Symbolik

Und Er breitet Seine Fittiche aus

Ein Vers, der Gottes liebendes Handeln an seinem Volk in ein Bild fasst: »Wie ein Adler seine Jungen ausführt und über ihnen schwebt, so breitete Er seine Fittiche aus und nahm es und trug es auf seinen Flügeln« (5. Buch Mose 32,11). Foto: Thinkstock

Der Wochenabschnitt Ha’asinu wird üblicherweise zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur gelesen. Dafür gibt es einen Grund: Am Ende des vorhergehenden Abschnitts Wajelech lässt Mosche die Israeliten zusammenrufen, um sie, kurz vor seinem Tod, über die Zukunft des Volkes, die nicht rosig aussieht, in Kenntnis zu setzen.

Aufgrund dieser beunruhigenden Botschaft befiehlt Gott Mosche, ein Lied zu verfassen und es der Gemeinde vorzutragen. Es beschreibt Israels Wege und Abwege mit Gott in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Ein Vers, der Gottes liebendes Handeln an seinem Volk in ein Bild fasst, ist besonders interessant: »Wie ein Adler seine Jungen ausführt und über ihnen schwebt, so breitete Er seine Fittiche aus und nahm es und trug es auf seinen Flügeln« (5. Buch Mose 32,11).

erbarmen Raschi (1040–1105) erklärt dazu: Wie ein Adler seine Jungen weckt, so erbarmend geht Gott mit seinem Volk um. Bevor nämlich ein Adler zu seinen Jungen zurückkehrt, erschrickt er sie nicht mit einer plötzlichen Landung, sondern kündigt sich bei ihnen mit leichten Flügelschlägen an. Er schwebt über seinen Jungen und berührt sie nicht oder nur ganz zart.

Dieses Bild erinnert an die Übergabe der Tora auf dem Sinai. Dort hat sich Gott offenbart, indem er aus vier Himmelsrichtungen erschien: »Der Ewige ist vom Sinai gekommen und ist ihnen aufgeleuchtet von Seïr her. Er ist erschienen vom Berge Paran her und ist gezogen nach Meribat-Kadesch. In seiner Rechten ist ein feuriges Gesetz für sie« (5. Buch Mose 33,2). Und in Habakuk 3,3 wird die vierte Himmelsrichtung ergänzt: »Gott kam von Teman.«

Eine weitere Beobachtung ist wichtig: Der Adler beschützt seine Jungen, indem er über ihnen schwebt und sie vor allen Gefahren abschirmt – im Gegensatz zu anderen Vögeln, die ihre Jungen entsprechend unsanft mit dem Schnabel packen und aus dem Gefahrenbereich transportieren. Wenn aber ein Junges flügge geworden ist, trägt der Adler es auf seinen Flügeln, damit er und nicht sein Junges vom Pfeil des Jägers getroffen werden kann.

Genauso geht Gott mit seinen Kindern um: »Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern gemacht und wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und zu mir gebracht habe« (2. Buch Mose 19,4). Und als die Ägypter die Kinder Israels am Roten Meer erreichten, haben sie mit Steinen und Pfeilen auf sie gezielt – doch vergeblich: »Da erhob sich der Engel Gottes, der vor dem Heer Israels herzog, und stellte sich hinter sie« (2. Buch Mose 14,19).

familie Der Keli Jakar, Rabbi Schlomo Ephraim Luntschitz (1550–1619), erklärt, dass die drei Begriffe »Tochter«, »Schwester« und »Mutter« besonders geeignet sind, das enge und familiäre Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk zu beschreiben. Von Israel als Tochter hören wir in Psalm 45,11: »Höre, Tochter, sieh und neige dein Ohr: Vergiss dein Volk und dein Vaterhaus!« Wie die Liebe einer Mutter zu ihrer Tochter niemals enden wird und ihren Weg immer begleitet, so ist auch Gottes Liebe im Blick auf seine Kinder.

In der Mischna (Awot 1,2) lesen wir: »Auf drei Dingen steht die Welt: auf der Lehre, dem Opferdienst und der Wohltätigkeit.« Den höchsten Rang nimmt aber der Begriff der Mutter ein. Dazu lesen wir bei Jeschajahu: »Horch auf mich, mein Volk, und meine Nation, hör auf mich!« (51,4).

