Orthodoxie

Leben nach der Stechuhr

Viel Unterricht, wenig Verschnaufpausen und kaum Gelegenheiten zum Verweilen. Ultraorthodoxe Schüler laufen aufgereiht auf einer Straße in Jerusalem. Foto: Flash 90

Wenn es um die Suche nach dem »Durchschnittsorthodoxen« geht, ist Mosche Brandeis vielleicht eine gute Wahl. Der 36 Jahre alte Vater von sechs Kindern wohnt in einer Dreiraumwohnung. Seine Kinder, vier Jungen und zwei Mädchen, werden in der Nacht so aufgeteilt: Im Kinderzimmer drei Jungs, im Wohnzimmer die Mädchen und im Elternschlafzimmer das Baby. Die Nächte sind selten lang. Das Baby schläft noch nicht durch, und die zweijährige Tochter kriecht um Mitternacht ins Elternschlafzimmer.

Der Morgen lässt nicht viel Spielraum zu. Der Vater eilt in die Synagoge und nach dem Gottesdienst wieder zurück. Er muss zwei Kinder in die Schule bringen, und zwar spätestens um halb neun. Erst dann beginnt sein eigentlicher Arbeitstag. Mosche arbeitet in einer Bank. Nichts Außergewöhnliches. Sein Lohn: umgerechnet 3000 Euro brutto. Noch vor ein paar Jahren verteilte die Bank am Ende des Jahres großzügige Boni, das reichte dann häufig für die Ausgaben an Pessach.

Von dieser Praxis hat sich die Bank leider verabschiedet. Auch die Mittagspausen sind kürzer geworden. Mosche muss nun in die Synagoge rennen, um das Mincha-Gebet nicht zu verpassen. Um sechs Uhr abends findet auch schon der Lernvortrag statt, bei dem der Strenggläubige noch nie gefehlt hat. Nach dem Abendgebet ist Mosche um neun Uhr zu Hause. Was noch folgt: Aufräumen, Buchhaltung und Gutenachtkuss. Selten schläft er eine Nacht durch. Die Familie kann sich nur eine Wohnung an einer lauten Durchgangsstraße leisten.

Endlosschleife Es ist aber nicht nur der Vater dieser vielköpfigen Familie, der ein Leben nach der Stechuhr führt. Seine Frau dreht sich ebenfalls in einer Endlosschleife von Waschen, Kochen, Stillen, Putzen. Bei den Kindern sieht es nicht besser aus. Der Unterricht beginnt am frühen Morgen, unterbrochen von einer halbstündigen Mittagspause, und endet am späteren Nachmittag. Werkunterricht gibt es nicht, auch nicht Singen oder Zeichnen. Der Pausenplatz ist nicht der Rede wert. Dafür wird gelernt, gelernt, gelernt. Am Abend folgen Hausaufgaben, Streiten, Abendbrot.

Vor allem die Kinder sind im Stress: An fast allen orthodoxen Schulen in Europa findet am Sonntagmorgen ebenfalls Unterricht statt. Am Schabbat, eigentlich ein Ruhetag, wird manchmal bis um ein Uhr mittags in der Synagoge gebetet und nachmittags in Studiergruppen weitergelernt. Außenstehende nehmen diese Rastlosigkeit nur selten wahr. Was von den flüchtigen Eindrücken bleibt, sind die Bilder schwarzgekleideter Männer, die zielstrebig in die Synagoge eilen, und von Kindern, die mit dem Roller zur Schule fahren.

Erst wenn man tiefer in diese Gesellschaftsstruktur blickt, werden katastrophale Szenen offenbar. Von Familien, die sich entfremden, da sich ihre Lebenskreise nur selten berühren. Übermüdete Kinder, gestresste Väter und Mütter, die die Kontrolle langsam verlieren. Das ganze Leben ist nur noch ein Krampf. Woher kommt diese Lebenseinstellung? Ist das das originäre Judentum?

bedrohung November 2012. Eine riesige Ansammlung ultraorthodoxer Juden strömte in einen der größten Säle Zürichs. Man zählte die Stunde null im vereinten Kampf gegen das Internet. Rabbiner aus Amerika, England und der Schweiz saßen vorne und blickten ernst in den Saal. Der erste Redner war ein Rabbiner, der Mathematik studiert hat. Er kam zu folgendem Resultat: Von praktisch jeder Internetseite gelangt man mittels Links zu pornografischen Seiten, mit maximal nur drei Klicks. Keine Frage, das Internet bedroht das streng orthodoxe Judentum in seinen Grundfesten.

Es ist aber nicht primär das kostenlose Sexangebot, sondern die unheimliche Verlockung zum Surfen und Verweilen, die diametral zum propagierten Lebensrhythmus steht. Das Judentum, welches heute in streng orthodoxen Kreisen zu beobachten ist, ist ein Judentum, das den Begriff Muße nicht kennt. Jede Minute untersteht einem geheiligten Zweck. Müßiggang ist ein Laster und verleitet zur Sünde. Diese von Jung an eingeimpfte Ideologie hat zur Folge, dass Jugendliche, aber auch Erwachsene, dem Internetkonsum total verfallen, da sie nie geübt haben, kontemplativ über einen Gegenstand nachzudenken. Der Gedanke, dass man Stunden im Netz verbringen kann, ohne auf ein handfestes Ziel zu kommen, ist daher allzu verführerisch.

Es sind Gespräche, die man mit religiösen Juden führt. Man hört Lehrvorträge und liest sich durch rabbinische Literatur. Irgendwann gelangt man zu dem Schluss: Diese Lebensweise ist gewollt. Die maßgeblichen Rabbiner möchten, dass der tägliche Leidensdruck so hoch ist, damit gar keine Zeit zum Verweilen existiert. Wer 23-Jährige beobachtet, die bereits drei Kinder haben, versteht, dass Muße hier ein Fremdwort ist.

Gestört Ihren Namen will sie nicht veröffentlicht sehen. Sie ist Kinderpsychologin. Angefangen hat sie in ihrer Praxis vor 20 Jahren. Zuerst kam ein verhaltensauffälliges Kind in ihre Sprechstunde, dann dessen Bruder und später das Kind der Nachbarin. Mittlerweile gilt sie als heißer Tipp für ratlose orthodoxe Eltern. Sie erzählt von ihren Anfängen. Früher kamen Kinder zu ihr, die frech zum Lehrer waren. Heute sind ihre jungen Patienten massiv in ihrer Entwicklung gestört. Ihre ganze Kindheit gehen sie schon auf dem Zahnfleisch. Zu wenig Schlaf, zu wenige Entfaltungsmöglichkeiten und dieser permanente Stress. Alles muss schon mit neun Jahren erfüllt werden: früh in der Synagoge, Bestleistungen in der Schule, perfekte Manieren und Selbstständigkeit. Viele Kinder zerbrechen unter diesem Erwartungsjoch.

Es gibt einen schönen deutschen Ausdruck: »Die Seele baumeln lassen«. Den Sonnenuntergang beobachten, dem Vogelgezwitscher zuhören, dem Wellenaufschlag des Zürichsees zuschauen. Dem berühmten Rabbiner Samson Raphael Hirsch wird das Wort zugeschrieben: »Hast du meine Alpen gesehen?« Diese Frage soll dereinst Gott jedem Himmelsankömmling stellen. Zu wünschen wäre der Orthodoxie, dass sie vor der Implosion rechtzeitig Luft rauslässt und manchmal überlegt, was dem Menschen gut tun würde und nicht nur Gott.

Der Autor ist Lehrer in der Schweiz.

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