Limmud

Alle lernen, alle lehren

Wie kann man anhand eines Bier-Tastings, der Auseinandersetzung mit amerikanischen Superhelden und einer Einführung in die Welt von ChatGPT jüdisches Wissen vermitteln?

Das diesjährige Limmud-Festival will es vormachen. Die Teilnehmer erwartet am kommenden Wochenende in Hannover eine Vielzahl an Workshops und Vorträgen aus dem breiten Spektrum des Judentums. »Ein Lernangebot von Juden für alle Juden«, beschreibt es Michael Lawton, vom ehrenamtlichen Veranstaltungsteam. Bei Limmud lerne man durchs »Geben und Nehmen von Wissen«.

Gegründet in den 80er-Jahren, nahm Limmud als jüdisches Lernformat in Großbritannien seinen Anfang. Seitdem hat sich das Festival zu einer globalen Bewegung entwickelt, die jährlich Hunderte Veranstaltungen in mehr als 80 Ländern organisiert. Nach einer längeren, pandemiebedingten Pause findet das mehrtägige Lernfestival dieses Mal an einem besonders eindrucksvollen Ort statt, der Villa Seligmann.

PHILOSOPHIE Genauso vielfältig und gemischt wie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist auch das Programm der Konferenz. Philosophie, zeitgenössische Kultur oder jüdische Geschichte – die Vorträge decken eine Vielfalt an Themen ab. Zahlreiche Veranstaltungen setzen auf Neugierde, zum Beispiel ein Workshop zu amerikanischen Superhelden und Judentum.

Genauso vielfältig und gemischt wie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist auch das Programm der Konferenz.

Kelly Zehe ist Kulturhistorikerin und Kostümdesignerin in Berlin. Dieses Jahr nimmt sie erstmals als Referentin am Limmud-Festival teil. Ihr Vortragsthema: Superhelden in der Popkultur und ihr jüdischer Hintergrund. »Ich habe bewusst ein Format gewählt, das eher spritzig und flott ist«, erzählt sie. Damit wolle sie eine lockere Herangehensweise an eine Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte ermöglichen. »Das Judentum hat zwar schwere Seiten, kann aber eben auch sehr fröhlich sein.«

Dass sich hinter vielen der bekannten Marvel- und DC-Superhelden ein jüdischer Autor verbirgt, sei nur sehr wenigen bekannt. Möglicherweise steckt hinter dieser Faszination jüdischer Menschen für das Heldenepos sogar auch eine Art der Trauma-Aufarbeitung – selbst im »vermeintlich Oberflächlichen der Popkultur ist es möglich, die jüdische Tiefe zu finden«.

OUTDOOR Kellys Workshop ist eines der Formate, in denen auf der Konferenz Wissensvermittlung stattfinden wird, etwa ein Kurs zum Challe-Backen oder zu Zizit, Gesangsstunde bei einer ukrainischen Sängerin oder jüdische Tänze. Für jüngere Gäste gibt es Outdoor-Aktivitäten, Bastel-Workshops und andere Peulot.

Auch religiöse Schiurim im klassischen Sinne werden angeboten, denn Limmud als Austauschfestival will nicht nur Menschen unterschiedlicher Altersgruppen, sondern auch verschiedener religiöser Ausrichtungen zusammenbringen. Das ist den Veranstaltern laut Michael Lawton ein großes Anliegen: »Die Idee ist, dass man hier auch Ansichten außerhalb der eigenen Blase zu hören bekommt. Deshalb ist es uns sehr wichtig, dass die Auswahl der Gäste die ganze Bandbreite der jüdischen Vielfalt widerspiegelt.«

Ziel sei, ein inklusives Umfeld für Gemeinschaftssinn und Gedankenaustausch zu schaffen. Limmud ist pluralistisch und politisch unabhängig: Ob orthodox oder liberal, alle Strömungen finden hier Platz beim gemeinsamen Reflektieren. So diskutieren am 9. Juni ab 17.30 Uhr die Geschäftsführerin der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover und Co-Vorsitzende des Jüdischen Liberal-Egalitären Verbandes, Rebecca Seidler, die langjährige Limmudnika und CEO von Masorti, Eva Frenzen, und der Zentralratsgeschäftsführer Daniel Botmann zum Thema »Wer repräsentiert wen? Wie zeitgemäß sind unsere jüdischen Institutionen? Wie sieht die Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland aus? Wie unabhängig ist das jüdische Leben in Deutschland?«.

J-FASHION Gerade die innerjüdische Vernetzung ist auch Annette Golub, Mitorganisatorin des Projekts J-Fashion, ein Anliegen: »Ganz egal, wie religiös man ist, die Fragen, die wir uns hier stellen, sind relevant für jeden«, betont sie. Im Rahmen der J-Fashion- Workshops setzen sich Teilnehmer kreativ mit ihrer jüdischen Identität auseinander: Selbst designte T-Shirts dienen als Repräsentation der eigenen religiösen Zugehörigkeit.

