Porträt der Woche

222 Euro monatlich

»Ich muss genau rechnen, was ich mir leisten kann und was nicht«: Sofya Rapoport (79) Foto: Douglas Abuelo

Porträt der Woche

222 Euro monatlich

Sofya Rapoport bekommt eine kleine russische Rente. Die wird ihr von Hartz IV abgezogen

von Steffen Reichert  10.10.2012 16:25 Uhr

Ich weiß noch genau, wie meine Tochter Elena im Aufnahmelager an meine Tür klopfte. Ob ich jetzt schon Selbstgespräche führe, fragte sie besorgt. Ich konnte sie beruhigen: Ich hatte mir lediglich ein deutschsprachiges Buch gekauft, aus dem ich mir laut vorlas, um das Sprechen zu trainieren. Es war ein lustiges Buch: Superstarke Witze hieß es. Ich habe es noch heute, denn es war das erste Buch, das ich in der neuen Umgebung in die Hand nahm. Ich wollte lernen: Deutsch sprechen, deutsch denken, deutsch leben. Das war und ist meine Devise, seitdem wir 1998 nach Sachsen kamen. Und dann gibt es noch ein zweites Motto: Ich möchte niemandem zur Last fallen.

Eigentlich wollte ich gar nicht nach Deutschland. Ich bin in Leningrad geboren, habe meine Kindheit dort verbracht, und auch später als Erwachsene lebte ich dort. Aber als meine Tochter mit ihrer Familie Mitte der 90er-Jahre beschloss, Russland zu verlassen, sagte sie zu mir: »Ohne dich gehen wir nicht!« Also zog ich mit – was blieb mir anderes übrig?

Heute bin ich darüber absolut glücklich. Natürlich bin ich nicht reich, was materielle Dinge angeht. Aber ich hätte mir nie vorstellen können, noch einmal in so einer schönen Wohnung – einem Palast! – leben zu können. 43 Quadratmeter nur für mich! Und für meine Katze Muri.

kommunalka Als Kind in Leningrad wohnte ich mit meinen Eltern in einer Kommunalka, einer Art Zwangs-WG. Wir hatten zu dritt ein 13 Quadratmeter großes Zimmer, in den restlichen Räumen lebten andere Familien, und das Bad nutzten alle gemeinsam. Obwohl das schwer war, hat mein Vater seinen Stolz nie verloren. Auch nicht den Stolz, Jude zu sein. Wenn ich die Eltern nicht verstehen sollte, dann sprachen sie Jiddisch miteinander – so habe ich die Sprache gelernt. Auch die Klezmerschallplatten meines Vaters haben mich sehr geprägt. Ich habe die Musik dann zum ersten Mal in unserer Gemeinde in Leipzig wieder gehört. Das hat mich sehr berührt.

Während der Leningrader Blockade wurden wir evakuiert; wir lebten von 1941 bis 1946 an der Wolga in Kuybschew, dem heutigen Samara. Und als wir dann in unser altes Zimmer zurückkehren konnten – das Haus steht bis heute –, begann ein ganz unspektakuläres Leben: Schule, Ausbildung, Arbeit als Logopädin, schließlich als Erzieherin in einem Kindergarten.

Manche Wünsche haben sich nicht erfüllt, schlichtweg, weil ich Jüdin bin. Aber dann lernte ich Josif kennen, die Liebe meines Lebens. Mit ihm habe ich 40 glückliche Jahre verlebt. Mein wirklich einziger Kummer ist, dass er das hier nicht mehr miterleben kann.

kultur Nun wohne ich in Leipzig und genieße es – eine tolle Stadt, voller Kultur und Möglichkeiten, mit all den Geschäften und dem bunten Treiben. Es gibt viel zu erleben, man muss nur selbst aktiv sein. Meinen russischen Freunden sage ich immer, dass sie auch endlich Deutsch lernen sollten. Viele können ja nicht mal allein zum Arzt oder zum Sozialamt gehen.

Dreimal die Woche nehme ich an verschiedenen Deutschkursen teil, weil ich da aktiv sprechen kann und neue Leute treffe. Einmal in der Woche gehe ich schwimmen – und regelmäßig bin ich mit meinen Freunden bei Konzerten im Gewandhaus. Wenn Plätze frei sind, bekommt man eine Stunde vor Beginn ermäßigte Karten. Das ist ein Angebot, das ich immer wieder nutze. Auch wenn ich dann erst Mitternacht nach Hause komme – kein Problem. In Leipzig habe ich keine Angst, spätabends mit der Straßenbahn zu fahren. In St. Petersburg war das anders.

