Kinderarmut

Ballettunterricht trotz Hartz IV

Auf Sport, Musik- und Tanzunterricht für ihre Kinder wollen viele jüdische Eltern nicht verzichten – auch wenn das Geld knapp ist. Foto: Thinkstock

Elena Tanaeva redet nicht lange um den heißen Brei herum. »Die meisten unserer Eltern beziehen Hartz IV«, sagt die Sozialarbeiterin der Jüdischen Gemeinde zu Dresden. Ähnlich ist die Situation in vielen ostdeutschen Gemeinden, aber auch in Essen und anderen Städten im Westen. Kinderarmut ist also auch ein jüdisches Problem: Insgesamt 2,8 Millionen Kinder in der Bundesrepublik gelten nach Berechnungen des Deutschen Kinderhilfswerks als arm.

Der Begriff »Armut« bedeutet nicht Hunger und Elend, sondern soziale Benachteiligung: Als arm gelten Kinder, die in Familien mit weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens aufwachsen. Dalia Wissgott-Moneta, Leiterin der Sozialabteilung der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main, formuliert es so: »Armut ist dann virulent, wenn jemand die Familie nicht mehr managen kann oder Transferleistungen bezieht.« Wie gehen die Gemeinden damit um, dass viele Kinder in einer sozial schwierigen Situation aufwachsen? Und was tun sie für ihre jüngsten Mitglieder, damit die möglichst wenig davon merken?

statistik Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) ist Dachorganisation der jüdischen Wohlfahrtspflege hierzulande – doch eindeutige Zahlen, wie viele jüdische Kinder in wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen aufwachsen, gebe es nicht, sagt ZWST-Direktor Beni Bloch.

Klar sei aber, dass es »eine stattliche Anzahl« sei, »wenn ich sehe, wie viele Ferienlager für Kinder wir zusätzlich subventionieren«. Für ihre Machanot und Barmizwa-Reisen nach Israel verlange die ZWST auch von bedürftigen Familien einen Eigenanteil, der jedoch von den Gemeinden übernommen werden könne. »Wir richten uns an alle Kinder, und wir geben auch sozial Schwachen die Möglichkeit, an unseren Reisen teilzunehmen«, betont Bloch.

Adrian Schell, Gemeinderabbiner in Hameln und Jugendreferent der Union progressiver Juden (UpJ), sagt: »Bei mehr als der Hälfte der Familien reichen die Mittel nicht aus, um unsere Freizeiten zu finanzieren.« Die UpJ suche in solchen Fällen nach Sponsoren, damit auch Jugendliche, deren Eltern sich keine Israelreise leisten können, das Land besuchen könnten.

Schulen »Auch bei uns trifft Armut viele Familien«, bestätigt Noga Hartmann, Leiterin der Heinz-Galinski-Schule der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Darauf wird bei der Berechnung des Schulgelds Rücksicht genommen: Eltern, die auf Hartz IV angewiesen sind, zahlen den niedrigsten Satz. Laut der Schulgeldtabelle der Gemeinde sind das 75 Euro inklusive Essen für Gemeindemitglieder. Außerdem würden einkommensschwache Eltern entlastet, indem ihre Kinder die Schulbücher umsonst und die Arbeitshefte für die Hälfte der Kosten beziehen könnten.

Wichtig sei ihr, betont die Schulleiterin, dass Kinder aus sozial schwachen Familien Teil der Gemeinschaft sein können. »Wenn die Eltern zum Beispiel Probleme haben, die Klassenreise zu bezahlen, finden wir immer einen Sponsor.« Auch die Schulleiterin der Lichtigfeld-Schule in Frankfurt, Alexa Brum, sagt, Familien, für die der Betrag von monatlich rund 400 Euro eine Hürde darstelle, könnten sich an die Gemeinde wenden.

Je nach Einkommensteuerbescheid werde für Mitglieder eine Staffelung vorgenommen. »Wir haben einen Spender, der uns sehr großzügig unterstützt, wenn Eltern die Klassenreise nicht bezahlen können«, so Brum. Sie bestehe allerdings auf einem Eigenbeitrag auch bedürftiger Eltern zu Klassenreisen und Schulbüchern, »selbst wenn es nur zehn Euro sind«.

