Porträt der Woche

Alles ist bereitet

Natanella Yedgar (47) übersetzt aus dem Englischen und dem Hebräischen. Foto: Rafael Herlich

Porträt der Woche

Alles ist bereitet

Natanella Yedgar hat in den vergangenen Tagen viel eingekauft für Rosch Haschana

von Rivka Kibel  19.09.2014 15:59 Uhr

Deutsche Kühlschränke sind einfach viel zu klein! Ich bin zwar in Deutschland aufgewachsen, und seit zwei Jahren leben wir in Frankfurt, aber an diese winzigen Kühlschränke kann ich mich einfach nicht gewöhnen. Vor allem an den Feiertagen, wenn ich vorkochen will und viele Salate vorbereiten muss, wird das Einräumen zur Puzzle-Arbeit. In Israel hatten wir einen Monster-Kühlschrank. Die gibt es zwar auch hier zu kaufen, doch sind die meisten deutschen Küchen – so auch unsere – dafür zu klein.

Wir führen einen koscheren Haushalt. In Frankfurt ist das nicht leicht, denn die Auswahl an Lebensmitteln wie etwa Fleisch ist hier nicht gerade groß. Andererseits lohnt es sich für uns auch nicht, zum Einkaufen nach Belgien oder ins Elsass zu fahren. Das mache ich nur vor Pessach.

Kiddusch Die meisten Zutaten, die ich für Rosch Haschana brauche, habe ich Anfang der Woche eingekauft. Mein Mann Ofer und ich haben in dem Buch Kiddusch für die Feiertage geblättert. Darin sind neben den Liedern auch alle Speisen aufgeführt, die man an dem jeweiligen Feiertag isst und welche besser nicht auf den Tisch kommen sollten. Es gibt eine Verbindung zwischen den Wortstämmen der Lebensmittel und denen anderer Wörter. Die hebräischen Buchstaben von »Karotte« beispielsweise sind dieselben wie in dem Wort »Gerichtsurteil«. Deshalb soll man Karotten essen – wir wollen ja ins gute Buch eingetragen werden. Nüsse hingegen sollten nicht auf den Tisch – sie haben dieselben Buchstaben wie »Sünde«.

Die meisten Zutaten, die für Rosch Haschana empfohlen werden – wie Schwarzaugenbohnen, nach denen wir lange gesucht haben, oder Spinat, Lauch und Kürbis –, verarbeiten wir zu Salaten oder Aufläufen. Dazu stöbern wir in den Kochbüchern meines Mannes, der Halb-Marokkaner und Halb-Inder ist. Sein kulinarisches Herz schlägt aber eindeutig für Marokko. Beim Rosch-Haschana-Essen haben wir in Sachen Menü keine Familientradition. Wir überlegen immer wieder neu, worauf wir Lust haben. Was mein Mann gerne isst, bereitet er auch selbst zu.

Mit dem Kochen beginne ich meist erst am Jom Tov selbst – dann allerdings schon frühmorgens. Wenn man acht Stunden in der Küche steht, kann man eine ganze Menge hinbekommen. Dann sind eben alle vier Herdplatten und der Backofen gleichzeitig in Betrieb. Ich kann gut planen und bin auch ansonsten gut organisiert. Nur wenn die Jungs zwischendurch in die Küche kommen und Hunger haben, wird’s schwierig. Dann müssen sie sich eben etwas aus dem Kühlschrank fischen.

Weil sich in diesem Jahr der Schabbat wieder direkt an Rosch Haschana anschließt, werden wir wieder einen Eruv Tavschilin vorbereiten. Normalerweise ist es an den Feiertagen ja verboten, Essen für den nächsten Tag zuzubereiten. Wenn man aber bereits vor dem Beginn der Feiertage symbolisch mit der Zubereitung des Schabbatessens begonnen hat – eine gekochte und eine gebackene Zutat reichen da aus –, darf man es am Feiertag fertigstellen. Normalerweise legen wir dafür eine Challa und ein hart gekochtes Ei zur Seite.

Freundeskreis
Gäste haben wir an den Feiertagen deutlich weniger als früher in Israel. Das liegt auch daran, dass wir noch keinen großen Freundeskreis haben. Ofer hat bis jetzt keinen Job gefunden, und ich arbeite als Übersetzerin von zu Hause aus. Da entstehen nicht viele Kontakte. Aber im Henry-und-Emma-Budge-Heim, dessen Synagoge wir besuchen, haben wir zumindest schon einige Menschen ein wenig näher kennengelernt.

