»Sieben Tage sollt ihr dem Ewigen Feueropfer darbringen; am achten Tag sei euch heilige Berufung und bringt dem Ewigen ein Feueropfer dar, es ist Azeret, keinerlei Arbeit sollt ihr tun.«
So führt die Tora im 3. Buch Mose (23,36) das Fest ein, das wir heute als »Schemini Azeret« kennen. Es liegt auf der Hand, dass das Fest Teil der Toralesung des Feiertages sein müsste. Nur: Wir lesen einen anderen Abschnitt. Dieser endet ebenfalls mit der Aufzählung von Feiertagen (5. Buch Mose 16,16): »Dreimal im Jahr sollen erscheinen all deine Männlichen vor dem Angesicht des Ewigen deines G’ttes an dem Ort, den er erwählen wird, am Fest der Mazzot, und am Fest Schawuot, und am Fest Sukkot; und man erscheine nicht leer vor dem Angesicht des Ewigen.«
Wenn in der Synagoge die zweite Torarolle ausgehoben wird, werden daraus die Opfervorschriften für Schemini Azeret gelesen (4. Buch Mose 29, 35–39).
Warum wird in unserem Abschnitt das Fest nicht erwähnt, aber zuvor an zwei Stellen?
Doch soll hier die Toralesung betrachtet werden, die dem Tag zugeordnet wurde. Und so stellt sich die Frage: Warum wird in unserem Abschnitt das Fest überhaupt nicht erwähnt, aber zuvor in der Tora an zwei anderen Stellen?
Eine mögliche Antwort wäre, dass Sukkot im Toraabschnitt genannt wird. Das Fehlen eines eigenen Symbols für den Festtag und die Überlagerung mit Simchat Tora könnten schnell zu der Annahme verleiten, dass damit auch der »achte Tag« erwähnt ist. Tatsächlich muss schon der Talmud (Sukka 47a) klarstellen, dass Schemini Azeret ein eigener Feiertag ist und nicht nur die Fortführung von Sukkot.
Simchat Tora mag der Grund sein, warum es sonst kein »greifbares« Symbol für Schemini Azeret gibt, denn die Fröhlichkeit der Umzüge mit der Tora überstrahlt die leisen Eigenschaften von Schemini Azeret. Dabei kam Simchat Tora erst später hinzu.
Um also die Frage zu beantworten, warum genau dieser Toraabschnitt gelesen wird, muss er als Ganzes betrachtet werden. Der Abschnitt wird übrigens auch am achten Tag Pessach sowie am zweiten Tag Schawuot gelesen. An den Schabbatot ist die Lesung etwas länger. Der Abschnitt beginnt mit dem »Ma’aser Scheni« (dem zweiten Zehnten). Und der landwirtschaftliche Jahreszyklus geht dann über zu Schmitta (Erlass der Schulden alle sieben Jahre) und zur Freilassung der jüdischen Sklaven. Erst dann kommen die »Regalim«, die Wallfahrtsfeste – ohne Schemini Azeret.
Jedes Jahr geht ein Teil des Ertrags aus dem privaten in den heiligen Bereich über
Ein genauerer Blick auf die Komposition des Textes macht deutlich, worum es geht. Ein Zehntel der Ernte, das nicht den Lewi’im gegeben wird, soll vom Besitzer selbst an dem Ort, den G’tt bestimmt (später ist es Jerusalem), verzehrt werden – vor dem »Angesicht G’ttes«. Das bedeutet, dass in jedem Jahr ein Teil des Ertrags aus dem privaten in den heiligen Bereich übergeht. Vom Feld nach Jerusalem. »Damit du lernst, den Ewigen, deinen G’tt, zu fürchten«, so wird es begründet.
