Eshet-Chayil-Konferenz

Gemeindearbeit per SMS

Rabbinerfrauen bei einem Vortrag Foto: Daniel Zylbersteijn

Eshet Chayil» auf Reisen: 25 Rabbinerfrauen aus Deutschland und Polen haben sich diesmal für drei Tage in London getroffen. In diesem Sommer besuchten sie gemeinsam Vorträge und Workshops in jüdischen Erziehungs- und Kultureinrichtungen und tauschten sich über ihre Arbeit aus. Das «Eshet Chayil»-Programm wird von Hadassa Halpern vom Rabbinerseminar zu Berlin organisiert. Teilnehmerinnen der regelmäßigen Konferenzen sind Frauen orthodoxer Rabbiner. Sie unterstützen ihre Männer in deren Job aktiv, leisten auf vielfältige Art Gemeindearbeit und erziehen außerdem meist mehrere Kinder.

Am dritten Tag der Konferenz beginnt der Referent, Rabbiner Danny Kirsch, den Morgen mit einem Vortrag über Optimismus. «Ihr müsst spirituell vom Negativen zum Positiven gehen», lehrt er. Alles müsse als willkommene Gelegenheit begrüßt werden, sagt er weiter und erläutert das Thema mit vielen persönlichen Anekdoten, aber auch Zitaten aus der Tora.

Marina Balla hört gebannt zu. Seit sechs Jahren lebt die Frau des Leipziger Gemeinderabbiners Zsolt Balla in der sächsischen Stadt. Sie kennt die meisten der anwesenden Frauen in London, aber bis auf zwei Eshet-Chayil-Konferenzen pro Jahr sehen sie sich selten.

Input In der Pause stellt Marina Balla fest, dass sie «in Deutschland die Lehrerinnen» sind, «hier aber wieder Studentinnen». Sie schätzt die Eshet-Chayil-Konferenzen, weil sie ihr neuen Input für ihre Aufgabe als Rebbetzin geben. London mit seiner lebendigen und großen jüdischen Gemeinschaft sei ein guter Ort hierfür – «selbstverständlicher jüdisch als die kleinen Gemeinden in Deutschland», findet Marina Balla.

Neben dem Erfahrungsaustausch kann sie gemeinsam mit den anderen Frauen auch darüber nachdenken, wie man mehr junge Leute ins religiöse Leben involviert. «Eines meiner Probleme ist, dass ich manche Frauen meiner Gemeinde nur einmal im Jahr sehe», klagt sie. Hier erfährt sie, wie man auch solche Mitglieder miteinbeziehen kann – beispielsweise durch Aufrufe zum Mitbeten per SMS.

Wieder werden die Frauen in den Seminarraum gebeten, wieder steht eine Dozentin bereit. Via Kimche ist eine der erfahrensten Beraterinnen für Rebbetzinnen in England, und natürlich ist sie auch selbst Rebbetzin. Den Frauen werden Texte samt Auslegung von Raschi mit den Worten «Ihr solltet lernen» nahegebracht. Via Kimche will die Frauen inspirieren, damit sie ihre Erfahrung an andere Frauen weitergeben.

Vorbilder Hadassa Halpern, Direktorin des Eshet-Chayil-Programms des Rabbinerseminars zu Berlin, versucht, mit den halbjährlichen Konferenzen praktisches Coaching wie Stimmtraining und seelische Beratung mit Textarbeit und Theorie zu verbinden. Frauen von Rabbinern hätten neben der Pflicht, den Mann zu unterstützen, längst ihre eigene Rolle. Sie seien Vorbilder, die herausgefordert werden müssten, ist sie überzeugt.

Dass ihr Programm Früchte trägt, bewies, so Halpern, vor Kurzem eine junge Rebbetzin, die nach der ersten Eshet-Chayil-Konferenz ein Erziehungsprogramm in ihrer Gemeinde aufstellte, in das eine ganze Gruppe von Frauen involviert war. Halpern organisiert übrigens auch Webinare für die Rebbetzinnen, doch Online-Unterricht kann ein Live-Treffen nicht ersetzen. Und in London seien, «anders als sogar in Berlin, alle Experten innerhalb einer Stunde zu erreichen», betont die Programmdirektorin.

