Warum besteht die Tora aus fünf Büchern? Die ersten vier Bücher erzählen von Schöpfung, Befreiung, Offenbarung, Heiligung und dem Weg Israels durch die Wüste. Das fünfte Buch, Dewarim, nimmt all das noch einmal auf. Es ist nicht bloß eine Fortsetzung, sondern eine Art Fazit, in dem die vorausgegangene Offenbarung zusammengefasst, ausgesprochen und an die nächste Generation weitergegeben wird. Diese Struktur lässt sich als »4 = 1« verstehen: vier innere Dimensionen und eine fünfte, die sie umfasst, verbindet und hörbar macht.
Das erste Buch, Bereschit, erzählt von der Erschaffung der Welt und der Menschheit sowie von der Geschichte unserer Erzväter und Erzmütter. Wie eine Ouvertüre enthält es bereits die Themen der folgenden Bücher, eine Art Vorschau. Die nächsten drei Bücher sind durch die immer wiederkehrende Formulierung geprägt: »Und Gott sprach zu Mosche.« Das fünfte Buch beginnt dagegen mit dem Satz: »Dies sind die Worte, die Mosche sprach.«
Dewarim bedeutet »Worte«
Dewarim bedeutet »Worte«; dieses fünfte Buch ist nicht weniger göttlich als die anderen. Vielmehr ist das göttliche Wort von Mosche so vollkommen aufgenommen worden, dass es nun durch seine eigene Stimme ausgesprochen werden kann.
Dewarim wird deshalb auch »Mischne Tora«, »Wiederholung der Tora«, genannt. Darauf geht auch der aus dem Griechischen ins Lateinische übernommene Name »Deuteronomium« zurück. Das bedeutet nicht nur, dass Mosche frühere Gebote und Ereignisse wiederholt. In der Wiederholung wird die Tora erklärt, geordnet und für das Leben im Land Israel vorbereitet. Aus einer Generation, die Offenbarung erlebte, soll eine Generation werden, die diese Offenbarung selbstständig erinnert und verwirklicht.
Viele Jahrhunderte später gab auch Maimonides, der Rambam, seinem großen halachischen Werk den Namen »Mischne Tora«. Wie das biblische Buch Dewarim sollte sein Werk die überlieferte Lehre ordnen und in einer zusammenhängenden, anwendbaren Gestalt zugänglich machen.
Vereinheitlichung der vorhergehenden Bücher
In diesem Sinne lässt sich Dewarim als Vereinheitlichung der vorhergehenden Bücher verstehen. Es nimmt das Vorherige in sich auf und verbindet es zu einer Einheit. Dewarim ist nicht wirklich Wiederholung – aber eine Verwandlung, eine neue Geburt. Die Tora wird vom empfangenen Wort zur eigenen Sprache, die dann zum Gesetz des göttlichen Königreichs auf Erden werden kann.
Damit ein Gedanke in unserer Welt wirken kann, braucht er eine sprachliche Umsetzung, eine Niederschrift oder eine Stimme. Ein innerer Gedanke bleibt unsichtbar, solange er nicht ausgesprochen wird. Erst durch das Wort erhält er eine Gestalt, die durch eine Gemeinschaft gehört, verinnerlicht und weitergetragen werden kann.
Dewarim ist gewissermaßen die Vertonung der vorhergehenden Offenbarung. Es ist die göttliche Botschaft im Zustand des Bereits-Empfangenseins. Das Licht wird zur Rede, weil es ein Gefäß gefunden hat: die Stimme Mosches und schließlich die Stimme Israels.
Wie wir bereits geklärt haben, besteht die Tora, genauer gesagt der Chumasch, aus fünf Büchern. Dennoch spricht der Talmud an einer bemerkenswerten Stelle von sieben Büchern der Tora. Der Schlüssel dazu befindet sich im Buch Bamidbar, dem Buch der Zählungen – Sefer haPekudim, das auch unter dem Namen Numeri bekannt ist. Darin werden das Volk, seine Stämme, seine Lagerordnung und seine Aufgaben gezählt und geordnet.
Der Talmud spricht nicht nur von fünf, sondern von sieben Büchern. Doch wo finden wir diese Kapitel?
Innerhalb dieses Buches stehen zwei kurze, durch besondere Zeichen abgegrenzte Verse: »Als die Bundeslade aufbrach, sprach Mosche: Erhebe dich, Gott, damit sich deine Feinde zerstreuen und deine Hasser vor dir fliehen.« Und anschließend:
»Und wenn sie ruhte, sprach er: Kehre zurück, Gott, zu den Myriaden der Tausende Israels.«
Bamidbar wird in drei Teile gegliedert
Nach Rabbi Jehuda HaNassi, einem jüdischen Gelehrten des Altertums und abschließenden Redakteur der Mischna, bildet dieser kleine Abschnitt ein eigenes Buch. Dadurch wird Bamidbar in drei Teile gegliedert: den Teil davor, den Abschnitt über das Aufbrechen und Ruhen der Bundeslade und den Teil danach. Bereschit, Schemot und Wajikra bilden die ersten drei Bücher. Die drei Teile von Bamidbar ergeben die Bücher vier bis sechs. Dewarim wird dadurch zum siebten Buch – es ergibt sich also die Struktur »6 = 1«.
