Porträt der Woche

Allein unter Christen

Mittwochs Gitarrenunterricht, donnerstags Debattierklub, freitags Tennis: Nikita David Sivertsev ist oft auf dem Sprung. Foto: Gregor Zielke

Ich lebe mit meinen Eltern und meinen vier kleinen Schwestern in Potsdam. Wir stammen aus Russland, früher wohnten wir in Moskau. Vor neun Jahren kamen wir nach Deutschland. Anfangs war es schwierig für mich, weil ich die fremde Sprache nicht beherrschte. Aber ich hatte eine schöne Kindheit in Potsdam, alle waren sehr nett zu mir. Allerdings habe ich meine Großeltern vermisst, sie sind nämlich in Russland geblieben. Inzwischen kommen sie uns regelmäßig besuchen. Aber ich war nach unserer Ausreise nicht wieder dort.

Ich bin 17 Jahre alt und sozusagen das große Vorbild für meine Schwestern. Sie sind zehn, acht, sieben und ein Jahr alt. Das Wichtigste im jüdischen Leben ist die Familie, vor allem eine große Familie. Das haben meine Eltern erreicht. Im späteren Teil meines Lebens wird das auch mein Ziel sein. Es wäre natürlich gut, wenn meine künftige Frau auch Jüdin wäre. Ich habe aber noch nicht entschieden, ob sie es wirklich sein muss.

zwist Gerade beschäftigt mich die Zersplitterung der jüdischen Gemeinden in Potsdam. Das finde ich ganz schrecklich. Es gibt mehrere hier in der Stadt: die Jüdische Gemeinde Potsdam, da gehöre ich dazu, dann die Synagogengemeinde und außerdem die Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde. Wegen des Zwistes untereinander ist der Bau der Synagoge gestoppt worden. Ich wünschte mir, dass die Gemeinden mehr aufeinander zugehen würden, damit die Synagoge errichtet werden kann. Die Uneinigkeit bekümmert mich und viele andere in meinem Umfeld. Ich wünsche mir mehr Einigkeit und auch, dass das jüdische Leben in Deutschland nicht so introvertiert ist, sondern mehr nach außen getragen wird.

Ich gehe auf ein evangelisches Gymnasium und weiß gar nicht, ob allen meinen Klassenkameraden bekannt ist, dass ich Jude bin. In der Öffentlichkeit und in der Schule trage ich nämlich keine Kippa; sie ist für mich vor allem mit gottesdienstlichen Handlungen verbunden. Deswegen trage ich sie in der Synagoge und wenn ich mit anderen Juden zusammen bin, sonst benutze ich mein Basecap.

Es mag paradox erscheinen, dass ich als Jude auf eine christliche Schule gehe, aber für mich ist das kein Problem, auch nicht, dort am Gottesdienst teilzunehmen. Bis zur zehnten Klasse gehen die Schüler jeden Montag in der ersten Unterrichtsstunde zum Gottesdienst. Die Schulleitung hatte mir angeboten, nicht daran teilzunehmen. Ich sah aber keinen Grund dafür. Aus meiner Sicht ist es sinnvoll für den christlich-jüdischen Dialog, wenn ich hingehe.

Als vor ein paar Wochen in Potsdam die bundesweite Feier zur Eröffnung der interkulturellen Woche gefeiert wurde, habe ich sogar im Anschluss an den ökumenischen Gottesdienst in der Kirche ein Gebet auf Hebräisch vorgetragen. Es war sehr feierlich, hat mich aber trotzdem ein wenig an die Situation vor der Klasse erinnert. Wenn man in der Schule ein Referat hält, dann steht man ja auch vorne, und die anderen hören zu. Diesmal war es aber ein viel angenehmeres Gefühl, weil ich wusste, alle hören wirklich zu und lenken sich nicht durch andere Dinge ab.

mathematik Ich gehe jetzt in die elfte Klasse. Nach dem Abi möchte ich in Freiburg Philosophie und eventuell auch Judaistik studieren. Danach sehe ich weiter. Ich würde später gern Professor an einer Uni sein. Philosophie und Mathematik machen mir sehr viel Spaß. Mein Vater sagt, dass Philosophie und Mathematik beziehungsweise theoretische Physik sehr viel gemeinsam haben. Deswegen gehe ich Dienstagnachmittag zu einer Mathe-Runde. Das ist bei der Freundin meiner Mutter.

