Teruma

War es ein Einhorn?

Foto: Getty Images

Daten, Zahlen, Fakten – das könnte das Motto des aktuellen Wochenabschnitts sein, denn die Tora schildert im Detail die Errichtung des Mischkan, des sogenannten Stiftszelts. Den Lesern begegnen Anweisungen wie »Die Länge eines jeden Wandteppichs soll 28 Ellen betragen, und die Breite vier Ellen, ein Maß für alle Wandteppiche« (2. Buch Mose 26,2). Oder »50 Schleifen sollst du machen an einen Wandteppich, und 50 Schleifen sollst du machen an das Ende des Wandteppichs (…): Die Schleifen sollen einander gegenübersitzen« (26,5).

Die Schilderungen sind kleinteilig und voller Einzelheiten. Doch die Tora lässt durchblicken, dass einige Details fehlen. Dies verdeutlicht der Satz: »Schau und mach es so, wie ich es dir auf dem Berg gezeigt habe« (25,49). Manche Handgriffe wurden also Mosche offenbart.

Es gibt Hürden, an denen heutige Baumeister scheitern würden

Doch es gibt Hürden, an denen heutige Baumeister scheitern würden. So fehlt es für einige Begriffe an Übersetzungen. So werden gleich zu Beginn des Wochenabschnitts die Abgaben aufgezählt, die geleistet werden sollen. Unter ihnen sind »rot gefärbte Widderfelle, Tachaschfelle und Schittimholz« (25,5). Später soll mit dem Fell des Tachasch das Zelt bedeckt werden (26,14).

Doch was ist »Tachasch«? Erstaunlich, dass die Bedeutung dieses wichtigen Bestandteils offenbar in Vergessenheit geraten ist. Der mittelalterliche Kommentator Raschi (1040–1105) schreibt, Tachasch sei eine Art Wildtier, das nur in jener kurzen Zeit, während der Tempel gebaut wurde, existiert habe und viele Farben hatte. Deshalb nennt es der Targum, die aramäische Übersetzung der Tora, »Sasgona«, das heißt: »erfreut (schesas) und verherrlicht in seinen Farben (gawnin)«. Schon die Übersetzer der Septuaginta (griechische Übersetzung des Tanachs) hätten nicht mehr gewusst, schreibt Raschi, wie sie das Wort übertragen sollten. So hätten sie Tachasch mit »hyazinthenen Häuten« übersetzt.

Raschi bezieht sich hier auf den Talmud. Dort geht die Diskussion jedoch etwas weiter, und die Frage, welches Tier dahinterstecken könnte, wird überraschend beantwortet (Schabbat 28b): »Rabbi Ela sagte, Rabbi Schimon ben Lakisch habe gesagt, dass Rabbi Meir zu sagen pflegte: Das Tachasch, das in den Tagen von Mosche existierte, war eine Kreatur für sich, und die Weisen wussten nicht, ob es eine Art Haustier war oder nicht. Und es hatte ein einzelnes Horn auf der Stirn, und dieses Tachasch kam zufällig zu Mosche, als die Stiftshütte gebaut wurde, und er machte daraus die Decke für die Stiftshütte. Und von da an wurde das Tachasch zurückgehalten und ist nicht mehr zu finden.«

Es handelte sich also um ein Einhorn. Oder eine Einhorn-Herde – denn mit dem Fell von nur einem Tier wird man das gesamte Zelt nicht bedeckt haben können. Doch unabhängig von der mythischen Zuordnung muss das Tachasch ein Tier gewesen sein, das es heute nicht mehr gibt und wir deshalb keine Übersetzung dafür haben. Vielleicht ein Tier mit einer besonderen Farbe, wie schon Raschi andeutete.

Von »Daten, Zahlen, Fakten« haben wir uns jetzt weit entfernt. Wir sind im Bereich der Spekulation. Tatsache aber bleibt: Es lässt sich heute nicht mehr feststellen, was hinter dem »Tachasch« steckt. Es wäre also weise, das Wort nicht zu übersetzen.

Wir können das Geheimnis letztendlich nicht ergründen

Wir können es vermessen, wir können die Summe der Einzelteile errechnen, jedes einzelne Bauteil kennen. Wir können den Bauplan betrachten, aber wir können das Geheimnis letztendlich nicht ergründen. Was passiert im Allerheiligsten? Was macht es aus? Ein Architekt kann eine Synagoge planen, jeden Stein und sein Material kennen. Als Bauleiter kennt er die einzelnen Arbeitsschritte, aber was die Gemeinde daraus macht und welche Atmosphäre dort herrscht, liegt außerhalb dessen, was er planen kann. Der Ort ist mehr als die Summe seiner Einzelteile.

Der Mensch hat sich die Welt untertan gemacht und versteht immer mehr ihrer Bestandteile. Aber er versteht nicht ihr Warum.

Tachasch ist eine Metapher für dieses Streben. Wir wollen verstehen, was es bedeutet. Das ist in der Natur des Menschen angelegt. Wir wollen es ergründen. Deshalb stellen uns die möglichen Antworten nicht zufrieden. Im Laufe der Geschichte sind viele Vorschläge gemacht worden, was Tachasch bedeuten könnte, begonnen bei Delfinen bis hin zur Giraffe.

