Talmudisches

Frieden mit sich selbst und anderen

Foto: Maximkostenko

Der Schabbatmorgen des 7. Oktober 2023 hat sich in das jüdische Gedächtnis eingebrannt. Unser Volk erlebte den tödlichsten Angriff auf Juden seit der Schoa. In den Jahren danach mussten viele Juden zudem eine kaum erträgliche Umkehr von Täter und Opfer erfahren.

Es fällt schwer, ein solches Ereignis in einen talmudischen Zusammenhang zu bringen. Vielleicht ist es gerade deshalb sinnvoll, sich mit dem genauen Gegenteil von Krieg, Zerstörung und Mord zu beschäftigen: mit Frieden, mit Schalom.

Die moderne Friedensforschung unterscheidet zwischen negativem und positivem Frieden. Negativer Frieden bedeutet zunächst die Abwesenheit unmittelbarer Gewalt und von Krieg. Positiver Frieden bezeichnet eine Ordnung, in der auch strukturelle Gewalt überwunden und soziale Gerechtigkeit verwirklicht wird.

Die jüdische Vorstellung von Schalom erschöpft sich nicht darin, dass gerade niemand schießt

Auch die jüdische Vorstellung von Schalom erschöpft sich nicht darin, dass gerade niemand schießt. Schon die hebräische Sprache weist in eine andere Richtung. »Schalom« (vollständig) und »schalem« (ganz) gehören zur selben hebräischen Wortwurzel. Schalom hat etwas mit Ganzheit zu tun.

Vielleicht erklärt das, weshalb der Frieden in unseren Quellen eine so außergewöhnliche Stellung einnimmt. Der Talmud lehrt, dass Schalom sogar einer der Namen G’ttes ist. Noch weiter geht die Mischna am Ende des Traktats Uktzin: »Der Heilige, gelobt sei Er, fand für Israel kein Gefäß, das den Segen halten kann, außer dem Frieden« (Mischna Uktzin 3,12).

Auch unsere Gebete geben dem Frieden eine besondere Stellung. Die Amida schließt mit der Bitte um Frieden und mit der Beracha, dass G’tt Sein Volk Israel mit Frieden segnet. Im aschkenasischen Birkat Hamason begegnet uns gegen Ende erneut die Bitte: »Er, der Frieden in Seinen Höhen schafft, möge Frieden über uns und über ganz Israel schaffen.«

Auch der priesterliche Segen erreicht seinen Höhepunkt mit den Worten: »Der Ewige erhebe Sein Angesicht zu dir und gebe dir Frieden« (4. Buch Mose 6,26).
Vor diesem Hintergrund erscheint ein berühmter Satz am Ende des Talmudtraktats Berachot besonders bemerkenswert: »Toragelehrte mehren den Frieden in der Welt« (Berachot 64a).

Was hat der Mensch, der über einer Gemara sitzt, mit dem Frieden zwischen Völkern zu tun?

Warum gerade Toragelehrte? Die Frage ist nicht nebensächlich. Schließlich werden Kriege in der sichtbaren Welt durch politische Entscheidungen geführt und durch politische oder militärische Entscheidungen beendet. Was hat also der Mensch, der über einer Gemara sitzt, mit dem Frieden zwischen Völkern zu tun?

Eine mögliche Antwort findet sich bei Rabbi Nachman von Bratzlaw (1772–1810). In Likutej Moharan (14, 8–9) beschreibt er verschiedene Ebenen des Friedens. Zuerst, so Rabbi Nachman, müsse ein Mensch danach streben, »Schalom ba’azmaw«, Frieden in sich selbst, zu erreichen. Diesen inneren Frieden versteht er als Harmonie zwischen Körper und Seele.

Von dort führt sein Gedanke weiter. Schalom Bajit, Frieden im eigenen Haus, ermöglicht Gebet. Und durch das Gebet gelangt der Mensch schließlich zum »Schalom haklali«, zum umfassenden Frieden (14, 10–11).

Rabbi Nachman verbindet diesen Gedanken ausdrücklich mit der messianischen Vision des Propheten Jeschajahu. Und Rabbi Nachmans Gedanke richtet unseren Blick auf eine tiefere Ebene. Äußerer Frieden kann auf Dauer nur dort entstehen, wo Menschen überhaupt fähig sind, Frieden hervorzubringen.

Eine Gemeinschaft kann nur Schalom hervorbringen, wenn sie nicht selbst von Hass zerfressen wird

Ein Mensch, der innerlich von Hass beherrscht wird, wird nicht dadurch zum Friedensstifter, dass er das Wort »Frieden« oft genug ausspricht. Ebenso wenig kann eine Gemeinschaft dauerhaft Schalom hervorbringen, wenn sie selbst von grundlosem Hass zerfressen wird.

Vielleicht lässt sich nun auch der Satz der Gemara besser verstehen. Toragelehrte mehren den Frieden nicht deshalb, weil sie anstelle von Diplomaten Friedensverträge unterschreiben. Ihre Aufgabe liegt tiefer. Die Tora soll den Menschen formen. Sie soll ihm zeigen, wie er seine widersprüchlichen Kräfte ordnet.

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