Wajikra

Im Zentrum

Die Hurva-Synagoge in Jerusalem Foto: picture alliance / Zoonar

Diese Woche erreichen wir mit dem gleichnamigen Wochenabschnitt das mittlere und damit dritte Buch der Tora: Wajikra. Es handelt sich um eine sehr tiefgründige und zentrale Schnittstelle, die auch in der Tora selbst den tatsächlichen Mittelpunkt markiert. Etwas später, im Wochenabschnitt Schemini, wird in der Tora die Mitte sowohl hinsichtlich der Anzahl der Worte als auch – an einer weiteren Stelle – hinsichtlich der Anzahl der Buchstaben markiert. Doch welcher Zusammenhang besteht zwischen diesem Mittelpunkt der Tora und dem Buch Wajikra?

Das Buch fokussiert stark auf die detaillierten Gesetze zum Tempeldienst, etwa auf die Opfer (Brand-, Speise-, Friedens-, Sünd- und Schuldopfer).

Die jüdische Weltanschauung spiegelt sehr häufig das Konzept des Tempels wider

Die jüdische Weltanschauung spiegelt sehr häufig das Konzept des Tempels wider: sei es die Gebetsrichtung für Juden auf der ganzen Welt in Richtung des Tempelbergs oder die Einhaltung der Trauertage zur Erinnerung an die Zerstörung dieser Stätte. Essenziell ist auch dessen Wiederaufbau, der zugleich ein Hauptziel der jüdischen Existenz und ihrer Rolle in dieser Welt beschreibt.

Wir sehen also deutlich, dass dieser Ort und die nur dort zu generierenden Impulse der Heiligkeit im jüdischen Glauben fest verankert sind – unabhängig davon, ob es um Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft geht.

Zunächst müssen wir jedoch verstehen, was das jüdische Opfer (Korban) überhaupt darstellt, um ein erweitertes Bild von unserem Wochenabschnitt zu gewinnen. Einerseits gibt es Erklärungsansätze wie die des Rambam (Maimonides, 1138–1204), der Korbanot (Opfer) als Chukim klassifiziert. Das bedeutet, dass sie zu den Geboten gehören, die wir nicht rational verstehen können. Andererseits erklärt etwa Ibn Ezra, ein spanischer Gelehrter des 11. Jahrhunderts, dass ein Opfertier dem Opferbringenden Vergebung gewährt, da er im Moment der Schächtung des Tieres seine Schuld eingesteht und diese mit dem dargebrachten Opfer sühnt.

Laut dem Ramban bergen die Opfer im Tempel ein besonderes Geheimnis

Nachmanides, der Ramban (1194–1270), kommentiert zu Wajikra (1,9), dass die Korbanot im Tempel ein besonderes Geheimnis bergen. Spätere Kommentatoren erklären seine Andeutung in dem Sinne, dass die Opferpraxis alle Elemente des physischen Lebens beinhaltet: das Unbelebte (Salz), das Vegetative (Wein und Mehl), das Animalische (Opfertier) und das Menschliche (der Hohepriester).

Die Mischna in den Sprüchen der Väter (Pirkej Awot, 1,2) spricht über »drei Dinge, auf denen die Welt steht«: Tora, Tempeldienst und Wohltaten. Nachfolgend nennt die Mischna (1,18) hingegen drei vollkommen andere Dinge, aufgrund derer »die Welt fortbesteht«: Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden.

Rabbiner Yehoschua Heller (1814–1880) kommentiert diese Stelle und erläutert, dass die erste Mischna geschichtlich auf die Zeit von Schimon Hazaddik (Schimon der Gerechte) zurückgeht, in der der Tempel noch stand und Opfer dargebracht wurden. Die zweite Mischna, die historisch jünger ist, geht auf Rabban Schimon Ben Gamliel zurück, zu dessen Lebzeiten der Tempel bereits zerstört war und sich das jüdische Volk im Exil befand. Dadurch wird auf den Unterschied zwischen zwei Weltzuständen hingewiesen: Das Vorhandensein des Tempels und damit die Möglichkeit, Opfer zu bringen, stellt einen heute nicht mehr vorhandenen Idealzustand dar.

In den Schriften des Maharal von Prag (Rabbiner Jehuda Löw, 16. Jahrhundert) finden wir Aufschluss darüber, was es mit den Opfern auf sich hat: Er erläutert, dass es gewissermaßen in der Natur der uns umgebenden physischen Welt liegt, uns zu suggerieren, wir besäßen eine von überweltlichen Kräften entkoppelte und vollkommen selbstständige Identität. Diese scheinbare Souveränität wirkt sich auch auf die Entscheidungen und Bestrebungen des Menschen aus. Und das nicht immer zum Guten. Ein Opfer trägt deshalb laut dem Maharal zur Vergewisserung und Einsicht des Menschen bei, dass jede Existenz zweitrangig und der des Allmächtigen untergeordnet, zugleich aber in sie eingebettet ist. Diese Einstellung und Sichtweise wirkt prophylaktisch einer von Gott entkoppelten Existenz entgegen. Der Mensch kommt so »näher« zu ihm. Daher steht auch die Wurzel des Wortes »Korban« (karow) für »nah«.