Freilich muss ich genau rechnen, was ich mir leisten kann und was nicht. Ich bekomme jeden Monat 222 Euro Rente aus Russland. Einmal im Vierteljahr wird diese Summe überwiesen, ich muss dann mit dem Kontoauszug zu meinem Sozialberater gehen. Der schaut sich das an, und der Betrag wird dann meinem Hartz-IV-Bezug gegengerechnet. Einmal habe ich in einem Monat noch ganze sechs Euro bekommen. Wenn ich die Kosten für Strom und Wasser abziehe, bleiben im Monat vielleicht noch 200 Euro für Essen und alle anderen Ausgaben.

Wir haben lange für eine bessere Regelung gekämpft, weil in anderen Bundesländern wohl großzügiger verfahren wird als in Sachsen. Aber erfolglos. Natürlich ist das wenig, und dennoch bin ich glücklich. Ich kann hier in Leipzig unwahrscheinlich viele Angebote wahrnehmen. Und obwohl ich nun 79 Jahre alt bin, versuche ich, das ausgiebig zu tun. Ich mag es sehr, ins Kino zu gehen. Ich glaube, Alles auf Zucker habe ich fünfmal gesehen – ein herrlicher Film!

gemeinde Vor allem die Gemeinde ist mir inzwischen zu einer zweiten Familie geworden. Ob im Gemeindezentrum oder in der Tora-Schule – die Vorträge und Aufführungen erlebe ich als großes Glück. Wir haben jetzt einen Rabbiner, der wunderbar ist und das alles sehr menschlich rüberbringt. Gerade hat er eine Freundin von mir im Krankenhaus besucht, das tat ihrer Seele so gut.

Ohne die Gemeinde könnte ich mir mein Leben gar nicht mehr vorstellen. Das ist natürlich etwas Besonderes nach einer Zeit, in der ich von Kindheit an mit all diesen Vorurteilen konfrontiert war. Als Schulkind fand ich es peinlich, Jüdin zu sein. Später hieß es, es seien jüdische Ärzte gewesen, die angeblich an Stalins Tod schuld seien. Lehrerin durfte ich nicht werden, weil ich Jüdin bin. Wer all das versteht, kann nachvollziehen, warum die Gemeinde für mich so wichtig ist.

Dass ich in Leipzig lebe, ist aber auch in anderer Hinsicht gut. Meine Tochter, ihr Mann und meine Enkelin wohnen nur ein paar Minuten von mir entfernt. Sie schauen immer nach dem Rechten, sie helfen mir sehr. Es sind ja manchmal die kleinen Dinge, die zu erledigen sind – ein tropfender Wasserhahn oder ein defekter Fernseher. Meine Enkelin Alexandra schimpft zwar manchmal aus Spaß mit mir, weil ich nie Zeit habe und selten erreichbar bin. Jedenfalls hat mir meine Tochter jetzt ein Handy gekauft, damit sie weiß, wo ich bin.

Das Leben füllt mich aus. Ich hoffe sehr, dass meine Gesundheit noch lange mitmacht. Besonders an warmen Tagen spüre ich den hohen Blutdruck. Und auch der Rücken tut manchmal weh, sodass ich diesen Sommer zum ersten Mal nicht Erdbeerpflücken war. Sonst bin ich immer mit der Straßenbahn zu den Feldern am Stadtrand gefahren, wo jeder gegen Bezahlung pflücken, günstig kaufen und essen darf, so viel er mag.

Sprache Ich hoffe, dass ich dieses Leben noch lange genießen kann. In all den Jahren seit 1998 war ich nur ein einziges Mal in Petersburg, und ich schaue auch nur ganz, ganz selten russisches Fernsehen. Allein wegen der Sprache will ich das nicht.

Leipzig ist jetzt mein neues Zuhause. Hier hält mir niemand vor, dass ich Jüdin bin, obwohl ich das auch nie verheimliche. Für die Deutschen sind wir einfach Russen – aber das ist für sie auch schwer zu unterscheiden. Und ich selbst habe ja auch noch die russische Staatsbürgerschaft. Ich werde sie wohl nicht mehr wechseln.

Heimweh nach Sankt Petersburg habe ich eigentlich nicht. Wenn mein Schwiegersohn zu seinen Eltern reist, dann macht er mir stets Fotos vom Grab meines Mannes. Die sehe ich mir dann an und weiß, dass alles gut ist. Ich sage immer: Nach vorne schauen, das ist wichtig. Dabei zu sein, darauf kommt es an. Das macht ein Leben aus.

Vor ein paar Wochen war ich bei einem Konzert auf dem Marktplatz. Alle haben zu mir gesagt: »Sofya, das wird zu spät, das ist Open Air, das ist für dich zu anstrengend.« Aber ich habe erwidert: »Na und, ich habe doch meinen Klappstuhl.« Und dann bin ich hingegangen.

Aufgezeichnet von Steffen Reichert

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