Kunst

Was macht Moses?

Das Bild »Moses zerschmettert die Gesetzestafeln« von 1659 in der Berliner Gemäldegalerie Foto: picture-alliance/ dpa

Kunst

Was macht Moses?

Eines der bekanntesten Werke des niederländischen Künstlers Rembrandt wirft bis heute Fragen auf

von Detlef David Kauschke  31.03.2022 11:01 Uhr

Es ist eines seiner bekanntesten Werke: 1659 soll es Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606–1669) geschaffen haben. 1763 wurde es von Friedrich II., dem König von Preußen, erworben, später kam es in die Gemäldegalerie Berlins. Dort gilt das Bild, das seit 1998 im Haus am Berliner Kulturforum neben 15 weiteren Arbeiten Rembrandts besichtigt werden kann, als eines der »Highlights der Sammlung«.

Zu sehen ist Moses, der die beiden Gesetzestafeln emporhebt. Eine dunkle Szene, doch sein Gesicht strahlt hell. Auf der Hinweistafel neben dem Gemälde ist zu lesen: »Moses zerschmettert die Gesetzestafeln«.

TORA An dieser Stelle ein Blick in die Tora: Dort heißt es im 2. Buch Mose (32,19), dass Moses, als er vom Berg Sinai herabgestiegen war, die Israeliten beim Tanz um das Goldene Kalb antraf: »Und es geschah, als er sich dem Lager näherte und das Kalb sah und die Reigentänze; da entbrannte der Zorn Mosches, und er warf aus seinen Händen die Tafeln und zerschlug sie unten am Berge.«

So weit, so schlecht. Nun gibt es noch eine zweite Textstelle, in der Moses mit den zwei steinernen Tafeln in der Hand erwähnt ist. Sie findet sich im 2. Buch Mose, im Wochenabschnitt Ki Tissa. Hier (34,29) steht: »Und es geschah, als Mosche herabkam vom Berg Sinai – und die zwei Tafeln des Zeugnisses (waren) in der Hand Mosches, indem er herabkam vom Berg – da wusste Mosche nicht, dass die Haut seines Angesichts strahlte dadurch, dass es mit ihm geredet hatte.«

Anders als andere Künstler bildete Rembrandt hebräische Schriftzeichen genau ab.

Moses war wieder 40 Tage auf dem Berg, erhielt erneut die Weisungen auf zwei steinernen Tafeln, und als er damit hinabstieg, strahlte die Haut seines Angesichts, auf Hebräisch heißt es »karan or panav«. »Karan« bedeutet glänzend, »Keren« – das Horn. In der lateinischen Übersetzung ist von »cornuta« (gehörnt) die Rede.

Die falsche Deutung führte wohl dazu, dass Michelangelo die berühmte Marmorstatue des Moses mit Hörnern versah und die biblische Figur auch auf vielen späteren künstlerischen Darstellungen so abgebildet wird. Rembrandt begnügt sich in seinem Werk mit zwei Haarbüscheln auf dem Haupt von Moses.

FORSCHUNGSPROJEKT Gemeinsam mit Restauratorin Claudia Laurenze-Landsberg hat Katja Kleinert, Kuratorin für niederländische und flämische Kunst des 17. Jahrhunderts bei den Staatlichen Museen zu Berlin, in einem Forschungsprojekt zu den Berliner Rembrandt-Bildern auch dieses und weitere Details des Werkes ausführlich untersucht.

Auf Nachfrage teilte sie der Jüdischen Allgemeinen mit: »Tatsächlich sind sowohl der Gesichtsausdruck als auch das ›Leuchten‹ des Gesichts als auch die sogenannten Hörner (Haare) von Moses nicht eindeutig. Das Leuchten kann auch schlicht der Lichteinfall sein, die Hörner können auch einfach nur lockige, aufgebauschte Haare sein, der Gesichtsausdruck ist unserer Meinung nach durchaus auch als sorgenvoll und bedrückt zu lesen – Rembrandt lässt dies bewusst in der Schwebe.«

Durchaus möglich, dass Rembrandt die Tatsache der falschen Deutung des biblischen Textes in Bezug auf die Hörner bekannt war. »Rembrandt hat diesen Aspekt in seinem Bild aufgegriffen und in naturalistischer Weise ausgedrückt, indem er Moses’ Haar über der Stirn hornartig gestaltete«, so Kleinert.

Rembrandts Darstellungen biblischer Figuren und Szenen könnten auf Wunsch jüdischer Kunden entstanden sein.

Es lässt sich in verschiedenen Bildern Rembrandts erahnen, welchen Kenntnisreichtum der Künstler hatte. Denn ungewöhnlich im Vergleich zu anderen Malern seiner Zeit ist beispielsweise die Genauigkeit, mit der er die hebräischen Schriftzeichen auf den Tafeln darstellt.

arbeitsweise Sie seien im Fall des Bildes mit den Gesetzestafeln mehrfach übersetzt worden – von Theologen, Kunsthistorikern und Judaisten: »Bemerkenswert ist die weitestgehend fehlerfreie Wiedergabe des hebräischen Textes auf den Tafeln, die Rembrandts überaus sorgfältige, genaue Arbeitsweise belegt«, meint die Kuratorin.