Mit ihrem Mann – er hat Mathe studiert und unterrichtet – sprechen wir über mathematische Themen und Probleme, nicht nur über welche, die in der Schule auftauchen, sondern auch generell. Wir nehmen uns jedes Mal einen Bereich vor, zum Beispiel Integralrechnung, und reden darüber, wer es entdeckt hat, wie es dazu kam, wie es funktioniert, und wir sprechen auch über die philosophischen Ansätze.

Meine Tage sind voll, auch weil ich viele Stunden in der Schule bin. Abends mache ich meine Hausaufgaben, sie sind ja sehr umfangreich. Natürlich lese ich gern, überwiegend auf Deutsch, aber ab und zu auch ein russisches oder ein englisches Buch. Kino oder Konzerte, mit so etwas verbringe ich eher selten meine Zeit. Ich habe in der Woche jeden Tag Programm, nur montags mache ich nach der Schule nichts weiter, denn da habe ich zehn Stunden!

Ich verbringe meine Zeit mit unterschiedlichen Beschäftigungen: Mittwochs bin ich beim Gitarrenunterricht, freitags vor Schabbateingang spiele ich Tennis, und donnerstags gehe ich meistens zu einem Debattierklub an der Uni. Da sind Leute in meinem Alter, die wie ich Spaß daran haben, auf Englisch zu debattieren. Wenn wir ein Thema abgeschlossen haben, sprechen wir uns ab, worüber wir als Nächstes debattieren wollen, danach bereitet sich jeder allein darauf vor.

Beim nächsten Treffen wollen wir uns der Frauenquote widmen, ob sie gut ist oder nicht. Wir versuchen, unsere rhetorischen Fähigkeiten zu verbessern, aber auch unser Englisch. Ich bin seit Sommer in der Runde und stelle fest, dass es mir von Mal zu Mal leichter fällt, Englisch zu sprechen. Ich kann problemlos in den englischsprachigen Nachrichtenportalen lesen. Es spiegelt sich auch schon in meinen Leistungen in der Schule wider. Ich habe Englisch als Leistungskurs. Wegen des neuen Systems muss man ja fünf Leistungsfächer belegen: Deutsch und Mathe sind Pflicht, außerdem habe ich noch Physik, Englisch und Latein.

schabbat Den Freitagabend verbringe ich mit meiner Familie und feiere mit ihnen den Beginn des Schabbats. Vater spricht immer das Gebet, alle freuen sich. Manchmal laden wir jüdische Freunde ein. Da unsere Wohnung nicht so groß ist, sind wir aber meist allein. Am Samstagmorgen gehen Vater und ich in die Synagoge, Mama und die Schwestern bleiben zu Hause. Der Gottesdienst beginnt um neun Uhr und dauert etwa bis zwölf. Danach wird von der Gemeinde ein Mittagessen bereitgestellt. Es sind immer so 15 bis 20 Leute, die am Tisch zusammensitzen. Das ist sehr schön!

Den Samstagnachmittag verbringe ich mit der Familie, den Sonntag auch. Da sitzen wir zusammen und spielen Monopoly, gehen spazieren oder schauen uns einen Film auf DVD an. Es ist sehr unterschiedlich. Vergangenen Sonntag beispielsweise war ich mit meinem Vater in der Sauna.

Meine Freunde sind alle aus der Schule, nicht aus der Gemeinde, dort sind alle bedeutend älter als ich. Ich habe fünf gute Freunde, von oberflächlichen Bekanntschaften halte ich nicht so viel. Mit meinen Freunden treffe ich mich meistens am Samstagabend, wir unternehmen etwas zusammen, gehen Bowlen oder spielen Karten. Ich weiß nicht, ob allen bewusst ist, warum ich freitagabends und am Samstag tagsüber keine Zeit für sie habe. Sie haben mich mal gefragt, ich habe es ihnen gesagt. Das war’s. Wir reden darüber eigentlich nicht. Hier in Potsdam spielt es keine Rolle, was du glaubst. Die einen sind desinteressiert und die anderen tolerant.

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