Matot-Mass’ej

Patriarchale Gesellschaft

Heute hat in weiten Kreisen auch die Frau ein Mitspracherecht. Foto: Getty Images

Der Wochenabschnitt Matot be­ginnt mit einem Appell Mosches: »Und er redete mit den Häuptern der Stämme Israels und sprach: Dies ist’s, was der Ewige geboten hat: Wenn jemand dem Ewigen ein Gelübde tut oder einen Eid schwört, sich von etwas zu enthalten, so soll er sein Wort nicht brechen, sondern alles tun, wie es über seine Lippen gegangen ist« (4. Buch Mose 30, 1–2).

Die Tora beschreibt uns nicht genau, was ein Gelübde ist. Doch hören wir im Tanach immer wieder, dass jemand ein Versprechen ablegt. So zum Beispiel Jakow auf seinem Weg nach Charan: »Und Jakow tat ein Gelübde und sprach: Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Weg, auf dem ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anziehen und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der Ewige mein Gott sein. Und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Steinmal, soll ein Gotteshaus werden; und von allem, was Du mir gibst, will ich Dir den Zehnten geben« (1. Buch Mose 28, 20–22).

schermesser Und Channa, die Mutter des späteren Propheten Schmuel, gelobt: »Ewiger, Zebaot, wirst Du das Elend Deiner Magd ansehen und meiner gedenken und Deine Magd nicht vergessen und wirst Du Deiner Magd einen Sohn geben, so will ich ihn dem Ewigen geben sein Leben lang, und kein Schermesser soll auf sein Haupt kommen« (1. Schmuel 1,11).

Männer wie Frauen legen Gelübde ab mit dem Ziel, dass Gott ihnen einen Wunsch erfüllen möge. Für den Fall, dass Er sie erhört, geben sie das Versprechen, sich selbst oder etwas Wertvolles Ihm zu weihen.

Unsere Weisen stellen dieses Thema als sehr komplex dar. Die Erfüllung eines Versprechens wird bei ihnen an eine gewissenhafte und schrittweise Ausführung seitens des Menschen gebunden – vielleicht auch deshalb, weil Gelübde in der Tora nicht gefordert werden, sie nicht auf eine Anordnung Gottes zurückgehen.

Vor leichtfertigem Geloben wird ausdrücklich gewarnt (Mischle 20,25), weil Gott darauf besteht, dass einmal geleistete freiwillige Selbstverpflichtungen eingehal­ten werden (5. Buch Mose 23, 22–24; Tehilim 50,14 und Kohelet 5, 3–5). Im Abschnitt Matot werden Einzelfälle von Gelübden thematisiert. Was passiert, wenn ein Mensch Gott etwas versprochen hat, es dann aber nicht halten kann?

MÄNNER Außerdem entdecken wir, dass der abgelegte Schwur einer Frau nicht dem eines Mannes entspricht. Wenn der Mann ein Gelübde ablegt, muss er es erfüllen, ebenso eine Geschiedene oder eine Witwe. Selbstverpflichtungen von Frauen hingegen, die nicht unabhängig leben, also noch bei ihrem Vater wohnen oder beim Ehemann, unterliegen bestimmten Einschränkungen. Sie sind immer von der Bestätigung des Vaters oder Ehemannes abhängig.

Wenn ein Vater hört, dass seine unverheiratete Tochter ein Gelübde abgelegt hat, kann er es gegen ihren Willen auflösen. Das gleiche Recht steht einem Ehemann zu. »Jedes Gelübde und jeden Eid, durch den sie sich Enthaltung auferlegt hat, kann ihr Mann bekräftigen oder aufheben« (4. Buch Mose 30,14).

Auch kann eine Frau nicht sicher sein, dass sie ihr im Elternhaus abgelegtes und vom Vater bestätigtes Gelübde auf Dauer erfüllen kann. Heiratet sie und zieht zu ihrem Mann, so kann er das Versprechen, wenn er davon erfährt, auflösen. Möchte eine Frau sichergehen, ihr Gelübde wirklich zu erfüllen, muss sie es für sich behalten. Vater wie Ehemann dürfen davon nichts erfahren, weil sie sonst zu befürchten hätte, dass die Männer von ihrem Einspruchsrecht Gebrauch machen.

gelübde Es ist offensichtlich: Eine Frau, die selbstständig mit Gott in Verbindung treten will, hat nach den Bestimmungen der Tora nur begrenzte Möglichkeiten dazu. Ein bereits abgelegtes Gelübde kann sie gegen den Widerstand ihres Ehemannes nicht durchsetzen. Um es durchzuhalten, wäre sie zur Scheidung gezwungen.

Bei dieser klaren Festlegung, dass nur der Mann eine autonome, direkte Verbindung mit Gott aufnehmen kann, die Frau aber von seiner Zustimmung abhängig ist, ob sie vor dem Ewigen ein Gelübde ablegt, kann man zu dem Schluss kommen und zynisch sagen: Gott ist offenbar der Gott der Männer, und die Männer sind die Götter der Frauen.

Ein kleiner Trost mag sein, dass dieser Text aus der Antike stammt. Er gibt die Wertvorstellungen einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft wieder, in der der Mann darauf achtet, die Kontrolle über seine Frau zu behalten.

Kluft Entscheidend für uns heute ist die kritische Frage: Ist es uns in der langen Geschichte des Volkes Israel und des Judentums gelungen, die Kluft zwischen Frauen und Männern zu überwinden? Haben wir uns hinreichend bemüht, die Religion nicht nur Männersache sein zu lassen? Haben wir genügend Engagement gezeigt und Anstrengungen unternommen, dass Frauen ihren eigenen unabhängigen Zugang zu Gott finden können?

Wie lange noch sollen sie in der Synagoge hinter einer Trennwand sitzend am Gottesdienst teilnehmen? Dieses Bild steht für Gottesdienstbesucher zweiter Klasse, abgeschirmt vom Geschehen.

Hier besteht Veränderungsbedarf – auch und gerade im Hinblick auf die jüdische Einsicht, dass es – geschlechterunabhängig – zwischen jedem Einzelnen von uns und Gott keinen Vermittler geben soll. Dazu zählt auch die religiöse Stellung der Frau, die nicht daran gehindert werden darf, selbstständig und unabhängig von Männern eine Verbindung mit Gott aufzunehmen und zu verantworten.

Der Autor ist Rabbiner der Israeliti­schen Kultusgemeinde Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

inhalt
Der Wochenabschnitt Matot erzählt von Mosches letztem militärischen Unternehmen, dem Feldzug gegen die Midjaniter. Danach teilen die Israeliten die Beute auf und besiedeln das Land.
4. Buch Mose 30,2 – 32,42

»Reisen« ist die deutsche Übersetzung des Wochenabschnitts Mass’ej. Und so beginnt er auch mit einer Liste aller Stationen der Reise durch die Wildnis von Ägypten bis zum Jordan. Mosche sagt den Israeliten, sie müssten die Bewohner des Landes vertreiben und ihre Götzenbilder zerstören.
4. Buch Mose 33,1 – 36,13

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