Party

An einem Sonntag an der Spree

Das letzte August-Wochenende in Berlin: Die Sonne scheint, und bei über 30 Grad wirkt das Spreeufer des »Sage Beach« fast wie der Tel Aviver Gordon-Strand. Am DJ- Pult legt Shahak Shapira entspannte House-Musik auf, junge Großstädter tanzen dazu mit Getränken in den Händen. Eine fast idyllische Szene – ein ganz normaler Sonntag. Die Botschaft nach 50 Jahren israelisch-deutscher diplomatischer Beziehungen könnte nicht friedlicher sein.

Bis es allerdings zu dieser lauschigen »Tel Aviv-Jaffa Beach Party« kam, war es ein längerer Weg. Das Event, das von der Initiative »Habait« organisiert wurde, sollte nämlich eines auf keinen Fall sein: politisch. Doch auch im Sommer 2015 ruft eine Veranstaltung, die allein den Namen einer israelischen Stadt im Titel trägt, offenbar schon fast automatisch Proteste hervor. Während auf der Facebook-Seite der Beach Party immer mehr Menschen ihre Teilnahme bestätigten, gab es die ersten Gegenstimmen im sozialen Netzwerk.

Proteste Schnell wurde klar: Es wird eine Gegenveranstaltung geben, die zuerst »Jaffa Beach Party« hieß, letztendlich aber in »Palestine Solidarity Festival« umbenannt wurde. Organisiert von dem nach eigenen Angaben als freier Journalist arbeitenden Martin Lejeune, der seine Veranstaltung nicht als Gegenparty verstanden wissen wollte, sondern als Alternative. Als Vorbild solle der »Gaza Beach« dienen, den es vor wenigen Wochen in Paris gab und der ebenfalls ein Protest gegen das französische »Tel-Aviv sur Seine« war, einer Sommerparty am Ufer des Flusses. Und so sollte das »Palestine Solidarity Festival« direkt gegenüber des Sage stattfinden – auf der Friedrichshainer Spreeseite.

Ohne Erfolg, denn während fast 2000 Menschen auf der Kreuzberger Seite fernab von Politik feierten, blieb es am gegenüberliegenden Ufer leer. Offenbar, hieß es im Vorhinein, habe zudem noch eine kleine Gruppe von Unterstützern der Anti-Israel-Boykott-Bewegung (BDS) geplant, mit einer »Flotilla« über die Spree zu fahren und Stinkbomben auf die Party zu werfen. Allein deswegen mussten die Veranstalter mehr Sicherheit als eigentlich gewünscht organisieren. Obwohl das offizielle Ziel war, bei der Beach Party alle Berliner jeglicher religiöser Herkunft mit so wenig Security wie möglich willkommen zu heißen.

Mehr zu tun als nur Taschen zu kontrollieren, hatte die Sicherheit am Tor des Sage Beach dann für einen Augenblick in den späten Nachmittagsstunden. Denn etwa 20 anti-israelische Demonstranten stellten sich mit Palästinaflaggen und Transparent auf die Köpenicker Straße und riefen lauthals »Free Palestine« und »Palestine will be Free – From the River to the Sea«. Die Arme hochgestreckt, die Kufiya um den Hals gebunden, brüllten sie und verschwanden, nachdem die Polizei eingriff und dafür sorgte, dass die Partygäste weiter tanzen konnten.

Matkot Ein Badetuch-großes Poster mit dem Abbild der Tel Aviver Strandansicht war der einzige Hinweis, dass es einen Bezug zu Israel geben sollte. Mehr optische Links waren zum einen von den Veranstaltern nicht gewollt und zum anderen auch nicht notwendig. »Eigentlich merkte man nur durch diese Demonstration, dass es sich um eine israelische Veranstaltung handelte«, kommentierte der Medizinstudent Tomer Friedler süffisant die Situation wenige Augenblicke zuvor.

Auch das stoische Klack-Klack der harten Gummibälle, wenn sie die kleinen Holzschläger treffen, wurde durch die Proteste nicht gestört – und die Matkot-Spieler waren sowieso die Ruhe selbst bei Israels heimlichem Nationalsport. Zwischen wummernden Bässen und fröhlich schreienden Kindern machten sie ihren ganz eigenen Rhythmus.

Anders als die wippenden Köpfe der Party-Besucher, die sich in einer Schlange für Salat, Wassermelone und Pita anstellten. Ruhiger als die Kinder, die sich auf dem Spielplatz austobten und sich Buchstaben und Fragezeichen aufmalen lassen konnten. Das alles und Flip-Flops im Sand von Berlin – der Spätsommertag gab sein Bestes: »Sonne, Sand, Wasser und gute Laune – man könnte echt glauben, dass die Party in Tel Aviv stattfindet«, meinte der Besucher Philipp Fabian. Nur, dass das Bier eindeutig billiger sei als in Israel.

Hipster Das wurde vor allem am späteren Abend interessant, als die Familien mit Kindern bereits zu Hause waren. Junge Deutsche und Israelis waren, so kurz vor Beginn der neuen Arbeitswoche, in bester Feierlaune. »Ich sehe hier sehr viele bekannte Gesichter aus der Start-up-Szene«, kommentiert Garry Kruglyakow, selbst Unternehmensgründer, die vielen Gäste im hauptstadtüblichen Hipsterlook. »Obwohl natürlich nichts die Stimmung vom Strand in Tel Aviv ersetzen kann, kommt dieser Event dem Original schon verdammt nahe.«

»Eine Tel-Aviv-Party in Berlin ist schon eine klasse Idee«, lautet auch das Urteil von Dirk Laucke. Normalerweise gäbe es Berlin-Partys immer in Tel Aviv, beschrieb der Hörspielautor den ungebrochenen Berlin-Hype in Israel. »Endlich ist es einmal umgekehrt.« Und sogar das Wetter habe mitgespielt. Als die Sonne unterging, tanzten alle Gäste ausgelassen und freuten sich, in diesem ausklingenden Sommer vor einem solchen Panorama gechillt zu haben.

»Wir wollten einfach mit allen Berlinern und einer großen Party das Ende dieses tollen Sommers feiern«, erklärt Rogel Rachman, einer der Mitorganisatoren. Zwar gab es kaum Musik auf Hebräisch, dafür aber reichlich Hummus in einer Qualität, wie man sie dann doch nur aus dem jüdischen Staat kennt. Angesichts der positiven Resonanz plant Rachman, der bei der Israelischen Botschaft für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, schon für das kommende Jahr die nächste »Tel Aviv-Jaffa Beach Party«. Wenn es nach ihm ginge, könnte daraus sogar eine feste Institution werden. »Es soll ein Geschenk an die Stadt Berlin sein, nur noch viel größer als dieses Jahr.«

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