Brauch

Oj vej, bis 120?

Manchen sind große Geburtstagspartys wichtig. Andere denken lieber über die Vervollkommung ihres Charakters nach. Foto: Thinkstock

Brauch

Oj vej, bis 120?

Manche Rabbiner lehnen Geburtstagspartys ab. Andere empfehlen den Anlass für spirituelles Wachstum

von Rabbiner Avraham Radbil  05.08.2014 13:24 Uhr

Der glücklichste Tag im Jahr eines jeden Kindes ist sicherlich sein Geburtstag. Die Kleinen werden mit Geschenken überschüttet, es gibt einen festlich geschmückten Kuchen, Lieder und Kerzen. Für einen Tag im Jahr werden Geburtstagskinder ins Zentrum ihres Universums gestellt. Auch viele Erwachsene feiern ihre Geburtstage sehr gerne, nehmen unzählige Anrufe und SMS mit guten Wünschen entgegen, sammeln »Mazel Tovs« und »Bis 120«-Posts auf ihrer Facebook-Seite. Doch ist es überhaupt ein jüdischer Brauch, den eigenen Geburtstag zu feiern? Und was feiern wir dabei?

Todesstrafe Ein Rabbiner zog in diesem Zusammenhang einmal einen – zugegebenermaßen drastischen – Vergleich: Wie würde ein Mensch reagieren, der zum Tode verurteilt und mit dem Zug an einen weit entfernt liegenden Ort geschickt wird (wo die Todesstrafe vollstreckt werden soll), wenn man ihm von vornherein sagt, dass der Zug maximal 120-mal auf dem Weg zu seinem Reiseziel anhalten wird? Würde sich der Verurteilte dann bei jedem Halt freuen? Oder müsste er eher bei jeder zusätzlichen Station immer trauriger werden, weil mit jedem Halt die Endstation und die Zahl 120 unwiderruflich immer näher rückt?

Im Judentum gibt es tatsächlich Menschen, die es mit solchen und anderen Begründungen ablehnen, Geburtstage zu feiern. So schreibt zum Beispiel der Sefer Otzar Kol Minhagej Yeschurun, die einzige Stelle in der Tora, wo eine Geburtstagsfeier erwähnt wird, sei jene, die der Pharao für seine Diener veranstaltete (1. Buch Mose 40, 20–23). Demzufolge sei es absolut kein jüdischer Brauch, eine Geburtstagsfeier abzuhalten. So schreibt auch Divrej Tora, dass ein Jude an seinem Geburtstag nichts zu feiern hat.

Ermutigungen
Es gibt aber auch einige rabbinische Meinungen, die absolut nichts Schlimmes an einer Geburtstagsfeier finden, und andere ermutigen sogar dazu. Die Hauptquelle dafür ist Talmud Jeruschalmi, Rosch haSchana 3,8. Dort steht, dass die Amalekiter diejenigen, die an diesem Tag Geburtstag hatten, in die vorderste Reihe des Heeres gestellt hätten, als sie gegen das Volk der Israeliten zum Kampf antraten.

Der Grund dafür war nicht, dass sie als erste im Kampf fallen sollten, wie wir es aus anderen Geschichten kennen – sondern, wie Korban Eda erklärt, weil auf einen Menschen an seinem Geburtstag ein spezieller Masal (Einfluss von »oben«) einwirkt, der einem in riskanten Situationen helfen kann.

Auch Chida, ein berühmter Kommentator, schreibt in diesem Sinne, dass es kein Brauch der Götzendiener ist, an die Kraft des Geburtstags zu glauben, sondern ein Brauch, der tief in der Kabbala verwurzelt ist. So schreibt auch der Chida, dass an einem Geburtstag der Masal eines Menschen besonders stark ist.

Auch der große sefardische Rabbiner Ben Isch Chai (Re’e 17), beschreibt die Sitte, jedes Jahr seinen Geburtstag zu feiern, und fügt hinzu, es sei ein sehr schöner Brauch, der auch in seiner eigenen Familie befolgt worden sei.

Doch wenn man den Geburtstag feiern darf, wie feiert man ihn dann am besten? Soll man eine große Party veranstalten, zu der man alle Freunde einlädt und sich mit ihnen betrinkt, oder vielleicht lieber eine gemütliche Mahlzeit mit einer Geburtstagstorte und vielen Kerzen zum Auspusten mit der Familie abhalten?

Almosen Unsere Weisen sagen, dass man an diesem Tag eine besondere Verbindung nach »oben« genießt. Deshalb sollte man diese Möglichkeit nutzen, um zusätzliche Gebote zu erfüllen. So schreibt zum Beispiel Rav Chaim Paladgi in seinem Buch Tzdaka Lechaim, man solle an seinem Geburtstag extra Tzdaka (Almosen) geben, da der besondere Masal an diesem Tag einen größeren Einfluss auf die Auswirkung der Taten eines Menschen und die Vervollkommnung seiner Persönlichkeit hat.

In diesem Sinne schreibt auch Sefer Minhag Israel Tora, dass der Allmächtige einen Menschen unterstützt, wenn dieser an seinem Geburtstag eine bestimmte Charaktereigenschaft zum Guten verändern möchte und sich darauf konzentriert.

Diese Idee finden wir auch beim Sohn von Ksaw Sofer, in Kuntros Ohel Leah, der davon erzählt, wie ein Schüler seines Vaters diesen eines Tages besuchen wollte. Doch er fand seinen Lehrer weinend vor.

Als der Schüler fragte, was passiert sei, antwortete der Rabbiner, heute sei sein 54. Geburtstag, und er sei gerade dabei gewesen, über sein Leben zu reflektieren und sich und seine Taten zu richten (die Gematria, also der Zahlenwert des hebräischen Wortes »dan« – »richten« –, ist 54). Und als ihm bewusst wurde, dass es ihm noch sehr an Torawissen und Rechtschaffenheit mangele, begannen Tränen aus seinen Augen zu strömen.

Wachstum Wir sehen also, dass viele bedeutende rabbinische Persönlichkeiten den Geburtstag als einen besonderen Tag in ihrem Leben zelebrierten. Doch es ist sehr wichtig, diesen besonderen Tag nicht mit Albernheiten zu verschwenden, sondern ihn für persönliches geistiges Wachstum und für die Vervollkommnung der Persönlichkeit zu nutzen.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Osnabrück.

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