Rezension

Religionsunterricht für Erwachsene

Für Mitglieder der kleinen Israelitischen Gemeinde Winterthur in der Schweiz, mit der Rabbiner Elijahu Tarantul nach eigenen Angaben seit vielen Jahren tief verbunden ist, schrieb dieser Tora-Lehrer eine Reihe von Betrachtungen über die zwölf Monate des jüdischen Jahres. Um den Kreis seiner Leserinnen und Leser wesentlich zu vergrößern, hat Tarantul seine Essays nun in einem Büchlein mit dem verblüffenden Titel Früchte des Mondes veröffentlicht.

Im Vorwort der Neuerscheinung erklärt der Autor, ein Vertreter der modernen Orthodoxie, sowohl den der Tora (5. Buch Mose 33,14) entnommenen Buchtitel als auch sein Arbeitskonzept: »Es ist eine alte gute Sitte, dass ein Rabbiner mit Worten der Tora eine jüdische Gemeinde geistig unterstützt.« Bei der Besprechung alter Texte und Traditionen berücksichtigt der Interpret die Fragen, Sorgen und Hoffnungen seines Publikums. Ab und zu darf er auf konkrete Verhältnisse hinweisen, die man verbessern könnte. Das vorliegende Werk wendet sich an das sogenannte bürgerliche Bildungspublikum und ist zweifellos eine Bereicherung der jüdisch-religiösen Literatur in deutscher Sprache.

Tarantul bespricht die Monate der Reihe nach, von Nissan bis Adar. Aus der Fülle des vorhandenen Quellenmaterials hat der Autor in erster Linie solche Themen ausgewählt, die ihm hier und heute besonders relevant erscheinen. Immer wieder hebt Tarantul Merksätze oder »Botschaften« hervor. Nach einem Kommentar von Raschi soll ein Jude die Tora jeden Tag so betrachten, als ob sie heute gegeben worden und topaktuell wäre: »Die Tora ist einerseits zeitlos. Andererseits ist sie gerade deswegen ewig aktuell und frisch, weil sie in jeder einzelnen Epoche, ja an jedem einzelnen Tag zu jedem einzelnen Menschen darüber spricht, was ihn heute interessiert.«

Die Geschichte von Purim zeigt uns: Man soll nicht annehmen, dass eine aussichtslose Lage nur in einer Katastrophe enden kann – es gibt Wunder und Wendepunkte!

Das folgende Beispiel kann Tarantuls Auslegungskunst verdeutlichen. »Megillat Esther«, die an Purim sowohl abends als auch am Morgen in der Synagoge vorgetragen wird, »hat für uns moderne Menschen, wie für jedes Menschenwesen in jeder Epoche, zwei tiefsinnige Botschaften.« Wie lauten diese Botschaften? Die Geschichte von Haman, Mordechai und Esther zeigt uns: Man soll nicht annehmen, dass eine aussichtslose Lage nur in einer Katastrophe enden kann – es gibt Wunder und Wendepunkte! Und andererseits: »Die naiven Frömmler, die nicht für eine bessere Zukunft kämpfen wollen und mit automatischen Wundern rechnen, werden vermutlich enttäuscht.« Zwei falsche Ansichten gilt es also zu vermeiden: »Irrtum Nr. 1: Es gibt keine Wunder. Irrtum Nr. 2: Wir müssen nichts tun, weil uns Wunder mit Garantie geschehen werden.«

Referiert und interpretiert werden nicht nur bekannte, sondern auch weniger bekannte biblische und rabbinische Texte. Tarantul lockert den mitunter trockenen Stoff durch Bemerkungen zu aktuellen politischen Angelegenheiten auf, schildert eigene Erlebnisse und erzählt sogar einige Witze.

Angeführt sei hier eine kleine Geschichte, deren Kernaussage mir allerdings fragwürdig erscheint: »Nicht nur alte Minhagim (Gewohnheiten, Bräuche) können weise sein. Ein Bekannter von mir entwickelte kurz nach seiner Hochzeit eine Gewohnheit, die mir persönlich sehr sympathisch war: Am Vorabend des Versöhnungstages ging er während der 40 Jahre seiner Ehe, Jahr für Jahr, mit seiner Ehegattin ins Kino.« Die Frage drängt sich auf: Warum muss der gemeinsame Kinobesuch ausgerechnet am Vorabend des Versöhnungstages stattfinden?

Bücher, die fehlerfrei sind, haben Seltenheitswert. Tarantul dankt im Vorwort seiner Lektorin Bella Bender, die viele Fehler gestrichen hat; anzumerken ist jedoch, dass einige geblieben sind. Simchat Tora darf nicht mit dem Laubhüttenfest gleichgesetzt werden; das Fest der Freude an der Lehre feiert man stets danach. Ein weiterer, aber semantisch nachvollziehbarer Fehler ist dem Autor bei Yosef Hayim Yerushalmi unterlaufen, der dem Leser als israelischer Historiker vorgestellt wird. In Wirklichkeit war Yerushalmi (trotz seines Familiennamens) jedoch ein amerikanischer Hochschullehrer.

Elijahu Tarantul: »Früchte des Mondes. Gedanken zu den jüdischen Monaten. Zuversicht und Hoffnung mit jüdischer Spiritualität. Ein Rabbiner-Kommentar im Rhythmus des jüdischen Kalenders«. Morascha, Basel 2025, 127 S., 19,50 €

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