Lesen wir hier »le’umi« (meine Nation) mit anderer Vokalisation »le’imi« (meine Mutter), dann ist das Volk Israel Mutter und Gott die Tochter. So wie die Mutter die Tochter führt, so regieren die Zaddikim, die Gerechten, über Gott. Sie beeinflussen durch ihr gerechtes Handeln Gottes Wirken in der Welt.

Und wenn Gott zu Israel sagt: »Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern sein« (2. Buch Mose 19,6), dann stellt Er sogar in Aussicht, das Volk an Seiner Weltregierung zu beteiligen. Wie ein Adler seine Jungen Schritt für Schritt beim Flüggewerden begleitet, so durchlaufen die Israeliten in der Schule der göttlichen Tora ein Stadium nach dem anderen in ihrer spirituellen Entwicklung – mit dem Ergebnis, dass man als Zaddik das Niveau Gottes erreicht, in Seiner Höhe schwebt, wie es die flugfähigen Jungadler an der Seite ihres Altvogels tun.

Höhe In Psalm 68,19 lesen wir von der Idee der spirituellen Entwicklung: »Zur Höhe erhobst du dich wieder, hast Gefangene gefangen, hast Geschenke von Menschen genommen.« Hier könnte der Weg des Mosche auf den Berg Sinai beschrieben sein, als er die Tora in Empfang nahm.

Rabbi Joseph Ber Soloveitchik (1903–1993) meint, dieser Vers sei nicht historisch zu verstehen, sondern als Lehre für das Leben. Er beschreibt den spirituellen Weg des Menschen in seiner Entwicklung: Er lässt sich nicht entmutigen, kapituliert nicht, und so wird sich die Tür zum Erfolg allmählich öffnen – bis sich eines Tages selbst die Tore des Himmels auftun werden. Gott hat uns die Tora in der Wüste gegeben, im Niemandsland. Das heißt, die Tora gehört allen, die sich um sie bemühen.

Aller Anfang ist schwer, und man fühlt sich zunächst wie ein Gefangener, der sich nicht frei bewegen kann. Aber es hilft schon, sich den Gedanken an ein »Unmöglich!« zu verbieten und durch vermehrte Anstrengung die Stufe des »Nehmens« zu erklimmen.

grenzen Aufrichtige Taten werden Licht aus dem Himmel auf den Weg des spirituell fortschreitenden Menschen bringen. Er wird die Stufe des »Geschenks« erreichen. Auf diesem Niveau angelangt, hilft ihm der Himmel ohne Grenzen nach der Verheißung: »Öffne mir eine Öffnung wie ein Nadelöhr, und ich werde euch eine Öffnung schaffen wie eine offene Tür eines Saals« (Sohar, Emor).

Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) wiederum verknüpft diese Vorstellung unseres spirituellen Aufstiegs mit dem Bild des Adlers. Er unterscheidet sich von anderen Vögeln, die ihren Jungen Anstrengungen ersparen. Doch der Adler ist nicht in der Lage, seine Jungen über seine Flügel zu heben, er stört sie vielmehr auf und fordert sie heraus, damit sie sich aus eigener Kraft über seine schützenden Fittiche aufschwingen.

So auch der Mensch – er muss die eigenen Kräfte mobilisieren, wenn er sich spirituell weiterentwickeln will. Wir sehen: Diese Gedanken nehmen zu Recht ihren Platz am Anfang des neuen Jahres ein, wenn der Mensch versucht, Teschuwa zu üben.

Der Autor ist Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK) und war bis 2011 Landesrabbiner von Sachsen.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Ha’asinu gibt zu einem großen Teil das »Lied Mosches« wieder. Mosche trägt es dem Volk vor und weist darauf hin, wie wichtig es ist. Er fordert die Israeliten auf, sich an den Werdegang der Nation und an ihre Vorfahren zu erinnern, die den Bund mit Gott geschlossen haben. Das Lied erzählt von der Macht Gottes und wie sie sich in der Geschichte der Welt gezeigt hat. Es erinnert an das Gute, das der Ewige dem Volk Israel zuteilwerden ließ, aber auch an die Widerspenstigkeit der Israeliten und die Bestrafung dafür. Gott spricht zu Mosche und fordert ihn auf, auf den Berg Nebo zu kommen. Von dort soll er auf das Land Israel schauen – betreten aber darf er es nicht.
5. Buch Mose 32, 1–52

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