Standpunkt

Irdische Lehre

Unsere Tradition wird von Generation zu Generation weitergegeben. Foto: © Laurent Sauvel, 2018

Standpunkt

Irdische Lehre

Die Deutungshoheit der jüdischen Tradition liegt nicht allein bei den Rabbinern

von Rabbiner Max Feldhake  28.01.2021 11:13 Uhr

Im ganzen Tanach, der Hebräischen Bibel, kommt das Wort »Masora« (Überlieferung) nur einmal vor, und zwar im Prophetenbuch Jecheskel: »Ich führe euch unter dem Stab durch, lasse in das umschränkende Gehege euch kommen« (20,37). Im Judentum reden wir oft von der »Masora«. Gemeint ist die überlieferte Kette der jüdischen Tradition. Das Wort erkennen wir zum Beispiel in dem Begriff für die von den Rabbinern offiziell festgelegte Version des Tanachs – der masoretische Text.

ZAUN Unsere Tradition wird von Generation zu Generation weitergegeben. Die überlieferte Tradition dient als Garant für jüdische Zivilisation – wie Rabbi Akiva sagte: »Masoret ist ein Zaun für die Tora.« Aber wie wird die Tradition festgelegt; welcher Mechanismus wird von den Rabbinern angewandt?

Das klassische Argument zur Legitimation der rabbinischen Autorität in jüdischer Tradition basiert auf einem biblischen Zitat, das im Talmud ausgelegt wird. Das ursprüngliche Zitat finden wir im 5. Buch Mose, als Mosche den Bund zwischen dem Ewigen und den Israeliten rekapituliert. Er unterstreicht, dass die Tora allen naheliegend sei: »Denn dieses Gebot, das ich dir heute gebiete, ist nicht zu wunderbar für dich und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: ›Wer will für uns zum Himmel fahren und es uns holen und es uns hören lassen, dass wir es tun?‹«

Aus dem Kontext geht hervor, dass hier klar die Tora gemeint ist – diese Lehre ist nicht im Himmel, sondern naheliegend. Das ursprüngliche Zitat wird dann von den Rabbinern aufgegriffen, und in einer talmudischen Auslegung wird dessen Bedeutung erweitert.

JOHANNISBROTBAUM Im Talmud handelte es sich um ein halachisches Argument zwischen den Rabbinern. Rabbi Elieser vertrat eine Meinung, die von seinen Rabbinerkollegen abgelehnt wurde. Er sagte zu ihnen: »Wenn die Halacha meiner Auffassung entspricht, so möge dieser Johannisbrotbaum das beweisen.«

Woraufhin der Johannisbrotbaum sich entwurzelte und 100 Ellen fortbewegte. Aber die Rabbiner erwiderten: »Man gründet keine Beweisführung auf einen Johannisbrotbaum.« Darauf sagte Rabbi Elieser: »Wenn die Halacha meiner Auffassung entspricht, so möge dieser Wasserkanal das beweisen.« Daraufhin senkte sich der Wasserspiegel. Aber die Rabbiner erwiderten: »Man gründet keine Beweisführung auf einen Wasserkanal.«

Schließlich sagte Rabbi Elieser: »Wenn die Halacha meiner Auffassung entspricht, so mögen die Wände des Lehrhauses es beweisen.« Da neigten sich die Wände des Lehrhauses, bis sie zu fallen drohten. Auch das überzeugte die anderen nicht. Verzweifelt sagte Rabbi Elieser: »Wenn die Halacha meiner Auffassung entspricht, so möge sich dies vom Himmel her – also von Gott – beweisen.«

Da erscholl eine himmlische Stimme und sprach: »Was habt ihr gegen Rabbi Elieser: Die Halacha ist stets wie er.« Da stand Rabbi Jehoschua auf und sagte: »Sie ist nicht im Himmel!«

AUTORITÄT Diese Geschichte ist überraschend. Kann es denn sein, dass menschliche Autorität über der göttlichen steht? Bei genauerem Hinschauen ist erkennbar, dass es in der Geschichte Gott selbst ist, der den rabbinischen Lehrern diese Kraft gegeben hat. Der Vers »nicht im Himmel ist sie« deutet an, dass Gott seinen Kindern, dem Volk Israel, vertraut, dass sie die Tora für sich selbst auslegen können. Sie sollen ein erwachsenes und autonomes Leben führen.

Diese Geschichte dient als Basis und Legitimation der rabbinischen Autorität. Laut Rabbi Jehoschua liegt die Deutungshoheit über die Tora nicht im Himmel – nicht bei Gott –, sondern bei uns Menschen.

Für mich gilt diese Sichtweise als eine Leitlinie für das Rabbinat. Auch wenn die Deutungshoheit unserer Tradition nicht mehr gänzlich bei den Rabbinern und Rabbinerinnen liegt – zu Recht übrigens –, teilen wir sie heute mit Akademikern, Künstlern und Aktivisten. Bis heute lehren und leben wir als Rabbiner und Rabbinerinnen in unserer jüdischen Gemeinschaft Tradition und Tora – und wir stehen dabei sowohl für jüdische Werte als auch für kreative Erneuerung.

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