Wajeze

Spirituelles Vorbild

Typ Jakow: der ausgeglichene, familienzentrierte Mann Foto: Getty Images

Wajeze

Spirituelles Vorbild

Warum Jakow als der Gründer des jüdischen Hauses gilt

von Binjomin Szántó-Várnagy  02.12.2022 09:42 Uhr

»Und viele Menschen werden kommen und sagen: ›Kommt, lasst uns hinaufsteigen zum Berg Haschems, zum Haus des G’ttes Jakows‹« (Jeschajahu 2,3). Diese große Prophezeiung über das Ende der Tage basiert nach Ansicht unserer Weisen auf unserem Wochenabschnitt, in dem Jakow eine himmlische Vision sieht, als er die Nacht an dem Ort verbringt, der schließlich der Ort des Heiligen Tempels sein wird. Nachdem er aufgewacht ist, sagt er: »Wie herrlich ist dieser Ort! Dies ist nichts anderes als das Haus G’ttes, und dies ist das Tor des Himmels« (1. Buch Mose 28,17).

Unsere Weisen lehren, dass die »vielen Menschen«, die zum Tempel hinaufsteigen werden, sich speziell auf Jakow beziehen und nicht auf seine großen Vorfahren Awraham oder Jizchak.

HEILIGKEIT Die Argumentation ist verblüffend: »Nicht wie Awraham, der ihn einen Berg nannte (22,14), und nicht wie Jizchak, der ihn ein Feld nannte (24,63), sondern Jakow, der ihn ein Haus nannte« (Pesachim 88a).
Wir haben einen Ort – den Heiligen Tempel – und drei große Persönlichkeiten. Sie alle treffen auf diesen Ort und spüren seine besondere Heiligkeit. Aber sie alle beziehen sich auf eigene Weise auf ihn.

Und unter ihren drei unterschiedlichen Herangehensweisen gibt es nur eine, die sich durchsetzt. Das »Haus« Jakows ist für die »vielen Völker« anziehender als der großartige »Berg« Awrahams oder das ehrfurchtgebietende »Feld« Jizchaks. Wie können wir das erklären?

Awraham war der große Erneuerer. Er war der Initiator der Revolution, der Suche nach dem G’ttlichen und des Teilens mit anderen. In der Geschichte von Awraham ist alles »groß«: Er häuft einen großen Reichtum an, sein Haushalt ist unglaublich groß, mit vielen, vielen Dienern und Anhängern. Er zieht sogar in einen Krieg und gewinnt mit ihnen! In unserer heutigen Zeit würden wir ihn als »Influencer« bezeichnen.

Dies ist kein Zufall: Für Awraham erscheint der Tempel wie ein großer Berg. In der kabbalistischen Literatur steht Awraham für Größe (Gadlut), die oft als Synonym für das Attribut des Gebens und der liebenden Güte (Chesed) verwendet wird. Diese besondere Kraft Awrahams ist notwendig, um ein so großes Projekt zu beginnen. Aber für die Durchschnittsmenschen ist das zu viel des Guten. Alle bewundern ihn – aber niemand kann ihn sich wirklich zum Vorbild nehmen. »Ich kann nie so großartig sein wie Awraham«, denken sie.

PRIVATPERSON Nach Awraham kommt sein Sohn Jizchak und geht ins andere Extrem. Während Awraham groß denkt und sein Zelt nach allen Seiten hin offen ist, ist Jizchak vor allem Privatperson. Seine Lebensgeschichte bleibt fast im Verborgenen – die Tora teilt uns nicht viele Details über ihn mit. Ein entscheidender Moment ist sein Gebet bei der Ankunft seiner Braut Riwka, als er »gegen Abend auf das Feld ging, um zu meditieren« (24,63). Er ist das klassische Beispiel einer sich selbst entwickelnden Persönlichkeit.

Es geht ihm nicht darum, die Welt zu verändern. Für ihn genügt es, wenn er große geistige Höhen erreichen kann – wozu er alle Chancen der Welt hat, da er im Hause Awrahams erzogen wurde. Und das ist sein Lebensziel.
Er entspricht dem Attribut der Stärke (Gwura), von der unsere Weisen sagen: »Wer ist stark? Wer seine eigene böse Neigung besiegt« (Pirkej Awot 4,1). Er wird auch oft Din (Urteil, Gerechtigkeit) genannt, das von sich selbst auf sich selbst gerichtet ist.

