Mischkan

Zeichen des Dankes

Blick in den Vorhof und auf den Mischkan, Kupferstich von Jan Luyken und Willem Goeree (Amsterdam 1683) Foto: Ullstein

So viele Verse, um zu beschreiben, wie das Heiligtum auszusehen hat, und dabei ist es doch eigentlich nichts weiter als ein Zelt. Na ja, es ist das Stiftszelt, und das Beste ist dafür gerade gut genug. Nicht nur den Bauplan des Ohel Mo’ed erfahren wir, sondern auch seine Innenausstattung wird geschildert, bis hin dazu, wie die Gewänder der Priester beschaffen sein sollen, die darin Dienst tun.

So viele Verse, um ein Zelt zu beschreiben. Und so wenige Verse hatten genügt, die gesamte Schöpfungsgeschichte zu erzählen – und damit nicht mehr und nicht weniger als den Bauplan der Erde und alles, was in ihr ist, einschließlich des Menschen.

Gaben Der Ewige hat die Natur geschaffen, Pflanzen, Tiere, Mineralien, und hat sie den Menschen zur Nutznießung übergeben. Jetzt will Er sehen, was sie daraus gemacht haben. Und sie bringen wunderbare Dinge, hergestellt aus pflanzlichem und tierischem Material, dazu edle Steine.

Und nicht nur all diese schönen Dinge aus Holz und Stein, aus Flachs und Wolle, aus Leder und Fellen und auch aus Metall bringen die Menschen herbei, um dem Ewigen Ehre zu geben. Auch ihren Idealismus und ihre Arbeitsleistung, ihre Energie und ihre Fantasie bringen sie mit – und die Frauen werden sogar besonders erwähnt, denn sie geben ihre kupfernen Handspiegel, ein kostbares Gut, damit daraus das Waschbecken für die Priester gefertigt werde.

Na, werden Sie vielleicht denken, was ist denn schon ein Spiegel? Nun, zur damaligen Zeit hatte nicht jeder seinen eigenen kleinen Taschenspiegel. Ein Pfennigartikel ist das heute – damals nicht. Und so ein Spiegel hatte nicht nur seinen Preis, er hatte auch einen Zweck: Die Frauen machten sich schön, dort in Ägypten, für ihre Männer und für sich selbst.

symbol Somit war ein solcher Spiegel nicht einfach nur ein Stück Metall, das sie für den Bau des Heiligtums ablieferten: Es war viel mehr, nämlich ein Symbol für ihren Lebenswillen und für den Willen, ihre Würde zu bewahren in Zeiten der Verfolgung und Unterdrückung, dazu ein Stück Selbstbewusstsein.

Achte keiner diese Gabe der Frauen gering, die sie als Spende für das Heiligtum bringen! Die Reinheit der Priester für ihren Dienst im Stiftszelt entsteht immerhin erst durch den Gebrauch des Kupferbeckens zum Waschen.

Auch die Gaben der Männer sind nicht zu verachten – die Kunstgegenstände, die sie anfertigen für das Stiftszelt, allen voran Bezalel und Oholiav, aus dem Überfluss an Spenden, die das Volk bringt. Und doch – braucht der Ewige all das wirklich? Ist es nicht eher für die Menschen selbst wichtig, damit sie die Besonderheit des Heiligtums deutlicher spüren können?

Kawana Bedeutet das im Weiteren etwa, dass ein reich geschmücktes Gotteshaus notwendig ist für unseren Gottesdienst? Wären unsere Synagogen heute besser besucht, wenn sie prachtvoller ausgestattet wären? Lenkt all der Prunk nicht vielmehr ab vom Wesentlichen? Das Entscheidende ist ja doch in uns: unsere Kawana, mit der wir uns dem Ewigen im Gebet nähern. Nicht die Pracht des Gebetsraumes zählt, sondern das Gebet selbst. Letztlich ist aber auch das, was die Menschen in unserer Parascha zum Stiftszelt bringen, eine Form des Gebetes, als Ausdruck des Dankes an den Ewigen für Seine Gaben. Sie haben die Dinge, die sie vorgefunden haben, genommen und aus ihnen etwas Neues gemacht.