Der Talmud verbindet diese Lehre mit einem Vers aus dem Buch der Sprüche Salomos: »Die Weisheit hat ihr Haus gebaut, sie hat ihre sieben Säulen ausgehauen.« Die Weisheit lässt sich dabei als göttliches Licht verstehen, das einer Gestalt bedarf, damit wir es erkennen können. Die Weisheit baut sich ein Haus, schafft eine Form und ein Gefäß. Darin begegnet uns erneut dasselbe Prinzip: Inneres Licht benötigt eine äußere Form.
Besonders symbolisch ist, dass das zusätzliche Buch gerade mit dem Aufbruch der Bundeslade beginnt. »Wenn sie aufbricht«: Darin können wir das Bild einer Tora erkennen, die ihre siebenfache Gestalt in der Bewegung enthüllt. Solange sie an einem Ort liegt, begegnet sie uns als heiliger Text. Sobald sie aufbricht und gemeinsam mit dem Volk Israel durch die Welt zieht, öffnet sich eine neue Dimension.
Die Tora ist nicht mehr nur ein ruhendes Heiligtum
Die Tora ist dann nicht mehr nur ein ruhendes Heiligtum. Sie wird zu einer bewegten Kraft, die Israel begleitet und durch das Volk in die Welt getragen wird. Ihre Wahrheit zeigt sich nicht allein beim Lesen, sondern auch im Handeln, Sprechen und Verkörpern.
Zu den Hoschanot an Sukkot umrunden wir die Bima, auf der eine Torarolle gehalten wird, und sprechen: »Bitte, rette uns!« Am siebten Tag, Hoschana Rabba, wird dieser Kreis siebenmal vollzogen. Die Bewegung erreicht ihre Vollständigkeit: sieben Tage, sieben Umgänge, sieben Bücher, sieben Säulen der Weisheit.
Die Bitte um Rettung verbindet sich hier mit dem Bestreben, uns in die Tora und in die Weisheit einzuschließen: dass wir uns mit dem göttlichen Lichtstrahl verbinden, der an Sukkot auch durch den Lulaw symbolisiert wird.
Nach den sieben Tagen von Sukkot folgt Schemini Azeret, der »achte Tag der Versammlung«. Das Wort bezeichnet ein Anhalten, Zurückhalten und Verweilen. Der Midrasch vergleicht den Feiertag mit einem König, der nach einem großen Fest seine geliebten Kinder bittet: Bleibt noch einen Tag bei mir, denn euer Abschied fällt mir schwer.
Ein intimer Moment der Verbindung zwischen Gott und Israel
Nach der weiten, öffentlichen Freude von Sukkot entsteht ein intimer Moment der Verbindung zwischen Gott und Israel. Die siebenfache Bewegung hält an, damit das Empfangene einheitlich werden darf. Das Licht der Freude, das den Menschen während Sukkot umgab, soll nun zu einem Teil seines Inneren werden. Eine neue Struktur: »7 + 1 = 8«. Diese Summierung ist anders als die anderen, da hier eine ungerade Zahl zu einer geraden vervollständigt wird. Im Kabbalistischen deutet die Acht auf etwas Offenes, nicht Endendes, so wie wir es von der liegenden Acht als Unendlichkeitszeichen kennen.
Bei Rabbi Nachman von Bratzlaw finden wir eine noch weitergehende Auslegung. Er beschreibt Schemini Azeret mithilfe des expliziten Bildes einer Verschmelzung, einer empfangenden, weiblichen Kraft, die den Samen aufnimmt. Die Nähe, die wir am Sukkot gespürt haben, soll in uns bleiben, wachsen und im kommenden Jahr Frucht tragen.
Sieben steht für die vollständige Ordnung der geschaffenen Welt: sieben Schöpfungstage, sieben Tage Sukkot, sieben Umgänge an Hoschana Rabba, sieben Hakafot an Simchat Tora und sieben Bücher der Tora in der talmudischen Zählung. Acht bezeichnet dagegen den Schritt über diesen abgeschlossenen natürlichen Zyklus hinaus.
