Freude

Von wegen Feiertagsblues

Torafreude in Jerusalem Foto: Flash 90

Alle Feste bieten Anlass für Simcha, Freude. Aber nur Sukkot wird als Szman Simchateinu bezeichnet – als Zeit unserer Freude. Klingt gut. Doch diesen Zustand von Simcha zu erreichen, ist manchmal schwieriger als die intensive Selbstprüfung, die an den Tagen der Buße gefordert wird.

In der nichtjüdischen Welt wurde schon viel geschrieben über den »Blues«, der einen Menschen um die Zeit der Feiertage – angeblich die glücklichste Zeit des Jahres – heimsucht. Die einen hegen den Verdacht, alle anderen hätten eine tolle Zeit, nur sie nicht, und das deprimiert sie. Andere erinnern die sogenannten Familienfesten an ihre Einsamkeit.

Ich vermute, dass es etwas Ähnliches auch unter religiösen Juden an Sukkot gibt: Sie spüren nichts von der Simcha, die sie während ihres Gebetes wiederholt verkünden und die ein fester Bestandteil des Chags (freudvollen Festes) sein soll; und weil sie die Freude nicht fühlen können, geht es ihnen noch schlechter.

Die Simcha war nicht immer so flüchtig. Als die Wolken der Herrlichkeit nach der Sünde des goldenen Kalbes am 15. Tischri zurückkehrten, erlebte Bnei Israel die Freude, dass Haschem ihnen verziehen und Seine Beziehung zu ihnen wiederhergestellt hatte. Später, als alle Juden im Land lebten und sich unmittelbar von der Erde ernährten, war die Erntezeit an sich eine Zeit der Freude, der Genugtuung, denn jetzt durfte man die Früchte der langen Monate intensiver Arbeit, die vor der Ernte lagen, genießen. Aber nur wenige von uns pflügen noch immer das Land oder erleben die Befriedigung am Ende einer schweren körperlichen Arbeit.

Vorbereitung Simcha ist kein Daseinszustand, in den man automatisch eintritt. Es bedarf einer intensiven geistigen Vorbereitung. Indem er in Laschon Hakadosh (der Heiligen Sprache) die zehn Begriffe für Glück unterscheidet, definiert der Gaon von Wilna Simcha als ein Wohlgefühl, das aus dem Bewusstsein von der Beziehung zum Ewigen herrührt. Wie alle Beziehungen kostet auch der Aufbau dieser Beziehung Mühe.

An Rosch Haschana sind wir aufgerufen, uns eine Welt vorzustellen, in der der Wille von Haschem unangefochten herrscht und alle falschen Mächte verschwunden sind. Und in der Vorbereitung auf Jom Kippur lassen wir unseren Lebensweg Revue passieren, um zu verstehen, wie viele Hürden wir errichtet haben, die uns daran hindern, unseren Willen nach dem Willen von Haschem auszurichten. Erst wenn wir uns entschließen, diese Barrieren niederzureißen, können wir nach der Nähe zu Haschem von Sukkot streben.

Tanzen Das Tanzen von Simchat Tora führt uns vor Augen, dass die Qualität unserer Beziehung zu Haschem und somit auch das Ausmaß unserer Simcha von unseren eigenen Anstrengungen abhängt. Diejenigen, die am fröhlichsten tanzen, sind ausnahmslos auch die größten Talmidei Chachamim, das heißt diejenigen, die sich die meisten Mühen gemacht haben, die Geheimnisse der Tora zu entschlüsseln. Sie brauchen keine andere Stimulanz außer der Tora, um die Freude des Tages zu erleben. Die Freude ist die Folge ihrer eigenen harten Arbeit.

Eben weil die Eigenschaften, die man braucht, um irgendeine Beziehung von Bedeutung aufrechtzuerhalten, dem herrschenden Zeitgeist so entgegengesetzt sind, fällt es uns schwer, unsere Beziehung zu Haschem aufrechtzuerhalten. Jede tiefe, dauernde Beziehung setzt voraus, dass die Partner sich darauf verlassen können, dass der andere auf die unmittelbare Befriedigung seiner Wünsche verzichtet, um die Beziehung aufzubauen. Wir aber leben in einer Welt der sofortigen Befriedigung, in der man uns ständig sagt, wie dumm es sei, dem Reiz des unmittelbaren Vergnügens zu widerstehen. Wir wollen beides – nachhaltige, tiefe Beziehungen und sofortige Belohnung. Die beiden schließen sich jedoch gegenseitig aus.

Das ist die Lehre der Sukka. Wir verlassen unsere sicheren Häuser und treten in ein unbeständiges Haus als Ausdruck unserer Emuna, der Vertrauens in Haschem. Wenn wir zeigen, dass wir von der Sicherheit der physischen Umgebung, die wir selbst errichtet haben, unabhängig sind, lockern wir unsere Bindungen zur materiellen Welt und mindern all die Wünsche, die damit zusammenhängen. Darin liegt der Schlüssel für die Aufrechterhaltung unserer Beziehung zu Haschem und jeder anderen wichtigen Beziehung in unserem Leben. Die Simcha, nach der wir uns sehnen, folgt daraus erst. Ohne das Erste ist das Zweite unmöglich.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von www.jewishmediaresources.com

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