Doch letztendlich geht es nicht um das Tachasch, sondern vielmehr um das, was das Tachasch-Fell bedeckte: die Lade mit den Tafeln des Bundes, das Ergebnis der Begegnung am Sinai. Der Mischkan symbolisiert den Sinai, und der Tempel in Jerusalem steht für das mobile Heiligtum. Nicht zufällig folgt dieser Wochenabschnitt auf die Schilderung der Begegnung am Sinai.

Auch der Berg sollte mit einer Abgrenzung umgeben werden (19,12) – wie sie zum Mischkan geschildert wurde. Weiter durfte niemand gehen und den Berg auch nicht berühren. Unten errichtete Mosche einen Altar (24,4). Anschließend ging er mit einigen Begleitern dem Berg weiter entgegen: »Dann stiegen Mosche und Aharon, Nadaw und Awihu und 70 von den Ältesten Israels hinauf« (24,9). Später begleitete ihn nur noch Jehoschua, und dann schließlich stieg Mosche allein bis ganz nach oben. Dort weilte die Gegenwart Gottes auf dem Berg, und eine Wolke hüllte ihn sechs Tage lang ein.

Mischkan und Sinai ähneln einander: Es gibt einen äußeren Bereich und eine Abgrenzung. Das sind beim Mischkan die Vorhänge, beim Sinai erfahren wir lediglich von einer Abgrenzung. Dann folgen der Altar und zwei Bereiche, die nicht dem gesamten Volk zugänglich sind.

Einige Kapitel zuvor ist von Mosches Aufstieg auf den Berg berichtet worden. In Vers 40,34 wird geschildert, was mit dem Mischkan passierte, wenn die »Herrlichkeit Gottes« erlebbar war: »Eine Wolke bedeckte das Ohel Moed, und die Herrlichkeit Haschems füllte den Mischkan.«Auch das ist eine Erinnerung an Mosche und seinen Aufenthalt auf dem Sinai. Heute bleiben uns vom Mischkan und vom Tempel die Erinnerung, aber vor allem die Tafeln des Bundes – oder besser: Es bleibt uns die Tora. Wir können sie sprachlich erfassen und die Information aufnehmen, aber um das Verstehen, wie wir gerade gesehen haben, müssen wir uns bemühen. Auch dafür steht das Tachasch.

Der Autor ist Blogger und lebt in Gelsenkirchen.

inhalt
Im Wochenabschnitt Teruma fordert der Ewige die Kinder Israels auf, für den Mischkan, das Stiftszelt, zu spenden. Die Parascha enthält genaue Anweisungen zum Bau der Bundeslade, des Tisches im Stiftszelt, des Zeltes selbst und der Menora. Den Abschluss bilden Anweisungen für die Wand, die das Stiftszelt umgeben soll, um das Heilige vom Profanen zu trennen.
2. Buch Mose 25,1 – 27,19

Wajakhel–Pekudej

Serie mit Botschaft

In »Alles für die Liebe« geht es um Familie, Zusammenhalt und Werte, die bereits im Mischkan und heute am Pessachfest eine besondere Bedeutung haben

von Yonatan Amrani  13.03.2026

Talmudisches

Die Zahl Dreizehn

Was unsere Weisen über Vollständigkeit und gʼttliche Ordnung lehren

von Chajm Guski  13.03.2026

Unterricht

Wenn Lehrer lernen

Jüdische Religionspädagogen aus ganz Deutschland treffen sich zur Weiterbildung – und finden Wege, alte Texte mit Theater, TikTok und KI wieder lebendig werden zu lassen

von Mascha Malburg  13.03.2026

Pro & Contra

Braucht es jüdischen Feminismus?

Ja, sagt Valérie Rhein: »Weil er zu einem hierarchieloseren Miteinander beiträgt.« Nein, findet Noémi Berger: »Gleichwertigkeit ist das Fundament, auf dem jüdisches Leben gebaut ist.«

von Valérie Rhein, Noemi Berger  12.03.2026

Chabad

Europäische Rabbiner tagen in Berlin

Die Hauptstadt ist seit Montag Treffpunkt von rund 180 Rabbinern aus ganz Europa

 09.03.2026

Talmudisches

Neidisch

Was unsere Weisen über Zufriedenheit lehren

von Detlef David Kauschke  06.03.2026

Verantwortung

Zerbrochen und erneuert

Die Geschichte von Mosche und den zweiten Gesetzestafeln zeigt, dass Gestaltungswille uns den Weg zu Gott öffnet

von Paige Harouse  06.03.2026

Dialog

Judaist Rutishauser: Antisemitismus greift tief in die Psyche

Am Sonntag erhält Christian Rutishauser die Buber-Rosenzweig-Medaille für seine Verdienste um den christlich-jüdischen Dialog. Was er zum Antisemitismus sagt - und warum die Gesellschaft »auf die Couch« müsse

von Leticia Witte  06.03.2026

Gespräch

»Das Leben ist keine schicksalhafte Tragödie«

Der Luzerner Jesuit und Judaist Christian Rutishauser erhält für seinen Einsatz im christlich-jüdischen Dialog die Buber-Rosenzweig-Medaille. Hier erzählt er, was ihn am rabbinischen Denken fasziniert

von Richard Blättel  05.03.2026