Beschneidung am achten Lebenstag
In diesem Sinne lässt sich auch die Beschneidung am achten Lebenstag verstehen. Nach den ersten sieben Lebenstagen tritt das Kind am achten Tag in den Bund ein. Genauso lässt sich Schemini Azeret auch mit der Einweihung des Mischkans verbinden: »Und es geschah am achten Tag« (3. Buch Mose 9,1). Sieben Tage dienten der Vorbereitung und der Einsetzung der Priester. Am achten Tag kommt die Einweihung zur Vollendung: Die göttliche Gegenwart, die Schechina, wird offenbar. Gerade der achte Tag besitzt eine besondere Heiligkeit und wird deshalb zum Tag der Verkörperung der Offenbarung.
Jedes Jahr lesen wir an Simchat Tora aus dem Buch Dewarim, aus der Parascha »Wesot ha-Bracha«. Der Anfang dieses Abschnitts wird so oft wiederholt, bis alle, die nach dem Brauch der Gemeinde eine Alija erhalten, zur Tora aufgerufen worden sind. Darin steht der Vers: »Und es war in Jeschurun ein König, als sich die Häupter des Volkes versammelten, die Stämme Israels gemeinsam« (5. Buch Mose 33,5).
Das letzte und das erste Wort sind symbolisch miteinander verbunden.
In einer seiner Erklärungen verbindet Raschi diesen Vers mit der Versammlung Israels in Einheit und Frieden. Auch der Ramban, Mosche ben Nachman, betont diese Verbindung und verweist auf einen Midrasch im Sifrei Dewarim, Abschnitt 346, der sich unmittelbar auf die letzten Worte des Verses bezieht: »Die Stämme Israels gemeinsam« – wenn sie eine Gemeinschaft bilden und sich nicht in einzelne Gruppen aufspalten. Dazu wird der Prophet zitiert: »Er baut seine oberen Gemächer im Himmel und gründet sein Gewölbe auf der Erde« (Amos 9,6).
Der Midrasch fährt fort: »Rabbi Schimon bar Jochai sagt: Es gleicht einem Menschen, der zwei Schiffe herbeibrachte, sie mit Befestigungen verband und auf ihnen einen Palast errichtete. Solange die Schiffe miteinander verbunden sind, bleibt der Palast bestehen. Trennen sich die Schiffe, hat der Palast keinen Bestand mehr!«
Schemini Azeret und Simchat Tora fallen in Israel wieder gemeinsam auf einen Schabbat
In diesem Jahr, 2026, fallen Schemini Azeret und Simchat Tora in Israel wieder gemeinsam auf einen Schabbat, wie vor drei Jahren, am 7. Oktober 2023, als unser Schutz und unsere Einheit schwach waren und unsere Feinde triumphierten. Wir müssen unser Bestes tun, unsere geistigen und gesellschaftlichen Kräfte zusammenführen und unsere gegenseitigen Abneigungen überwinden – auch gegenüber Andersdenkenden in unseren jüdischen Gemeinschaften und Gemeinden weltweit.
Wenn das Volk Israel die Tora verkörpert – durch die praktische Erfüllung der wichtigsten Gebote, durch gute Taten, Nächstenliebe und das Zusammenstehen im Gebet –, wird es zum Übergang zwischen Offenbarung und Welt, zu einem sicheren Palast. Es verbindet das göttliche Wort mit der geschaffenen Wirklichkeit. Dies kann in seiner ganzen Fülle nur in Eretz Israel erreicht werden, indem Gottes Herrschaft – Schechina und Malchut, göttliche Gegenwart und Königtum – in dieser Welt Gestalt annimmt.
So wird auch das Buch Bereschit durch den »Chatan Bereschit«, den zur ersten Lesung der Tora Aufgerufenen, im Ritual von Simchat Tora in den Bund der Einheit und Liebe eingeschlossen. In diesem Bild steht er als Bräutigam für Israel. Es zeigt, dass Einheit und Liebe jedes Jahr neu hervorgebracht werden müssen.
Diese Verbindung zeigt sich bis in die Buchstaben hinein. Das letzte Wort der Tora lautet Jisrael. Sein letzter Buchstabe ist Lamed. Das erste Wort lautet Bereschit. Sein erster Buchstabe ist Bet. Wer das Ende mit dem Anfang verbindet, erhält Lew – Herz. Außerdem beträgt die Gematria des Wortes Bereschit die Zahl 913. Bilden wir daraus die Quersumme, ergibt sich 9 + 1 + 3 = 13. Dreizehn ist zugleich der Zahlenwert von Echad, »eins«, und von Ahawa, »Liebe«. So sind das letzte und das erste Wort unserer Tora symbolisch miteinander verbunden, wie das Ende und der Anfang des Kreises, wie Lamed und Bet zum Wort Lew. Die Tora endet nie; sie bildet den Herzschlag unseres Volkes.
Der Autor arbeitet bei »Nevatim«, einem Bildungsprogramm der Jewish Agency for Israel. Er ist zudem Schofarbläser in der Zentralen Orthodoxen Synagoge zu Berlin.