«Einsiedlerin» In der Mittagspause unterhalten sich die Rebbetzinnen auf Deutsch, Russisch und Hebräisch bei Sandwich und Salat in der Bibliothek einer Synagoge. An einem der Tische sitzt Elischewa Kochan. Sie lebt mit ihrem Mann Benjamin Kochan, dem Landesrabbiner von Thüringen, in Erfurt. Elischewa Kochan fühlt sich ein wenig als Einsiedlerin, was das jüdisch-orthodoxe Leben in Deutschland angeht, und findet dennoch lobende Worte: «Die Hilfe, beispielsweise vom städtischen Kindergarten in Erfurt, damit meine beiden Kinder koscher essen können, ist bemerkenswert», sagt sie.

Kochan ist zum vierten Mal bei einer Eshet-Chayil-Konferenz, allerdings das erste Mal als Rebbetzin. «Wir werden wirklich gebraucht», sagt sie über ihre neue Aufgabe. Bei dem Treffen erfuhr sie nicht nur Praktisches, sondern auch Rückhalt, wie sie sagt: zum Beispiel, dass es durchaus in Ordnung sei, die eigenen Kinder in den Vordergrund zu stellen oder das Studieren aufgrund der Bedürfnisse der Kleinen zu unterbrechen.

«Man weiß alleine nicht, ob man zu wenig oder zu viel tut», gesteht sie. Dennoch sieht sie sich ihrer Gemeinde vollkommen verpflichtet: «Wenn eine Gemeinde heutzutage einen Rabbiner anstellt, stellt sie auch seine Frau an», witzelt sie und meint es doch sehr ernst.

Feiertage

Chatima towa, oder was?

Was von Rosch Haschana über Jom Kippur bis Sukkot die korrekte Grußformel ist

von Rabbiner Yaacov Zinvirt  20.09.2026 Aktualisiert

Jom Kippur

Noch einen Bissen, dann ist Schluss

Für die einen ist Fasten an Jom Kippur religiöses Gebot, für die anderen eine Prüfung von Körper und Willenskraft

von Nicole Dreyfus  18.09.2026

Versöhnung

Der Mensch ist kein Datensatz

Im Gegensatz zu modernen Algorithmen kennt das göttliche Gericht die Ambivalenzen

von Chajm Guski  18.09.2026

Vergebung

Wenn die Entschuldigung im Halse stecken bleibt

Eine talmudische Geschichte über Schuld, Groll und das Loslassen der Vergangenheit

von Sophie Goldblum  18.09.2026

Bewusstsein

Pause!

Warum wir unser Leben und unseren Alltag immer wieder gezielt entschleunigen sollten. Eine Hymne auf die Langsamkeit

von Sophie Albers Ben Chamo  18.09.2026

Wuppertal

Brandanschlag auf Synagoge

Nach ersten Erkenntnissen handelte der polizeibekannte Mann mit afghanischer Staatsangehörigkeit allein

 18.09.2026 Aktualisiert

Ha’asinu

Von der Einheit hinter allem

Die Tora lehrt, dass die Liebe zum Mitmenschen auch eine Form ist, den Ewigen zu ehren

von Daniela Rusowsky  17.09.2026

Der jüdische Kardinal

Den einen zu jüdisch, den anderen zu katholisch: Heute vor 100 Jahren wurde Aron Jean-Marie Lustiger geboren

von Andrea Krogmann  16.09.2026

Feiertage

Rosch Haschana für Anfänger

Vom Lichterzünden bis zum Taschlich: eine kleine Einführung für weniger erfahrene Synagogenbesucher

von Rabbinerin Ulrike Offenberg  11.09.2026 Aktualisiert