Dem Gründer des J-Fashion-Projekts, Alex Golub, war es wichtig, mit seinen Workshops zu mehr Sichtbarkeit jüdischen Lebens beizutragen. »Wir wollen den Menschen helfen, sich selbstbewusster in der Außenwelt zu präsentieren, und ihnen die Angst nehmen, sich offen jüdisch zu zeigen«, sagt er. Zu den Referenten gehört auch Jonathan Schorsch, Professor für jüdische Religionsgeschichte in Potsdam. Sein Vortrag trägt den Titel »Judaism in the Era of Environmental Catastrophes«.

Ihm ist es ein Anliegen, die Relevanz des Judentums in heutigen Zeiten aufzuzeigen: »Ich versuche zu beweisen, dass das Judentum in der Lage ist, uns viel über heutige Probleme zu lehren, wie etwa über potenzielle Lösungswege in Zeiten einer drohenden Klimakatastrophe.« Aus der Tora könne man nämlich vieles darüber erfahren, was es bedeutet, achtsam zu leben und sich im Einklang mit der Welt zu befinden.

Aus der Tora erfährt man, wie man im Einklang mit der Welt lebt.

Bei all diesen verschiedenen Lernformaten und Workshops wird ein Prinzip von Limmud deutlich: Hier können alle zugleich lernen und lehren. Wer kurz zuvor noch hinter dem Rednerpult stand, kann bereits in der nächsten Veranstaltung wieder eifrig mitdiskutieren.

FACHLEUTE Gemäß der talmudischen Weisheit, »Weise ist, wer von allen lernen kann«, soll ein hierarchiefreier und partizipativer Austausch gewährleistet werden. Sowohl Fachleute als auch Neueinsteiger teilen hier ihr Wissen und ihre Leidenschaft fürs Lernen. Die Lerngemeinschaft bei Limmud gilt als einzigartig: Hier zählt nicht das Vorwissen, sondern die Wissbegierde und der offene, wertschätzende Austausch.

Lernen und Diskutieren jüdischer Themen müssen somit nicht auf bestimmte Institutionen beschränkt sein, sondern können auch in einem Format wie das der Limmud-Konferenz wunderbar gelingen. Organisator Michael Lawton sieht darin großes Potenzial: Für ihn leisten die Limmud-Lernfestivals als Begegnungsort einen Beitrag zur Aufrechterhaltung der deutsch-jüdischen Gemeinschaft.

Gemeinsam über die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland reflektieren, Ideen realisieren und neue Denkweisen kennenlernen: Wer hier etwas dazu beiträgt, Wissen weiterzugeben, ist vielleicht der wahre jüdische Superheld.

Weitere Informationen: www.limmud.de

Brandenburg

An einem Mittwoch in Cottbus

Was geschieht an einem ganz normalen Tag in einer jüdischen Gemeinde? Wir waren vor Ort und begegneten Menschen zwischen Chorproben und Amtsterminen

von Leon Stork  16.08.2026

München

Für die junge Generation

Künftig wird Rabbiner Elie Dues als Jugendrabbiner die religiöse Arbeit der Israelitischen Kultusgemeinde unterstützen

von Luis Gruhler  16.08.2026

Porträt der Woche

»Mein Glück war Alfred«

John Günther ist Künstler, religiös und lebte 62 Jahre mit seinem Mann zusammen

von Heike Linde-Lembke  16.08.2026

Leipzig

Ausstellung mit Fotografien von NS-Deportationen

Mehrere Hunderttausend Menschen wurden in der NS-Zeit aus dem Deutschen Reich deportiert. Ein Forschungsprojekt sichert seit Jahren fotografische Dokumente. Einige zeigt jetzt das Leipziger Ariowitsch-Haus

 13.08.2026

Sachsen-Anhalt

Polizeirabbiner vor der Wahl: Erstarken der AfD bereitet Sorgen         

Mehr Begegnung zwischen Juden und Nicht-Juden - das wünschen sich Deutschlands Polizeirabbiner. Sie bilden Polizeianwärter hierzulande fort und vermitteln jüdische Kultur. Seit fünf Jahren gibt es sie

von Nina Schmedding  13.08.2026

Ferien

Spiel, Spaß, Werte

Gerade beginnt der dritte Turnus der ZWST-Machanot. Bildungsreferentin Liya Cinciper über Heimweh, Handyzeiten und Kühlung bei Hitze

von Helmut Kuhn  13.08.2026

Hitze

Kühl beten, kühl bleiben

Gemeinden und jüdische Einrichtungen bekommen die hohen Temperaturen sehr zu spüren. Einige behelfen sich mit kalten Tüchern, manche mit Ventilatoren, andere haben Klimaanlagen

von Katrin Richter  13.08.2026

Programm

Summer Open Airs in Frankfurt und Hannover, und ein Rendezvous für Hercule Poirot - mit einer Leiche

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 13. August bis zum 20. August

 12.08.2026

Wiesbaden

Hessen verlängert Staatsvertrag mit jüdischen Gemeinden

Die Zahlungen an jüdische Gemeinden steigen schrittweise

 12.08.2026