Mit der Schmitta werden alle sieben Jahre Schulden erlassen. Die Gesellschaft geht in einen anderen Zustand über. Wirtschaftliche Abhängigkeitsverhältnisse werden aufgelöst, soziale Hierarchien verändert. Wer Gläubiger war, muss loslassen. Wer Schuldner war, beginnt neu. Auch das Land muss in diesem Jahr ruhen.
Alle sieben Jahre muss ein jüdischer Sklave freigelassen werden. Nicht einfach so, denn es heißt, dass man ihn mit Gaben ausstatten soll (5. Buch Mose 15,14). Der Leser oder Hörer muss sich die Tiefe des Vorgangs vergegenwärtigen: Eine individuelle Lebensgeschichte, die durch äußere Umstände in eine Zwangslage geraten ist, wird neu fortgeschrieben. Der Betroffene tritt aus einer alten Identität heraus und beginnt als freier Mensch.
Was wir hier gelesen haben, sind drei Übergänge. Ein Zustand endet, ein neuer beginnt. Der Abschnitt über die Freilassung der Sklaven nennt das Symbol der Tür (15,17). Das Ohr des Menschen wird an die Tür geheftet, an die Pfosten des Hauses, also diejenigen Pfosten, die in der Pessach-Erzählung mit Blut bestrichen wurden. Die Tür ist der Ort des Übergangs.
Dann kommen schlussendlich die »Regalim«. Der ungenannte Feiertag passt hier ins Bild, paradoxerweise dadurch, dass er nicht genannt wird. Der Übergang ist jetzt, an Schemini Azeret. Die Tora beschreibt den Übergang in den neuen Jahreskreis. Nach der Lesung beginnt der Zyklus erneut, es sind die Feiertage des angebrochenen Jahres. Simchat Tora fügt sich mit seiner Bedeutung hier ein. Die Tora wird beendet und neu begonnen. Es ist der Übergang in ein neues Jahr nach der intensiven und langen Zeit der Feiertage.
Raschi argumentiert, dass »Azeret« auf das Wort »Zurückhalten« zurückzuführen sei
Raschi, Rabbi Schlomo ben Jizchak (1040–1105), kommentiert die Bedeutung von Azeret zwar in die andere Richtung, aber grundsätzlich meint auch er den Übergang vom Feiertag in den Alltag (zu 3. Buch Mose 23,36). Er argumentiert, dass »Azeret« auf das Wort »Zurückhalten« zurückzuführen sei, und meint: »Ich halte euch einen weiteren Tag bei mir zurück.« Dann schreibt er (mit Verweis auf Sukka 55b): »Es ähnelt dem Fall eines Königs, der seine Kinder für eine bestimmte Anzahl von Tagen zu einem Festmahl eingeladen hat. Wenn der Zeitpunkt ihrer Abreise gekommen ist, sagt er: ›Meine Kinder, ich bitte euch, bleibt noch einen Tag bei mir; es fällt mir so schwer, euch gehen zu lassen.‹«
An Schemini Azeret werden Verse gelesen, ohne dass das Fest selbst vorkommt. Schemini Azeret ist der Türrahmen, durch den man hindurchgeht und der die Feste des angebrochenen Jahres einführt.
Seit dem 7. Oktober 2023, dem »schwarzen Schemini Azeret«, ist das nicht selbstverständlich. An jenem Tag wurden Türen eingetreten. Menschen wurden nicht in die Freiheit geführt, sondern in die Gefangenschaft. Das Erwähnen der nächsten Regalim ist nun ein Akt des Vertrauens. Darin, dass es ein nächstes Pessach geben wird, ein nächstes Schawuot, ein nächstes Sukkot und dafür, dass man nicht »leer erscheine vor dem Angesicht des Ewigen« (16,16).
Die Toralesung für Schemini Azeret, für den Feiertag ohne Symbol, lehrt: Der Übergang ist der eigentliche Inhalt. Eine Leerstelle hat uns das gezeigt.
Der Autor lebt in Gelsenkirchen und ist Herausgeber von »talmud.de«.