Er ist perfektionistisch und will der Beste sein. Er ist der Inbegriff des göttlichen Dienstes (Avoda), der eng mit dem Gebet verbunden ist. Was – wiederum nicht zufällig – im Hebräischen mit »hitpalel« ausgedrückt wird: Selbstbeurteilung. Deshalb nennt er den Tempel ein »Feld« – Ort der Meditation, der privaten Begegnung mit dem Heiligen, Göttlichen, Geistigen. Er erhebt alles in diesen erhabenen Bereich. Für Jizchak hat sogar das Essen eine spirituelle Bedeutung.

Es versteht sich von selbst, dass diese Art von Perfektionismus, so beeindruckend sie auch sein mag, für die meisten »Follower« unerreichbar bleibt.

GLEICHGEWICHT Nach Jizchak kommt sein Sohn Jakow, der immer als eine Person des Gleichgewichts zwischen den beiden Extremen seines Vaters und seines Großvaters wahrgenommen wird. Er geht nicht auf alle zu, wie Awraham es tat, und bleibt auch nicht allein wie Jizchak.

Sein Gleichgewicht ist das »Haus«, das jüdische Heim. In all seinen Geschichten steht immer seine Familie im Mittelpunkt – anders als bei Awraham und Jizchak, bei denen man meinen könnte, dass ihre Familien in Anbetracht ihres Lebensprojekts eher zweitrangig werden. Und in der Tat ist die große und beispiellose Errungenschaft Jakows, dass alle seine Nachkommen innerhalb des geistigen Erbes bleiben (anders als Awrahams Sohn Jischmael oder Jizchaks Sohn Esaw).

In fast all seinen Begegnungen, von denen in der Tora berichtet wird, setzt Jakow sich für seine Familie ein. Er kämpft mit Lawan um die Rechte seiner Familie, er diskutiert mit seinen Frauen die großen Entscheidungen, er zeigt besondere Zuneigung zu Josef und Binjamin. Dies ist auch der Punkt, an dem eine seiner großen Lebensherausforderungen in Bezug auf Josef auftaucht: zuerst seine Ausnahmestellung und dann der Umgang mit seinem scheinbaren Verlust.

In unserer modernen Lebensauffassung entspricht Jakow dem Typus des spirituellen Vorbilds, das man erreichen kann. Er ist Rabbiner und Mentor, Lehrer und Kollege zugleich, der sich zwar auf einem höheren Niveau befindet als seine Schüler, den sie aber dennoch nicht als »zu hoch« empfinden. Sie nehmen ihn als Familienmenschen wahr, dem es gelingt, ein gesundes Gleichgewicht zwischen Gemeinde- und Familienleben und auch persönlicher Entwicklung zu finden. Sie alle genießen es, an seinem Schabbat-Tisch zu sitzen und seine warme Atmosphäre einzuatmen.

Dies ist das Geheimnis seiner praktischen Popularität, die Jeschajahu so beschreibt: »Lasst uns hinaufsteigen (…) zum Haus von Jakows G’tt!« (2,3).

Wir alle brauchen die Begegnung mit Großem, um inspiriert zu werden. Wir müssen dem Awraham-Typus begegnen, einer offenen und öffentlichen Persönlichkeit, die ultimative Selbstlosigkeit verkörpert, und dem Jizchak-Typus mit Selbstanspruch und Visionen auf höchster Ebene. Aber was uns schließlich »nach Hause« führen wird, ist der Typ Jakow, der ausgeglichene, familienzentrierte Mann.

Der Autor studiert am Rabbinerseminar zu Berlin.

inhalt
Der Wochenabschnitt Wajeze erzählt von einem Traum Jakows. Darin sieht er eine Leiter, auf der Engel hinauf- und hinuntersteigen. In diesem Traum segnet der Ewige Jakow. Nachdem er erwacht ist, nennt Jakow den Ort Beit El. Um Rachel zu heiraten, muss er sieben Jahre für ihren Vater Lawan arbeiten. Doch der führt Jakow hinters Licht und gibt ihm Rachels Schwester Lea zur Frau. So muss Jakow weitere sieben Jahre arbeiten, bis er endlich Rachel bekommt.
1. Buch Mose 28,10 – 32,2

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