Gedanken zu den Hohen Feiertagen

Wenn Religion leuchtet

Chiara Lipp Foto: Leonid Starobinski

Gedanken zu den Hohen Feiertagen

Wenn Religion leuchtet

Wie lassen sich insbesondere junge Menschen für das Judentum begeistern? Der Schlüssel liegt in der verbindenden Kraft von zunächst unscheinbar wirkenden Handlungen

von Chiara Lipp  01.10.2025 12:14 Uhr Aktualisiert

Neue Studien zeigen, dass es nach dem 07. Oktober 2023 einen Anstieg der Religiosität sowie eine stärkere Identifikation mit dem Judentum in Israel gab. Das ist zunächst verwunderlich, denkt man an das grausame Massaker der Hamas zurück, dessen Auswirkungen noch heute in der jüdischen Gemeinschaft weltweit spürbar sind.

Vor einigen Monaten veröffentlichte ich einen Artikel über die ehemalige Geisel Agam Berger, die trotz ihrer damaligen Gefangenschaft an ihrem jüdischen Glauben festhielt und durch das Ausführen zentraler Mizwot, wie dem Segnen von Speisen und dem täglichen Gebet, Kraft schöpfen konnte. Dabei ging ich ebenfalls auf die Frage ein, wie es möglich sein kann, inmitten von Leid und Ohnmacht an G-tt festzuhalten, und betonte, dass der Fokus in Glaubensfragen nicht etwa auf passivem Ertragen, sondern auf aktivem Handeln liegen sollte. Leitend war zudem der Gedanke, dass das Sprechen derselben Gebete durch Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt ein tiefes Gefühl von Zusammenhalt, Hoffnung und spiritueller Verbundenheit schafft.

Doch häufig hört man auch Sätze wie: »Ich bin schon irgendwie gläubig, aber nicht wirklich religiös.« Verbunden ist diese Aussage nicht selten mit Misstrauen, Ablehnung oder Unsicherheiten gegenüber religiösen Institutionen oder halachischen Regelungen. Doch wie können wir dem, vor allem als junge Generation, begegnen? Schließlich soll Religion nicht exkludieren, sondern unsere jüdische Gemeinschaft von innen heraus stärken und über Generationen hinweg verbinden.

Im Judentum gibt es eine Besonderheit, die mich schon immer begeistert hat: die Verbindung zwischen für Außenstehende zunächst unscheinbar wirkenden Handlungen und großer Spiritualität und Kraft. Das Zünden der Schabbatkerzen beispielsweise ist ein bedeutungsvoller Moment der Segnung und des Friedens, mit dem der Schabbat beginnt. Dabei kann jede Frau ihre eigenen Kerzen wählen, egal ob schlicht oder kunstvoll, aus Wachs, Öl oder anderen Materialien. Doch die spirituelle Kraft dieses Lichts bleibt unverändert stark. Es ist ein Akt der Verbindung zwischen Generationen, ein Gebet für Segen und Licht in der Welt.

Es geht nicht um Perfektion, sondern um das gemeinsame Erleben, die Verbindung mit Jüdinnen und Juden weltweit.

Unsere religiösen Schriften betonen, dass diese Kraft wächst, je mehr Frauen sich daran beteiligen – jede einzelne Kerze trägt zu einem kollektiven und spirituellen Licht bei. So wird ein einfacher Brauch zu einem mächtigen Zeichen weltweiter jüdischer Verbundenheit.

Auch das Backen von Challah ist nicht nur eine praktische Vorbereitung für den Schabbat, sondern eine tiefe spirituelle Handlung, die auf eine der 613 Mizwot zurückgeht: die Abtrennung eines kleinen Stücks Teig, genannt Hafrashat Challah, als Erinnerung an die Abgabe an die Kohanim im Tempel. Diese Handlung wird traditionell von Frauen mit einem Segensspruch durchgeführt, und egal, ob der Teig süß oder salzig, rund oder traditionell geflochten ist – der spirituelle Wert bleibt groß. Religiöse Quellen wie der Schulchan Aruch betonen die Bedeutung dieser Mizwa, und auch kabbalistische Schriften weisen darauf hin, dass das gemeinsame Abtrennen und Beten während des Challah-Backens eine besondere spirituelle Kraft entfaltet – besonders, wenn viele Frauen es gleichzeitig tun.

Diese Mizwot zeigen eindrücklich, dass es nicht darauf ankommt, wer etwas besser macht, die schönere Challah backt, die teuersten Kerzen aufstellt, sondern nur, dass wir es zusammen machen. Es geht hierbei nicht um Perfektion, sondern um das gemeinsame Erleben, die Verbindung mit Jüdinnen und Juden weltweit, unserer Gemeinschaft und letztendlich zu G-tt. Vor allem in Zeiten wie diesen, in denen die Herausforderungen, Wut und Hass nicht enden wollen.

Wir lernen von- und miteinander, und diese Bereicherung macht uns aus, fordert uns und bringt uns voran. Jedoch ist es wichtig, dass dieser Vielfalt Raum gegeben wird und jede/r Einzelne seinen oder ihren Platz finden kann – egal, welche Denomination und egal, wie viele Vorkenntnisse vorhanden sind. Vor allem in Hinblick auf die anstehenden Hohen Feiertage ist diese Einigkeit umso wichtiger! Das süße Rosch Haschana, der besinnliche Jom Kippur oder das bunte Sukkot – durch die Beiträge, Gebete, Teilnahme und das Engagement von uns allen werden sie noch bedeutungsvoller und so viel wertvoller!

Die Autorin ist Leiterin des Religionsreferats der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD). Dieser Text ist zuerst bei EDA erschienen, dem Magazin der JSUD. Mehr Informationen finden Sie auf der Website oder dem Instagram-Kanal von EDA.

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