Zusammenhalt

Was uns verbindet

Außerhalb Israels isst man auch an Schemini Azeret in der Sukka. Allerdings sagt man dabei nicht mehr die Bracha »Leschew ba-Sukka«, weil der Tag offiziell nicht mehr zu Sukkot gehört.

Wenn man Besucher einer Synagoge fragen würde, welche biblischen Feiertage sie am meisten mögen, würden viele Pessach, Schawuot oder Sukkot nennen. Deutlich weniger Menschen würden sich wahrscheinlich für Rosch Haschana oder Jom Kippur aussprechen – schließlich sind das ziemlich herausfordernde Tage. Jedoch gibt es noch einen Feiertag, der vermutlich von keinem auch nur einmal erwähnt würde: Schemini Azeret.

Obwohl es ein eigenständiges Fest ist, das unmittelbar auf Sukkot folgt, wird es von vielen als letzter Tag des Laubhüttenfestes wahrgenommen. Hinzu kommt, dass dieser Feiertag keine speziellen Gebote bereithält, so wie beispielsweise der Verzehr von Mazza an Pessach oder der Bau der Laubhütte an Sukkot. Und da heutzutage in Israel an diesem Feiertag auch Simchat Tora gefeiert wird, ist Schemini Azeret in den Hintergrund getreten. Doch wenn wir schon dabei sind: Selbst der Name trägt zur Verwirrung bei. »Schemini Azeret« bedeutet »die Versammlung am Achten (Tag)«. Und weil die sieben vorangegangenen Tage Sukkot-Feiertage sind, zählt man gedanklich Schemini Azeret noch dazu.

Selbst wer sich näher mit dem Feiertag beschäftigt, findet zunächst nicht viel

Selbst wer sich näher mit dem Feiertag beschäftigt, findet zunächst nicht viel: Die Tora nennt keinen Grund für sein Feiern. Dieses Fest wird in der Parascha Wajikra einfach erwähnt, und es wird auch angegeben, welche speziellen Opfer man an diesem Tag im Tempel darbringen musste. Sonst nichts.

Jedoch ist Schemini Azeret ein Feiertag für sich, und wenn man alle Feiertage des Monats Tischri betrachtet, von Rosch Haschana über Jom Kippur bis Sukkot, sieht es so aus, als ob Schemini Azeret den krönenden Abschluss aller Feiertage bildet. Es sollte also ein außerordentlich wichtiger Feiertag sein! Und es sollte sicherlich auch einen Grund geben, warum mit dem Wort »Schemini« (am Achten) eine Verbindung zum Sukkotfest hergestellt wird.

Für die Sukka nennt der Talmud eine Maximalhöhe, aber keine Begrenzung der Fläche.

Wir müssen also, um die Bedeutung dieses Tages zu verstehen, zwei Fragen beantworten: Was genau feiern wir an Schemini Azeret? Und was hat das mit Sukkot zu tun?

Den Sinn des Feiertags leiten unsere Weisen aus den speziellen Opferungen dieses Tages ab, die im 4. Buch Mose aufgelistet sind: »Und sollt als Ganzopfer darbringen eine Feuergabe zum Wohlgeruch für Haschem, einen Stier, einen Widder, sieben einjährige Schafe ohne Fehl.« Und es ist der Stier aus dieser Liste, der uns einen Hinweis gibt. Denn während des Sukkotfestes opferte man in sieben Tagen 70 Stiere.

Die 70 Stiere, sagen unsere Weisen, symbolisieren 70 Völker

Diese 70 Stiere, sagen unsere Weisen, symbolisieren 70 Völker (Archetypen). Mit einem zusätzlichen Stier (an einem zusätzlichen Feiertag) zeigt G’tt uns: Ihr habt sieben Tage lang an andere gedacht und für das Wohl aller Völker gebetet und geopfert. Jetzt mache ich einen Feiertag nur für euch.

