Jugendkongress

»Auf euch kommt es an«

Lebendige Diskussionen, interessante Begegnungen und ein positiver neuer jüdischer Spirit – das war der Jugendkongress 2013 unter dem Motto »Die Bedeutung Israels für uns«. Rund 400 junge Erwachsene aus ganz Deutschland waren der Einladung des Zentralrats der Juden und der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST) zu dem viertägigen Treffen in Berlin gefolgt.

Zentralratspräsident Dieter Graumann sprach von einem »selbstbewussten und starken Judentum«, das er auf dem Jugendkongress angetroffen habe. »Dies ist ein weiteres gutes Zeichen von und für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland.« Der Jugendkongress stelle eine von mehreren Veranstaltungen dar, mit denen der Zentralrat die jüngere Generation von nun an verstärkt ansprechen wolle.

»Wir wollen noch mehr auf euch zugehen«, sagte Graumann. »Auf euch kommt es uns an. Wir brauchen euch. Ihr seid unsere Zukunft.« Die Tatsache, dass so viele am Jugendkongress teilgenommen hätten, zeige, dass es endlich wieder ein frisches modernes Judentum in Deutschland gebe. »Mir geht das Herz auf, wenn ich sehe, dass so viele von euch Interesse an jüdischen Veranstaltungen haben.«

PROGRAMM Begonnen hatte der Jugendkongress am Donnerstag mit einem gemeinsamen Abendessen – musikalisch umrahmt von dem Berliner DJ Lev. Beim anschließenden Vortrag von Jonathan Davids, stellvertretender Präsident des Interdisciplinary Center Herzliya, ging es um »Das Verhältnis zwischen Israel und der Diaspora«. Davids ermunterte die Teilnehmer des Jugendkongresses, Israel kennenzulernen und auch eine Zeit lang dort zu leben. »Wir sind Brüder und Schwestern. Israel ist auch ein Teil von euch.«

Am Freitag lernten die Teilnehmer bei einer Stadtrundfahrt das jüdische Berlin kennen. Im Anschluss gedachten sie am Mahnmal der Gedenkstätte »Gleis 17« in Berlin-Grunewald der Schoa-Opfer. Im Beisein der Zeitzeugin Ruth Recknagel sprach Rabbiner Yitshak Ehrenberg das Kaddisch und Rabbiner Yehuda Teichtal das El Male Rachamim. Nach Kabbalat Schabbat stellten sich der israelische Experte für Terrorfragen, Assaf Moghadam, und Rabbiner Yechiel Bruckner den Fragen.

Yossi Kuperwasser, Generaldirektor des israelischen Ministeriums für strategische Fragen, gab Einblicke in die politische Situation des Nahen Ostens. Später dann standen mehrere Workshops auf dem Programm. Dabei sprachen unter anderem Doron Kiesel und Schimon Staszewski mit Teilnehmern über deren Verhältnis zu Israel.

Johannes Heil und Frederek Musall von der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg sprachen über die Bedeutung Israels aus religiöser Sicht. Bei der großen Purim-Party folgten dann viele Teilnehmer den Ausführungen des bedeutenden Talmud-Gelehrten Raba, wonach man an Purim so viel trinken solle, bis man nicht mehr zwischen den Worten »Verflucht sei Haman« und »Gesegnet sei Mordechai« unterscheiden könne.

Podiumsdiskussion Ein Highlight des Jugendkongresses war die hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion zum Thema »Die Bedeutung Israels für uns«, die den Abschluss des Jugendkongresses bildete. Moderiert von »Zeit«-Herausgeber Josef Joffe debattierten unter anderem Dieter Graumann, die Bundestagsabgeordneten Gregor Gysi, Jerzy Montag, Bijan Djir-Sarai und Karl-Georg Wellmann sowie Ron Prosor, Botschafter Israels bei der UN.

Vieles an der Diskussion über das deutsch-israelische Verhältnis war außergewöhnlich. Ein muslimischer Deutsch-Iraner, der flammende Reden auf Israel hält. Ein Linke-Politiker, der ebenfalls starke Sympathien für Israel hegt. Ein Vertreter der Grünen, der mehr U-Boot-Lieferungen an Israel fordert. »Wir sind ja hier unter uns«, bemerkte Joffe schmunzelnd.

Linke Auf die erste Frage Joffes, ob die Linke nicht schon seit Marx »einen Judenknacks« hätte, antwortete Gregor Gysi ungewohnt selbstkritisch. Er bezeichnete es als bestenfalls befremdlich, dass sich seine Fraktion über Israel permanent ereifere, zum Genozid im Sudan etwa aber weitgehend stumm bliebe. »Da ringe ich mit meiner Partei«, so der Fraktionsvorsitzende. Einen »Judenknacks« hätten die Kommunisten trotzdem nicht, so Gysi. Schließlich habe Stalin Israel in den 1950er-Jahren Waffen geliefert.

Das wollte Dieter Graumann nicht unkommentiert lassen. »Die DDR hat den palästinensischen Terror jahrzehntelang systematisch unterstützt«, erklärte Graumann. Dies sei nur ein Beispiel von vielen. Einige Linke-Bundestagsabgeordnete seien bezüglich Israel nach wie vor »zerfressen von Hass«. Ihre Kaltherzigkeit sei nur schwer zu übertreffen. »Wo bleibt die Flotilla Ihrer Partei, wenn es um Syrien oder Iran geht?«, fragte Graumann Gysi. Das Publikum applaudierte, Gysi blieb eine Antwort schuldig.

Partner
»Israel ist eine Insel inmitten von einem Meer an blutigen Diktaturen«, sagte hingegen der FDP-Politiker Bijan Djir-Sarai. Als solche sei die Bundesrepublik ein natürlicher Partner des jüdischen Staates. Dafür plädierte auch der CDU-Außenpolitiker Karl-Georg Wellmann. Israels Zurückhaltung bezüglich des Arabischen Frühlings habe mehr Empathie verdient: »So wie es aussieht, hat die Arabellion nicht demokratische, sondern islamistische Regierungen gebracht.«

Für Doppelstandards in der Bewertung von Staaten forderte der Grünen-Abgeordnete Jerzy Montag: »Israels Politik muss von uns natürlich kritischer hinterfragt werden, als wir es bei anderen Staaten tun«, so Montag. Gerade weil Deutschland ein Freund Israels sei. »Das heißt nicht, dass wir uns unfair verhalten sollen, nur genauer, um unsere Freunde, falls notwendig, zu warnen.«

Für diesen Politikansatz hatte Ron Prosor kein Verständnis: Israel nehme Ratschläge zwar ernst, entscheide letztlich aber selbst. »Wir als jüdisches Volk werden unser Schicksal nie wieder in andere Hände legen als die unseren«, sagte er, gewandt an die jungen Erwachsenen. »Das ist meine Botschaft, die ich euch mitgeben will. Deswegen habe ich den Weg von New York hierher gemacht.«

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