Das Schönste an Rosch Haschana ist für mich, dass man eine bestimmte innere Ruhe bekommt. Zu wissen, dass man nichts machen muss, das gefällt mir! Es ist eine Auszeit, die mir neue Kraft gibt. Sogar meine Söhne würden das wahrscheinlich bestätigen – auch, wenn sie an den Feiertagen sicherlich lieber ausschlafen würden und die Playstation oder das Handy vermissen.

Mein Ältester, der 16-Jährige, muss allerdings auch lernen. Weil die Lichtigfeld-Schule mit der neunten Klasse endet, ist er jetzt auf ein staatliches Gymnasium gewechselt. Da findet natürlich auch an den jüdischen Feiertagen Unterricht statt – den er jeweils nachholen muss. So wird es ihm auch bald mit den letzten Schulstunden am Freitag ergehen – denn da hat er normalerweise bis 17.30 Uhr Unterricht, und im Winter beginnt der Schabbat ja schon früh. Aber das gehört nun mal zum Leben in der Diaspora.

Im Großen und Ganzen fühlen sich die Kinder hier wohl. Wir sind nach Deutschland gekommen, weil meine Eltern, die in Karlsruhe leben, nicht mehr so fit sind. Nun können wir sie wieder häufiger sehen – auch wenn es ein Stück von Frankfurt weg ist. Aber eine jüdische Schule gibt es eben nur hier.

Ich bin froh, dass meine Kinder den Krieg in Israel nicht erleben mussten. Wir haben in Beit Schemesch gewohnt, dort hat es zwei Mal Alarm gegeben. In Israel hatten die Kinder Angst, Bus zu fahren. Und auch ich bin bei jeder Busfahrt misstrauisch geworden, wenn ein arabisch aussehender Mann einstieg. Das ist sicherlich rassistisch und ungerecht – aber ich konnte gegen diese Gefühle einfach nicht ankommen.

Andererseits ist einer meiner Söhne hier in Frankfurt einmal blöd angemacht worden, weil er seine Kippa trug. Ein anderes Mal hat eine Muslima, als sie seine Magen-David-Halskette sah, gesagt: »Aha! Jude!« und vor ihm ausgespuckt. Das ist auch nicht schön.

Sprachen Wir denken häufiger darüber nach, ob wir wieder nach Israel zurückgehen sollten, und wenn ja, wann. Wahrscheinlich erst, wenn die Kinder ihr Abitur haben. Es war für sie schließlich schwierig genug, mit der deutschen Sprache klarzukommen. Ich habe mit ihnen zwar auch schon in Israel Deutsch gesprochen, dann aber musste ich auf ein Pflegekind aufpassen, mit dem ich nur Englisch sprechen konnte. Und so haben auch meine Jungs in diese Sprache gewechselt. Als wir nach Deutschland kamen, haben sie deswegen Förderunterricht in Deutsch gebraucht. Dafür ist mein Ältester jetzt aber stark im Englisch-Leistungskurs.

Aus dem Englischen mache ich auch die meisten Übersetzungen ins Deutsche. Das macht mir Spaß, weil ich mich für vieles interessiere und immer Neues dazulerne. Ich übersetze Texte zu den verschiedensten Themen. Im Moment etwa sitze ich an einem Leitfaden zu gesunder Ernährung.

Vom Hebräischen ins Deutsche übersetze ich meist Urkunden und Dokumente. Im Internet gibt es einen Pool, da suche ich mir interessante Ausschreibungen heraus und bewerbe mich darauf. Die Auftraggeber sind meist keine deutschen Firmen, denn die legen zu viel Wert auf Zeugnisse und Zertifikate. Die Israelis hingegen sagen: »Mach eine Probeübersetzung, und wir entscheiden, ob du geeignet bist.«

An dieser Nachweissucht liegt es auch, dass Ofer noch keine Arbeit gefunden hat. Er war in Israel Polizist – aber die Ausbildung wird hier nicht anerkannt. Er hat sich auch in der Hotelbranche nach oben gearbeitet und ist zudem handwerklich sehr geschickt. In Deutschland bekommt man aber ohne offizielle Ausbildung einfach keine Chance. Dennoch geben wir nicht auf. Dass mein Mann einen Job findet, ist, neben guter Gesundheit, einer meiner größten Wünsche fürs neue Jahr.

Aufgezeichnet von Rivka Kibel

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