Doch ein Midrasch sieht in dieser Zusammenkunft des jüdischen Volkes mit G’tt eine noch tiefere Bedeutung. Weil das hebräische Wort Azeret nach seiner Wortwurzel »verweilen« bedeuten kann, bringt der Midrasch folgendes Gleichnis: »Dies ist vergleichbar mit einem König, der seine Kinder für eine bestimmte Anzahl von Tagen zu einem Festmahl eingeladen hat. Als die Zeit für ihre Abreise kam, sagte er: ›Meine Kinder, ich bitte euch, verweilt noch einen Tag länger bei mir; der Abschied von euch fällt mir so schwer!‹«

Bei diesem Gleichnis könnte man fragen: Welchen Unterschied macht dieser zusätzliche Tag? Denn danach kommt ja die Trennung. Deshalb gehen unsere Weisen noch einen Schritt weiter und sagen, dass das hebräische Wort »predatchem« (unsere Trennung) auch als »eure Trennung (untereinander)« übersetzt werden kann. Und dadurch erhält das Gleichnis einen neuen Sinn. Es ist schwer für G’tt, dass die Juden sich voneinander trennen. Und dieser zusätzliche Tag soll gewährleisten, dass sie beisammen bleiben.

Die Themen Einigkeit und Zusammenhalt unter Juden finden wir schon an Sukkot

Die tiefere Bedeutung von Schemini Azeret besteht also darin, für den Zusammenhalt (»Achdut«) unter uns zu sorgen. Und so können wir auch verstehen, warum die Tora diesen Feiertag durch das Wort »Schemini« (am Achten) mit dem Sukkotfest »verlinkt«. Denn die Themen Einigkeit und Zusammenhalt unter Juden finden wir schon an Sukkot: Es gibt mehrere Elemente an diesen Feiertagen, die uns die Idee des Zusammenhaltes lehren sollen. Vor allem das Hauptgebot des Festes, das gemeinsame Sitzen in der Laubhütte, trägt dazu bei.

Obwohl es für eine Laubhütte eine maximale Höhe gibt, ist die Gesamtfläche der Sukka nicht begrenzt. Unsere Weisen bemerken dazu, dass, wenn man eine sehr große Sukka bauen würde, das ganze jüdische Volk darin sitzen könnte. Und das wäre eine schöne und leider seltene Einheit unseres Volkes.

Ein anderes Element von Sukkot, das die gleiche Idee veranschaulicht, ist der Feststrauß »Arba Minim« – die Vier Arten. An Sukkot werden Palmzweig, Myrtenzweig, Bachweidenzweig und Zitrusfrucht (Etrog) zu einem Strauß verbunden. Alle vier Pflanzen symbolisieren vier Arten von Juden: sowohl die Gelehrten als auch die Frommen, die Gelehrten, aber nicht so Frommen, die Frommen, aber nicht sehr Gelehrten, und die, die keines von beiden sind. Die Tatsache, dass alle vier Pflanzen für Sukkot zusammengebunden werden sollen, ist ein klarer Hinweis darauf, dass alle »Arten« von Juden zusammen sein müssen.

Da jedoch an Sukkot viele andere Grundideen unserer Tradition im Vordergrund stehen, wie Freude oder Gebete für den Regen, entschied sich G’tt, einen separaten Festtag einzuführen, um uns die Idee von Achdut – Einigkeit – noch einmal vor Augen zu führen.

G’tt möchte uns unbedingt zeigen, dass die Einheit essenziell ist

Da stellt sich natürlich die Frage, warum der Zusammenhalt und die Einheit innerhalb des Volkes so wichtig sind. Für uns scheint das einfach nur eine schöne Idee zu sein. Doch G’tt möchte uns unbedingt zeigen, dass die Einheit essenziell ist. Schon in der Tora finden wir mehrere Geschichten, die dieses Konzept stark betonen. So lesen wir im 1. Buch Mose über die Sintflut und über den Bau des Turms zu Babel. Die Bösewichte der Sintflut-Generation wurden alle vernichtet. Die Sünder des Turmbaus wurden dagegen alle am Leben gelassen und »nur« über die ganze Erde zerstreut. Obwohl Letztere noch schlechter waren, weil sie laut unseren Weisen gegen G’tt rebelliert haben.