Der Talmud bringt das Konzept des Gebets mit dem der Opfer in Verbindung

Der Babylonische Talmud bringt im Traktat Berachot das Konzept des Gebets mit dem der Korbanot in Verbindung. Dies ist einerseits bei den Musafgebeten (Zusatzgebeten) an Feiertagen erkennbar, bei denen das Gebet selbst den spezifischen Korbanot im Tempel gewidmet ist. Andererseits sind Morgen-, Mittag- und Abendgebet jeweils den Zeiten der Opferdienste im Tempel gewidmet und angepasst.

Doch die Parallelen zwischen Gebeten und Korbanot hören hier nicht auf: Jede Synagoge auf der Welt soll laut unseren Weisen ein »Miniaturtempel« sein, da wir keinen Tempel mehr haben.

Wenn wir nun zu der oben erwähnten »Mitte der Tora« im Wochenabschnitt Schemini zurückkehren, entdecken wir etwas Außerordentliches: Die damaligen rabbinischen Gelehrten stellten beim Zählen der Worte der Tora fest, dass die Mitte exakt auf denjenigen Vers fällt, in dem Mosche die übrigen Söhne Aharons belehrt, nachdem zwei seiner Söhne, Nadav und Avihu, durch das nicht korrekte Darbringen eines Opfers umgekommen sind.

Aus all diesen Parallelen können wir die Erkenntnis ziehen, dass – so wie das Buch Wajikra die Mitte der Tora bildet – Gebet und Opfer die Mitte des Menschen thematisieren: sein Herz. Damit gewinnt auch der Tempel in Jerusalem, der von uns als Mittelpunkt der Welt verstanden wird, eine besondere Bedeutung für unser alltägliches Leben und unsere persönliche Entwicklung.

Das einzige Mittel, mit dem wir auch im Exil noch die Möglichkeit haben, uns als Partner des Allmächtigen zu verstehen und uns davon nicht abzukoppeln, ist das Gebet. Dieser unbeschreiblich essenzielle und oftmals auch schwierig zu meisternde Aspekt des jüdischen Lebens wird in der heutigen Zeit oftmals unterschätzt. Ich wünsche uns allen, dass wir durch stetige Reflexion und Hinwendung gemeinsam eine Annäherung und Opfergabe erzeugen können, die uns und die Welt zum Guten lenkt.

Der Autor studiert am Rabbinerseminar zu Berlin.

inhalt
Der Wochenabschnitt Wajikra steht am Anfang des gleichnamigen dritten Buches der Tora und enthält Anweisungen dazu, wie, wo und von welchen Tieren die verschiedenen Opfer dargebracht werden sollen. Es werden fünf Arten unterschieden: das Brand-, das Schuld-, das Friedens- und das Sündenopfer sowie verschiedene Arten von Speiseopfern. Ein zentrales Thema ist die Reinheit und Heiligkeit des Opfers, das nur unter bestimmten Bedingungen den vorgeschriebenen Anforderungen entsprach.
3. Buch Mose 1,1 – 5,26

Matot-Mass’ej

Hand in Hand

In der biblischen Erzählung von der Verteilung des Landes wird ein wichtiges Prinzip deutlich

von Rabbinerin Yael Deusel  10.07.2026

Perspektive

»Viele Juden haben das Gefühl, zwischen beiden Seiten zu stehen«

Rabbiner Ammiel Hirsch gilt als eine der bekanntesten Stimmen des Reformjudentums in den USA. Ein Gespräch über Zionismus, Proteste vor Synagogen und den Bruch mit liberalen Milieus

von Alexandra Farkas Bandl  10.07.2026

Talmudisches

Der Garten Eden

Was unsere Weisen über das Paradies lehrten

von Vyacheslav Dobrovych  09.07.2026

Rabbinerausbildung

Levinson-Stiftung als Institut an der Uni Potsdam anerkannt

Neuer Meilenstein für die Ausbildung liberaler und konservativer Rabbinerinnen und Rabbiner sowie Kantorinnen und Kantoren

 07.07.2026

Religionsfreiheit

Oberrabbiner sieht religiöse Praktiken europaweit unter Druck

Bei einem Symposium in Amberg diskutierten Politiker, Vertreter von Religionsgemeinschaften und Juristen über die Einschränkungen der Religionsfreiheit

von Christoph Renzikowski  05.07.2026

Pinchas

Der Anfang aller Einsicht

Die Tora zeigt, dass wahre Größe mit Demut und Einfachheit beginnt

von Vyacheslav Dobrovych  03.07.2026

Talmudisches

Brot und Wunder

Was unsere Weisen über Armut und G’ttes Beistand lehren

von Rabbiner Avraham Radbil  03.07.2026

Erinnerung

Unsterbliche Buchstaben

Warum der erste Generaldirektor des israelischen Religionsministeriums mit seinem Vorhaben scheiterte, eine Zeremonie für in der Schoa vernichtete Bücher zu etablieren

von Valentin Suckut  02.07.2026

Halacha

Bauchnabel oder Nasenlöcher?

Beim Hildesheimer Vortrag in Berlin gab Chaim Saiman konkrete Einblicke in Fragestellungen des jüdischen Religionsgesetzes

von Leon Stork  02.07.2026