Berlin

Gebetsriemen im Knast?

Welche besonderen Bedürfnisse haben jüdische Soldaten und jüdische Häftlinge in Gefängnissen? Wie kann Religionsfreiheit in möglichst großem Ausmaß gewährleistet werden? Diesen Fragen widmet sich eine juristische Fachtagung, die am Montag in Berlin eröffnet wurde. Organisiert wird die Veranstaltung von Berliner Studien zum Jüdischen Recht an der Humboldt-Universität, dem Rabbinerseminar zu Berlin und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

Rabbiner Joshua Spinner, Executive Vice President der Ronald Lauder Foundation und Vorstandsvorsitzender des Rabbinerseminars, sagte zur Begrüßung, glücklicherweise verbüßten nicht sehr viele Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland eine Haftstrafe. Auch gebe es keine große Zahl jüdischer Soldaten. Doch Religionsfreiheit im Gefängnis oder im Militär sei keine Frage der Anzahl der Betroffenen, sondern eine Grundsatzfrage, für die in einer Gesellschaft des Rechts Lösungen gefunden werden müssten.

Kaschrut Soldaten und Gefängnisinsassen hätten eines gemeinsam: Ihr Wohlergehen liege in der Verantwortung des Staates, erklärte Pinchas Goldschmidt, Oberrabbiner von Moskau und Vorsitzender der Europäischen Rabbinerkonferenz, in seinem Vortrag. Ein wichtiges Interesse praktizierender jüdischer Gefangener sei die Verpflegung mit koscherem Essen, ein weiteres die Einhaltung von Gebetszeiten und Feiertagen. Rücksicht müsse dabei auf verschiedene Gruppen genommen werden: »Es gibt säkulare, traditionelle, orthodoxe und streng religiöse Juden«, stellte Goldschmidt klar.

Rabbiner Julian-Chaim Soussan, Gemeinderabbiner in Frankfurt/Main und Mitglied im Beirat der ORD, sprach über halachische Bedingungen, aber auch über Herausforderungen in der Praxis: Viele Bedienstete in Gefängnissen reagierten mit Unverständnis auf die Bedürfnisse jüdischer Gefangener. Oft würden diese Häftlinge auf »Halal«-Essen für muslimische Gefangene verwiesen. »Halal ist nicht dasselbe wie koscher«, stellte Soussan klar.

kerzen Ein weiteres Problem sei, dass sich viele Gefangene nicht als jüdisch outen wollten. Zudem seien der Religionsfreiheit aus praktischen Gründen Grenzen gesetzt: Es stelle sich etwa die Frage, ob man Gefangenen überhaupt Gebetsriemen zur Verfügung stellen dürfe oder sie damit möglicher Selbstgefährdung aussetze. Auch das Anzünden von Kerzen könne im Gefängnis nicht überall erlaubt werden.

Zum Abschluss steht am Abend die Podiumsdiskussion »Religionsfreiheit im Justizvollzug und beim Militär – Handlungsbedarf und politische Hindernisse« auf dem Programm. Moderiert wird die Diskussion von Daniel Botmann, dem Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Auf dem Podium sitzen Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt, Hellmut Königshaus, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und ehemaliger Wehrbeauftragter des Bundestages, Aiman Mazyek, Vorstandsvorsitzender des Zentralrats der Muslime, die Leiterin der JVA Moabit, Anke Stein, und Jörg Antoine, Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Lesen Sie mehr in der kommenden Printausgabe der Jüdischen Allgemeinen.

Schelach Lecha

Mit der Kraft des Ewigen

Die biblische Erzählung lehrt, dass sich mit Gottvertrauen auch aktuelle Herausforderungen bewältigen lassen

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  12.06.2026

Talmudisches

Spiel des Lebens

Was unsere Weisen über Fußball lehrten

von Avi Frenkel  12.06.2026

Fußball-WM

Darf man einem Kraken glauben?

Was das Judentum über Orakel, Omen und Vorhersagen lehrt

von Rabbiner Dovid Gernetz  11.06.2026

Dresden

Elnet: Initiative soll Neugier auf jüdisches Leben wecken

Die Kampagne ist Teil des Themenjahres »Tacheles. Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026« und wird zunächst sechs Wochen sichtbar sein

 11.06.2026

Interview

»Verbinde dich mit etwas Größerem«

Rabbiner Levi Shmotkin landete mit »Worte fürs Leben« einen Bestseller. Ein Gespräch über die Stärke, sich von Krieg und antisemitischen Bedrohungen nicht lähmen zu lassen

von Detlef David Kauschke  09.06.2026

Beha’alotcha

Macht der Gewohnheit

Die Tora zeigt am Beispiel Aharons, warum die tägliche Pflicht den Menschen wachsen lässt

von Avi Frenkel  05.06.2026

Talmudisches

Geister

Was antike jüdische Überlieferungen über Besucher aus dem Jenseits erzählen

von Rabbinerin Yael Deusel  04.06.2026

München/Jerusalem

Rabbinerkonferenz weist Kritik an deutschen Yad-Vashem-Standorten zurück

Die geplanten Außenstellen von Yad Vashem in Deutschland stoßen auch auf Skepsis. Doch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz warnt davor, die Arbeit der Gedenkstätte zum Gegenstand politischer Abrechnungen zu machen

 31.05.2026

Bonn

»Es ist ein Bruch eingetreten.«

Rabbiner Andreas Nachama betonte, dass Jüdinnen und Juden immer weiter in eine »Defensivposition« gebracht würden. Eine Studientagung des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit lotete aus, wie es anders gehen könnte

von Leticia Witte  31.05.2026