Warum also diese Ungleichbehandlung der Sünder verschiedener Generationen? Die Antwort ist verblüffend: Die Bösewichte vor der Sintflut waren untereinander zerstritten und haben deshalb den Tod verdient. Die Sünder des Turmbaus waren dagegen in ihrem Ziel vereint. Und ihre Strafe zielte gerade gegen diese Einheit: Da G’tt ihre Sprachen vermischte, konnten sie sich nicht mehr verstehen, und da war dieser schöne Zusammenhalt, der sie vor dem Tod rettete, dahin.

Ein anderes Beispiel ist der Streit unter den Söhnen unseres Patriarchen Jakow. Dieser Streit, bei dem alle Beteiligten sich im Recht gesehen haben und nur das Beste für die Familie wollten, gipfelte im Verkauf des Bruders Josef. Das führte nicht nur zu bitterer Versklavung in Ägypten, auch viele Unglücke in der jüdischen Geschichte waren die Folge dieses Familienzerwürfnisses.

Wie wertvoll der Frieden in unserer Gemeinschaft ist und wie zerstörerisch ein innerer Konflikt sein kann

Unsere Weisen haben mehrmals betont, wie wertvoll der Frieden in unserer Gemeinschaft ist und wie zerstörerisch ein innerer Konflikt sein kann. Eine kleine Meinungsverschiedenheit in einer Gemeinde oder in einer Synagoge kann sich, wenn sie nicht früh geklärt wird, zu einem richtigen Krieg entwickeln. Es werden mit der Zeit immer mehr Menschen in diesen Konflikt involviert, die sich einer Partei anschließen.

Theoretisch könnte das ganze jüdische Volk in einer Laubhütte Platz finden.

Die Argumente werden immer persönlicher, und die Fronten verhärten sich. Das führt zu großer Spaltung, durch die Freundschaften beendet und Familien auseinandergerissen werden. Monate später wird sich keiner mehr an den Auslöser dieses Streits erinnern, doch wird es praktisch unmöglich sein, ihn zu schlichten und das Kriegsbeil zu begraben.

Dazu gibt es ein sehr schönes Gleichnis, das man sich immer wieder vor Augen führen sollte: Ein Vater, der im Sterben lag, rief seine zahlreichen Söhne zu sich und bat jeden, einen kleinen Baumzweig mitzubringen. Als alle Söhne da waren, bat der Vater sie, ihre Zweige zu zerbrechen, was alle Söhne mühelos machten. Dann bat sie der Vater noch einmal, einen kleinen Zweig mitzubringen und diese Zweige zusammenzubinden.

Wenn sie zusammenhalten, wird ihnen niemand etwas antun können

Als alle Zweige verbunden waren, bat der Vater die Söhne, dieses Bündel zu zerbrechen. Sie versuchten es stundenlang, jedoch schafften sie es nicht. Das war die letzte anschauliche Lehre ihres sterbenden Vaters: Sobald die Söhne allein sind, werden sie leicht zu bezwingen sein. Wenn sie jedoch zusammenhalten, wird ihnen niemand etwas antun können.

Und das ist genau das, worauf wir uns an dem denkwürdigen Feiertag Schemini Azeret konzentrieren müssen: nicht auf unsere Unterschiede, welcher religiösen Strömung wir angehören, mit welchem Gebetsbuch wir beten oder ob überhaupt. Wir sollen uns daran erinnern, dass wir alle Nachkommen von Awraham, Jizchak und Jakow, Sara, Riwka, Rachel und Lea sind. Dass wir alle zu einem Volk gehören und Erben einer langen und großartigen Tradition sind. Und wenn wir es schaffen, eine echte Einheit zu erreichen, dann hat kein Feind auch nur die geringste Chance gegen uns!

Der Autor ist Militärrabbiner und arbeitet in der Gemeinde Halle (Saale).

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