Chanukka

Wie sah die Menora wirklich aus?

Darstellung am Titusbogen in Rom Foto: picture alliance / Zoonar


Es war ein verbotener Ort: Beinah 2000 Jahre lang näherte sich kaum ein gläubiger Jude dem pompösen Titusbogen in Rom. Die jüdische Gemeinde der Stadt hatte kurz nach seiner Errichtung im Jahr 81 n.d.Z. einen Bann ausgesprochen: Jeder Jude, der unter dem Bogen hindurchgeht, soll exkommuniziert werden. Wie war es so weit gekommen?

Das 14 Meter hohe Monument wurde vom römischen Kaiser Domitian zu Ehren seines verstorbenen Bruders, Kaiser Titus, in der Nähe des Forum Romanum errichtet. Es sollte an den Triumph Roms über Judäa zehn Jahre zuvor erinnern. Auf der Südseite des Titusbogens ist das sogenannte »Beuterelief« zu sehen, das zeigt, wie die »Beute« – darunter heilige Gegenstände aus dem Jerusalemer Tempel – durch die Straßen Roms getragen wird.

Der Titusbogen war für Juden tabu

Der Titusbogen symbolisierte somit eine der größten Erniedrigungen des jüdischen Volkes und erinnerte sie an die schmerzhafte Zerstörung des Zweiten Tempels, der nie wieder aufgebaut werden konnte. Erst am 23. Dezember 1997 erklärte Roms Oberrabbiner Elio Toaff bei einer Chanukka-Zeremonie am Titusbogen – in Anwesenheit von Italiens Premierminister Romano Prodi, Roms Bürgermeister Francesco Rutelli und Botschafter Yehuda Millo –, dass dieser fast zweitausend Jahre alte Bann offiziell im Jahr 1947 aufgehoben worden war, zeitgleich mit der UN-Ankündigung über die Gründung eines jüdischen Staates.
Trotz der traurigen Symbolik des Titusbogens sind die darauf abgebildeten Darstellungen von großem Interesse für die jüdische Tradition. Auf dem »Beute­relief« ist unter anderem die Goldene Menora, der siebenarmige Leuchter, abgebildet. Die Tora beschreibt die Menora zwar detailliert – wie sie gestaltet und verziert werden soll –, gibt jedoch keinen Hinweis darauf, ob ihre Arme gebogen oder gerade angewinkelt verlaufen.

Obwohl sich viele die Menora intuitiv mit runden Armen vorstellen, sind zahlreiche mittelalterliche Gelehrte (Rischonim) der Ansicht, dass sie diagonal verliefen. So enthält ein handschriftliches Manuskript des Rambam zum Mischna-Kommentar (Traktat Menachot, Kap. 3, Mischna 7) eine Skizze, die die Menora mit geraden Armen zeigt.


Nur Kohanim konnten die Menora sehen. Ihr Wissen ist heute verloren.

Auch Raschi schreibt in seinem Tora-Kommentar explizit, dass die Arme gerade waren, ebenso wie es aus den Responsen des Rivasch (Tschuvos HaRivasch, Bd. 2, Siman 410) hervorgeht.

Aus diesem Grund wies der Lubawitscher Rebbe, Rabbi Menachem Mendel Schneerson, seine Anhänger an, dass auch die überdimensionalen Chanukkiot, die zu Chanukka öffentlich angezündet werden, stets gerade Arme haben sollen – ein Brauch, der bei Chabad bis heute gepflegt wird. Diese Ansicht teilten auch prominente Rabbiner wie Rabbi Menasche Klein, Rabbi Chaim Kanievsky und Rabbi Avigdor Nebenzahl.

Chabad-Chanukkia mit eckigen Armen.Foto: picture alliance/dpa

Jedoch gibt es abweichende Meinungen. Das Tempel-Institut, ein Forschungszentrum, das sich dem Jerusalemer Tempel und seinen heiligen Gefäßen widmet, hat nach jahrelanger Forschung eine originalgetreue Replik der Menora angefertigt, die im jüdischen Viertel der Jerusalemer Altstadt in einer Vitrine ausgestellt ist. Rabbi Israel Ariel, Gründer des Tempel-Instituts, hat sich intensiv mit der Menora befasst und dazu das Buch Menorat Zahav Tahor (Die Menora aus reinem Gold) verfasst.

Er argumentiert, dass der Rambam mit seiner Skizze nicht zwingend behaupten wollte, dass die Menora-Arme gerade sein müssten, und verweist auf zahlreiche historische Beweise für gerundete Arme. Dazu gehören Reliefs in antiken Synagogen in Israel, Münzen aus der Zeit der Hasmonäer und insbesondere der Titusbogen, auf denen die Menora mit gebogenen Armen dargestellt wird. Folglich baute Rabbi Ariel die Replik der Menora mit gebogenen Armen. Doch würde der Rambam die Menora so ungenau skizzieren, wie es Rabbi Ariel behauptet? Zudem schreibt Rabbi Avraham, der Sohn des Rambams, dass die Menora so auszusehen hat, wie sie von seinem Vater dargestellt wurde.