Rabbi Akiva wurde einmal von einem Römer gefragt, was besser sei, das, was der Ewige geschaffen habe, oder das, was Menschen schaffen. Und er antwortete, zur großen Überraschung des Römers: »Die Dinge, welche die Menschen schaffen!« – »Wie kann das sein?«, fragte der Römer. Daraufhin brachte ihm Rabbi Akiva eine Handvoll Ähren, einen Laib Brot, dazu ein Bündel Flachs und ein Stück feinstes Leinen. Und er fragte den Mann: »Siehst du nun, was ich meine?«

Cherubim Etwas bleibt in unserer Parascha aber doch rätselhaft: Weshalb sind auf dem Deckel der Lade zwei Cherubim? In der Parascha Teruma lesen wir, wie der Ewige sie selbst in Auftrag gibt. Und doch steht auf den Tafeln geschrieben, die sich hernach in der Lade befinden werden: »Du sollst dir kein Bild machen.«

Wie übel ist die Geschichte mit dem Goldenen Kalb ausgegangen! Mosche hat deswegen sogar die Bundestafeln zerbrochen. Und auch, wenn die Cherubim auf dem Deckel der Lade eigentlich nur vom Hohepriester, dem Kohen Hagadol, gesehen werden können, und auch nur einmal im Jahr, wenn er in das Allerheiligste kommt, so bleiben sie doch ein von Menschen gemachtes religiöses Bild.

Und in die Parochet, den Tempelvorhang, waren ja ebenfalls Cherubim eingewebt. Was bedeutet das? Sollen die Cherubim himmlische Wesen symbolisieren, um zu all den materiellen, sichtbaren Dingen der Schöpfung auch die unsichtbare, spirituelle Welt zu ergänzen? Sind sie Ausdruck der Liebe zwischen Gott und Seinem Volk?

Ein Midrasch beschreibt, dass sich die beiden Cherubim immer dann voneinander abwandten, wenn das Volk den Willen des Ewigen missachtete. Ein anderer Midrasch erzählt, Bezalel kam und heilte die Wunde, die durch das Vergehen des Goldenen Kalbs entstanden war, gerade durch die Cherubim auf der Lade – ein gebotenes Sühne-Bild gegen ein verbotenes Sünden-Bild.

Zahlreiche Deutungen, und doch haben Generationen von Gelehrten das Rätsel der Cherubim bis heute nicht lösen können. Auch dies mag ein Symbol sein, nämlich für die Unergründlichkeit des Ewigen.

Das Heiligtum, errichtet aus den materiellen und ideellen Gaben des ganzen Volkes, besteht also aus Sichtbarem, Greifbarem und auch aus Unsichtbarem, teils Rätselhaftem. Damit erinnert es, ebenso wie der Schabbat, symbolisch an die Gesamtheit der Schöpfung und gleichzeitig an den Schöpfer und Herrn der Erde selbst. Wir Menschen sind nur die Verwalter, niemals die Herren der Welt. Das sollten wir nie vergessen, und auch nicht das Danken für die wunderbaren Gaben des Ewigen.

Die Autorin ist rabbinische Leiterin des Egalitären Minjans »Mischkan ha-Tfila« in Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz.

inhalT
Im Wochenabschnitt Wajakhel werden die Israeliten daran erinnert, dass sie das Schabbatgesetz nicht übertreten sollen. Die Künstler Bezalel und Oholiab sollen aus freiwilligen Spenden Geräte für das Stiftszelt herstellen, und es wird die Bundeslade angefertigt.
2. Buch Mose 35,1 – 38,20

Pekudej, der letzte Abschnitt des Buches Schemot, berichtet von der Berechnung der Stoffe, die für das Stiftszelt verarbeitet werden, und wiederholt die Anweisungen zur Herstellung der Priesterkleidung. Die Arbeiten am Mischkan werden vollendet, und es wird eingeweiht. Über ihm erscheint eine »Wolke des Ewigen«.
2. Buch Mose 38,21 – 40,38

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