Neulich beim Kiddusch

Mein Rabbi gehört mir

Zankapfel: Über die Nähe zum Rabbiner gibt es immer wieder Streit. Foto: Fotolia

Es sollte eine konspirative Besprechung werden. Noch vor dem Kiddusch nahm mich Michail zur Seite. Was wollte er? Geheime Nachrichten? Revolution? Eher eine Art Einladung. Michail und seine Frau hatten auf einem Seminar einen jungen Rabbiner aus London kennengelernt, mit dem sie seitdem in engerem Kontakt standen. Der Rabbi hatte Michail davon überzeugt, dass man Gebete und auch mal einen großen Kiddusch durchaus in den heimischen Wänden durchführen könnte.

Michail war in der Umsetzungsphase. Der Rabbiner käme in zwei Wochen. Ob ich interessiert sei und kommen würde? Natürlich war ich interessiert! Ob ich auch andere Personen ansprechen würde? Natürlich könnte ich das tun. Veranstaltungsort sollte das Wohnzimmer von Michail und seiner Frau sein. Ich fragte mich, ob sie sich das gut überlegt hatten.

Einige Tage später kam eine Mail von Michail. Sie war vollgepackt mit Informationen: Adresse der Wohnung, Biografisches zum Rabbiner, Details zum Ablauf und eine Vorankündigung des Kidduschs. Klang nett. »Reichlich Challe für alle und Kuchen und Gebäck gehören selbstverständlich dazu«, las ich. Schade, dass wir uns noch mehr als eine Woche gedulden mussten.

Klappstühle Am Sonntag davor rief uns Michail am frühen Morgen an. Er und seine Frau hätten festgestellt, dass die Bestuhlung mit vier Hockern wohl etwas dünn ausfallen dürfte. Ob wir nicht noch ein paar von unseren Klappstühlen mitbringen könnten? So ungefähr alle verfügbaren. Und wenn ich an einem anderen Ort noch welche auftreiben könnte, sollte ich das bitte als Beitrag zum Gelingen betrachten. Das war in Ordnung. Müsste ich allerdings schon am Freitag bringen, wegen Schabbat und so.

Montag rief Michail erneut an. Wir hätten doch einen Satz Siddurim zu Hause, sagte er. Es wäre toll, wenn wir den mitbringen könnten – zum Gelingen der Veranstaltung. Dienstag wieder Michail. Wir hätten doch so viele Plastikteller. Ob wir auch die mitbringen könnten – zum Gelingen und so weiter? Mittwoch rief zu meiner Überraschung seine Frau an. Sie wollte meine Frau sprechen. Ob sie vier Challot backen könnte? Sie hätten so viel um die Ohren. Und ach ja: Getränke wären auch nicht schlecht.

Am Donnerstag rief Michails Frau erneut an und bat um Kuchen und Gebäck. Zum Gelingen der Veranstaltung. Als Michail am gleichen Nachmittag mich anrief und nach zusätzlichen Tallitot, Sitzkissen und einem großen Tisch fragte, erlaubte ich mir die Frage, ob es nicht einfacher wäre, wenn alle zu uns kämen. Kleine Mail, ein paar SMS, dann wäre die Sache geritzt.

Gegenleistung »Wenn du selbst etwas auf die Beine stellst und von A bis Z alles organisierst – warum nicht? Aber mit null Gegenleistung kannst du doch nicht den ganzen Ruhm für dich beanspruchen! Das ist schließlich unser Rabbi!«, blaffte Michail durch den Hörer.

»Hmmh«, sagte ich sprachlos, und Michail fügte hinzu: »Wenn ihr die Sachen am Freitagvormittag bringt, dann holt doch bitte den Rabbi vom Bahnhof ab. Er kommt um zwölf.« Als ich fragte, ob er einen Kleintransporter für mich hätte, schrie Michail »Unverschämtheit« und legte auf. Der Rabbi kam dann letztendlich doch nicht. Wir hatten kein Gästezimmer mehr frei.

Feiertage

Chatima towa, oder was?

Was von Rosch Haschana über Jom Kippur bis Sukkot die korrekte Grußformel ist

von Rabbiner Yaacov Zinvirt  19.09.2026 Aktualisiert

Noch einen Bissen, dann ist Schluss

Für die einen ist Fasten an Jom Kippur religiöses Gebot, für die anderen eine Prüfung von Körper und Willenskraft

von Nicole Dreyfus  18.09.2026

Versöhnung

Der Mensch ist kein Datensatz

Im Gegensatz zu modernen Algorithmen kennt das göttliche Gericht die Ambivalenzen

von Chajm Guski  18.09.2026

Vergebung

Wenn die Entschuldigung im Halse stecken bleibt

Eine talmudische Geschichte über Schuld, Groll und das Loslassen der Vergangenheit

von Sophie Goldblum  18.09.2026

Bewusstsein

Pause!

Warum wir unser Leben und unseren Alltag immer wieder gezielt entschleunigen sollten. Eine Hymne auf die Langsamkeit

von Sophie Albers Ben Chamo  18.09.2026

Wuppertal

Brandanschlag auf Synagoge

Nach ersten Erkenntnissen handelte der polizeibekannte Mann mit afghanischer Staatsangehörigkeit allein

 18.09.2026 Aktualisiert

Ha’asinu

Von der Einheit hinter allem

Die Tora lehrt, dass die Liebe zum Mitmenschen auch eine Form ist, den Ewigen zu ehren

von Daniela Rusowsky  17.09.2026

Der jüdische Kardinal

Den einen zu jüdisch, den anderen zu katholisch: Heute vor 100 Jahren wurde Aron Jean-Marie Lustiger geboren

von Andrea Krogmann  16.09.2026

Feiertage

Rosch Haschana für Anfänger

Vom Lichterzünden bis zum Taschlich: eine kleine Einführung für weniger erfahrene Synagogenbesucher

von Rabbinerin Ulrike Offenberg  11.09.2026 Aktualisiert