Was sein zweites Argument betrifft, auch wenn der Bericht des jüdischen Historikers Josephus Flavius – der den Siegeszug Roms nach der Tempelzerstörung miterlebte – mit der Darstellung auf dem Titusbogen übereinstimmt, gibt es Zweifel, ob die dort abgebildete Menora tatsächlich die aus dem Tempel war. Diese Frage wurde 1949 besonders relevant, als die Knesset beschloss, die Menora des Titusbogens als Staatswappen zu wählen. Rabbi Yitzchak Eisik Herzog, der erste aschkenasische Oberrabbiner des jungen Israels, veröffentlichte damals einen Artikel mit seinen Überlegungen.


Der Rambam zeichnete die Menora anders als auf dem Titusbogen

»Wenn man die Menora auf dem Titusbogen genauer betrachtet, steht sie auf einer zweistufigen Plattform – was nicht der Meinung des Rambam entspricht, wonach die Menora auf einem Dreifuß stand. Zudem sind auf der Plattform Abbildungen von Kreaturen zu sehen, die Drachen oder Schlangen ähneln. Solche Verzierungen wären im Heiligen Tempel wohl kaum akzeptabel gewesen.« Rabbi Herzog erwägt, dass der ursprüngliche Stand der Menora auf der Reise von Jerusalem beschädigt wurde und sie von einem römischen Künstler auf dieser Plattform neu befestigt wurde.

Eine weitere Möglichkeit ist, dass es sich um einen anderen siebenarmigen Leuchter handelt und die Römer irrtümlich glaubten, es sei die Menora aus dem Tempel. Da die Menora im Heichal, dem »Heiligen«, stand und nur Kohanim Zutritt hatten, wusste außer den Kohanim niemand mit Sicherheit, wie sie aussah.

Wenn jedoch die wahre Menora tatsächlich eckige Arme hatte, wie es viele Rischo­nim überlieferten, stellt sich die Frage: Warum zeigen so viele Abbildungen Menorot mit gebogenen Armen?

Der Talmud (Pessachim 26a) verbietet es, die heiligen Gefäße des Tempels zum eigenen Genuss zu nutzen, sogar sich an deren bloßem Anblick zu erfreuen. Daher könnte es ein halachisches Problem darstellen, eine originalgetreue Menora für profane Zwecke abzubilden.

Möglicherweise wurden ihre Arme auf Abbildungen absichtlich gebogen dargestellt, um dieses Problem zu umgehen. Es gibt verschiedene Theorien über den Verbleib der Original-Menora: in den Katakomben des Vatikans, auf dem Grund des Tibers.

Vielleicht ist das aber gar nicht mehr so wichtig. Denn laut dem Midrasch (Bamidbar Rabba 15:10) wird im dritten Beit HaMikdasch die Menora verwendet werden, die Mosche in der Wüste anfertigte und die vor der Zerstörung des Ersten Tempels versteckt wurde. Spätestens dann wird sich klären, ob die Arme der Menora gebogen oder eckig sein müssen.

Der Autor ist Assistenz-Rabbiner der Gemeinde Kahal Adass Jisroel, Dozent am Rabbinerseminar zu Berlin und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

Talmudisches

Jüdische Longevity

Was unsere Weisen über gutes Altern lehrten

von Detlef David Kauschke  15.05.2026

Bamidbar

Die Kraft der Stämme Israels

Das jüdische Volk strebt dem Frieden nach – ist dafür aber auch bereit zu kämpfen

von Yonatan Amrani  15.05.2026

Interview

»Musik ist die Sprache, die die Seele versteht«

Jüdische Melodien begleiten Rabbiner Daniel Fabian schon sein Leben lang. Heute helfen sie ihm, das Judentum erfahrbar zu machen

von Mascha Malburg  15.05.2026

Meinung

Orden für den Botschafter: Wie Leo XIV. Irans Regime aufwertet

Mit seinem Orden für den iranischen Botschafter beim Heiligen Stuhl verpasst der Papst den Menschen im Iran symbolisch einen Tritt in die Magengrube

von Michael Thaidigsmann  13.05.2026

Meinung

Wer definiert das Judentum?

Die Theologische Fakultät der Universität Freiburg im Üechtland verleiht dem messianischen Rabbiner Mark S. Kinzer die Ehrendoktorwürde. Das belastet das jüdische Verhältnis zu einem katholischen Partner

von Zsolt Balkanyi-Guery  12.05.2026

Israel

In Deboras Fußstapfen

Seit 2018 versuchen Frauen, an den Halacha-Prüfungen des Oberrabbinats teilzunehmen. Nun ist es ihnen gelungen

von Sophie Goldblum  08.05.2026

Talmudisches

Die Zahl 80

Was unsere Weisen über die wahre Stärke im Alter lehren

von Avi Frenkel  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  07.05.2026