster, Präsident des Landesverbands und des Zentralrats der Juden in Deutschland, hatte eingangs auf die »beklemmende Aktualität« des Gedenkens hingewiesen und die Verantwortung der Zivilgesellschaft angemahnt. Angesichts einer Entwicklung, in der die Feinde der Demokratie in den Parlamenten säßen, der Respekt vor den historischen Fakten schwinde und der Antisemitismus als Bindeglied fungiere, müsse das Gedenken die Gesamtgesellschaft in die Verantwortung nehmen.

Eine »Bequemlichkeit des Wegsehens« dürfe es jetzt nicht mehr geben, forderte Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Sie griff damit ein Wort des Komikers und Autors Hape Kerkeling auf, das dieser Anfang April bei der Gedenkfeier zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald formuliert hatte.

Von mehr als 200.000 Inhaftierten wurden mindestens 41.500 Menschen ermordet

In Anwesenheit von Überlebenden wie Abba Naor, zahlreichen Mitgliedern der jüdischen Gemeinden in Bayern und Vertretern aus Politik und Kirchen sagte sie: »Die Erinnerung werden wir niemals aufgeben, nur weil manche Fehlgeleitete und Bequeme dieses Land in die Finsternis seiner Geschichte zurückstoßen wollen.« Die jüdische Gemeinschaft brauche ein Land, das sich vor einer Zukunft als Täter schützen wolle.

Diese Gefahr sei so real wie nie seit 1945. Dennoch vertraue sie darauf, dass die Menschen ihre Verantwortung annähmen: »Die Verantwortung für ein Land, das Zukunft bauen kann, weil es seine Vergangenheit kennt. Deshalb erinnern wir. Deshalb bleiben wir.«

Den Bogen zur Gegenwart jüdischen Lebens schlug im Beitrag der jüdischen Jugend in Bayern Sofia aus der 12. Klasse des Helene-Habermann-Gymnasiums: »Die Na­-tionalsozialisten haben nicht gewonnen.« Davon zeuge etwa auch ihre Schule. Aber jüdisches Leben brauche Verbündete. Bevor Rabbiner Reuven Gubermann aus Erlangen das El Male Rachamim vortrug, sprach sie aus, was viele am Ende dieser Gedenkstunde mit Hoffnung und Entschlossenheit dachten: »Mir zaynen do – wir leben!«

Porträt der Woche

Die Kraft der Sichtbarkeit

Rivkah Schwarzbart entwirft seit dem 7. Oktober jüdischen Schmuck und lebt in München

von Katrin Diehl  05.07.2026

Kommentar

Meine Angst

Was es heißt als Jude in Deutschland nach dem 7. Oktober zu leben. Ein Aufschrei von André Herzberg

von André Herzberg  05.07.2026

Schule

Blick nach vorn

Das Helene-Habermann-Gymnasium in München verabschiedete seine Abiturientinnen und Abiturienten – und feierte zugleich zehnjähriges Bestehen

von Ellen Presser  05.07.2026

Lesung

Sprache statt Wurzeln

Die aus dem Irak stammende Schriftstellerin Mona Yahia stellte in München ihr neues Buch über jüdisches Leben im arabischen Raum vor

von Nora Niemann  05.07.2026

Thüringen

Achava-Festspiele: Dialog zwischen Religionen und Kulturen

Die Achava-Festspiele gehen mit mehr als 80 Veranstaltungen in ihre zwölfte Ausgabe. Neben Konzerten umfasst das Programm Ausstellungen, Filme, Vorträge, interreligiöse Begegnungen sowie Angebote für Familien und Schulen

 02.07.2026

Sport

Maccabiah Chai!

170 Athletinnen und Athleten sind in Israel beim größten jüdischen Sportevent – Wir stellen Ihnen sechs vor

von Katrin Richter, Helmut Kuhn  01.07.2026

Sachsen-Anhalt

»Eine offene Tür ist unsere Antwort«

Landesverbands-Geschäftsführerin Rimma Fil über wachsenden Antisemitismus, Sorgen vor der Landtagswahl und den festen Willen der jüdischen Gemeinden, sichtbar zu bleiben

von Christine Schmitt  01.07.2026

Verlegung

Magdeburg erhält 900. Stolperstein

Seit 2007 wird in Magdeburg mit Stolpersteinen an Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Die nunmehr 47. Verlegung wurde auf zwei Tage verteilt

 01.07.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  30.06.2026