Steven Nadler, Professor für Jüdische Studien an der Universität von Wisconsin-Madison/USA, schreibt in seinem Buch Rembrandt’s Jews, dass kein anderer nichtjüdischer Künstler je so viele hebräische Lettern in seinen Gemälden verwandt habe. Auch seien die zahlreichen Werke mit weiteren biblischen Szenen und Personen bemerkenswert. Zu vermuten sei, dass Darstellungen dieser Figuren und Geschichten auf Wunsch jüdischer Kunden entstanden sein könnten.

Nadler schreibt, dass von einigen vermögenden Amsterdamer Juden anzunehmen sei, dass sie sich Werke von Rem­brandt, die damals einige Hundert Gulden gekostet haben, leisten konnten.

AMSTERDAM Der Wissenschaftler geht davon aus, dass Rembrandt mit zahlreichen jüdischen Nachbarn im Amsterdamer Viertel Vlooienburg Kontakt gehabt haben muss.

Als der Künstler dort 1639 sein Haus bezog, sollen allein mehr als 1000 portugiesische Juden in der Gegend gelebt haben. Zudem soll der Künstler eben nicht nur neben aschkenasischen und sefardischen Juden gewohnt haben, vielmehr habe er viele von ihnen gemalt: »Er verstand diese Leute wie kein anderer europäischer Künstler vor ihm. Ihre Geschichte, ihre Legenden und besonders ihre Gesichter waren wiederkehrende und wichtige Themen seiner Kunst.«

Auch wenn andere die besondere Verbindung Rembrandts zu Juden und dem Judentum für einen Mythos halten, erklärte der Dichter Chaim Nachman Bialik den Maler hingegen zum »Juden ehrenhalber«. Dieses begabte Genie habe auf wundersame Weise den Kern der hebräischen Seele erfasst und ergriffen, wie es keinem anderen nichtjüdischen Maler je gelungen sei, meinte Bialik.

Rabbiner Abraham Isaac Hacohen Kook hielt den Maler für einen »Zaddik« mit Vision.

Begeistert von Rembrandts Kunst war auch Rabbi Abraham Isaac Hacohen Kook (1865–1935), der erste aschkenasische Oberrabbiner von Eretz Israel. Er hatte Werke des holländischen Künstlers in der Londoner National Gallery gesehen. Seiner Meinung nach war Rembrandt ein »Zaddik«. Denn als er dessen Gemälde zum ersten Mal betrachtet habe, so Rabbi Kook, hätten sie ihn an die rabbinische Erzählung von der Entstehung des Lichts erinnert. »Von Zeit zu Zeit gibt es große Männer, die G’tt mit einer Vision des verborgenen Lichts segnet. Ich glaube, Rem­brandt war einer von ihnen, und das Licht seiner Gemälde ist das Licht, das G’tt am Tag der Genesis erschaffen hat.«

LICHT Rembrandt beeindruckt wohl jeden Betrachter durch den geschickten Umgang mit Licht und Schatten, mit Effekten und besonderen Lichtwirkungen in seinen Werken, die allerdings über die Jahrhunderte in den Details gelitten haben können.

Kuratorin Kleinert erläutert, dass die beinahe monochrome Erscheinung des Bildes von Moses mit den Gesetzestafeln unter anderem auf starke Vergrauungen von Pigmenten und die Vergilbung des Firnisses zurückzuführen sei: »Tatsächlich war das Gemälde ursprünglich farbiger und detailreicher angelegt. So dürfte der Mantel einen intensiv purpurnen Farbton gehabt haben. Auch muss der Annahme, das Format des Gemäldes sei ursprünglich sehr viel größer gewesen, widersprochen werden.«

Und noch etwas hätten die Untersuchungen des Bildes gezeigt. Sie legten die Vermutung nahe, dass »auf einer ersten Version die Steintafeln weiter nach hinten gekippt dargestellt waren. Dies deutet darauf hin, dass in dieser ersten Bildanlage tatsächlich das Zerschmettern der Tafeln dargestellt werden sollte«. Demnach hätte es im Vergleich zur zweiten, also heutigen Version, eine Änderung gegeben, wonach nun eher das Präsentieren der Tafeln gezeigt wird.

AUSDRUCK Dazu würden dann auch das Leuchten des Hauptes und die »Hörner« passen. »Rembrandt interessierte meiner Ansicht nach hier die Reaktion und der Ausdruck von Moses als Mensch«, so Kleinert. Dieses besondere Interesse und Einfühlungsvermögen finde sich auch schon auf frühen Bildern wie beispielsweise »Simson & Delila« und setze die Werke Rembrandts deutlich von denen anderer zeitgenössischer Maler ab.

Warum findet dann noch der Titel »Moses zerschmettert die Gesetzestafeln« Verwendung? »Dieser Titel wird traditionell (seit den 1830er-Jahren) für das Bild verwendet«, erläutert Kuratorin Katja Kleinert.

Den alten Texten zufolge meinte man den Schmerz und den Zorn darüber, dass das jüdische Volk vom Ewigen abgefallen war, in Moses’ Gesicht ablesen zu können, weshalb man vom Zerschmettern der Gesetzestafeln ausging. »Vor dem Hintergrund der genannten Erkenntnisse ist der heutige neutrale Titel ›Moses mit den Gesetzestafeln‹ sicher passender.«

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