Bildungspaket »Wie in jeder jüdischen Familie wollen die Eltern für ihre Kinder nur das Beste – auch wenn sie Hartz IV beziehen«, sagt Elena Tanaeva. Wer aus der ehemaligen Sowjetunion komme, wisse, wie man sich in einer solchen Situation behaupten könne: Fast alle betroffenen Eltern in Dresden hätten das Bildungspaket der Jobcenter für ihre Kinder beantragt, um ihnen Sport- und Musikunterricht zu ermöglichen. Viele Eltern bemühten sich außerdem um Ein-Euro-Jobs oder um eine Teilnahme am Bundesfreiwilligendienst. Die Gemeinde biete kostenlose Nachhilfe an.

Die Sozialarbeiterin hört nicht viel über soziale Ausgrenzung. Generell seien die Zuwanderer sehr aufstiegsorientiert: »Ich bin sicher, dass 90 Prozent ihrer Kinder nicht Hartz IV beziehen, sondern studieren werden.«

Ähnlich pragmatisch sieht das auch Annette Altschaffel, Mitarbeiterin der Jüdischen Kultusgemeinde Essen. Der Großteil der Eltern in ihrer Gemeinde erhalte zwar Leistungen vom Jobcenter. »Ich habe aber den Eindruck, dass sie gut mit dem Geld umgehen. In ihrer Heimat waren sie gewohnt, den Groschen umzudrehen«, so Altschaffel. Externe Aktivitäten der Gemeinde wie Kino- und Theaterbesuch oder Schlittschuhlaufen würden für Kinder zu 100 Prozent finanziert; dies gelte auch für Feiern an Purim und Chanukka oder die Jahresabschlussfeier zum Schuljahr.

zuwanderer Trotz ihrer angespannten wirtschaftlichen Situation legten die Eltern großen Wert darauf, ihre Kinder zum Musik- oder Tanzunterricht zu schicken: »Ich sehe hier keine prekäre Notsituation – ich habe nicht den Eindruck, dass sie im engeren Sinne arm sind«, so Altschaffel. Da viele Zuwanderer unter sich blieben, seien der soziale Druck und die Konkurrenz zu finanziell besser gestellten Kindern weniger problematisch.

Dalia Wissgott-Moneta aus Frankfurt hingegen betont, anders als oft angenommen sei Armut in der jüdischen Gemeinschaft nicht automatisch eine Frage von Zuwanderung. Auch unter den »Alteingesessenen« gebe es Kinder, die von Armut betroffen sind – häufig dann, wenn die Kinder von einem Elternteil alleine erzogen würden. Viele Frauen, die sich auf eine Rolle als Hausfrau und Mutter eingelassen hätten, rutschten nach einer Trennung in die Armutsfalle, so Moneta: »Das passiert bei Alteingesessenen so oft wie bei Zuwanderern. Unsere Aufgabe ist es, Alleinerziehende nicht mit einem Makel zu belegen.«

Statussymbole Weil viele jüdische Eltern Wert auf Statussymbole legen, sind auch nicht wenigen Kindern Handys und Markenkleidung wichtig – und nicht zuletzt die ultimative Barmizwa-Party.

Adrian Schell achtet als Gemeinderabbiner deshalb sehr darauf, dass sich Unterschiede im Aufwand im Rahmen halten: »Wir stellen beim Kiddusch für alle dasselbe Büfett.« Damit wolle er vermeiden, dass Familien auf die Feier verzichten, weil sie Angst haben, keinen teuren Kiddusch bezahlen zu können. Wissgott-Moneta wiederum bewertet die Tendenz, sozialen Erfolg nach außen zu demonstrieren, nicht nur negativ: Sie schaffe zwar Kluften zwischen Arm und Reich, sei aber auch Ansporn für Ärmere.

In der vergangenen Woche hatte das Deutsche Kinderhilfswerk eine Studie vorgestellt, laut der 66 Prozent der Deutschen bereit wären, für den Kampf gegen Kinderarmut mehr Steuern zu bezahlen. »Zu diesem Zweck würden auch Mitglieder in Frankfurt mehr Gemeindesteuer zahlen«, ist Wissgott-Moneta sicher, »wenn sie wüssten, wofür das Geld eingesetzt wird.«

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