Ki Tissa

Freude und Genuss

Alle an einem Tisch Foto: Getty Images


Im Wochenabschnitt Ki Tissa geht es um den Mischkan, das mobile Heiligtum der Israeliten in der Wüste, und um das Goldene Kalb. Wer die Parascha aber ganz aufmerksam liest, wird staunen: Inmitten der Erzählung spricht die Tora plötzlich von dem Gebot, den Schabbat zu halten.

Es ist nicht das erste Mal, dass sie den Schabbat erwähnt. Darüber wurde schon im Wochenabschnitt Beschalach (im Zusammenhang mit dem Man) gesprochen sowie im Wochenabschnitt Jitro in den Zehn Geboten und auch im Wochenabschnitt Mischpatim. Doch im Gegensatz zu jenen drei Abschnitten, wo der wöchentliche Ruhetag zum Kontext passt, kommt seine Erwähnung in unserer Parascha scheinbar aus dem Nichts.

Was das Ganze noch spannender macht: Das Gebot, den Schabbat zu halten, wird in unserem aktuellen Wochenabschnitt sehr ausführlich besprochen. Ganze sechs Verse werden verwendet, um mehrere Aspekte des Gebotes zu erläutern. Zum Vergleich: In den Zehn Geboten, der Hauptquelle für dieses Gebot, kommt die Tora mit nur vier Versen aus. Deshalb bleibt die spannende Frage: Aus welchem Grund erwähnt die Tora in unserem Wochenabschnitt den Schabbat zum vierten Mal?

heiligtum Der große Tora-Kommentator Raschi (1040–1105) erklärt, es gebe einen Zusammenhang zum vorherigen Thema des Abschnitts. Da wurden in Kürze die Hintergründe des Baus des Heiligtums in der Wüste beleuchtet. Deshalb, sagt Raschi, müsse die Erwähnung des Schabbats hier auch etwas mit dem Bau zu tun haben. Man könne also annehmen, dass der Bau des Heiligtums dermaßen wichtig ist, dass er höchste Priorität hat und man ihn auch am Schabbat fortsetzen darf.

Doch die Tora widerspricht: Nein, bei aller Eile und bei aller Wichtigkeit des Baus soll man jede Woche einen Tag damit aufhören und den Schabbat feiern.

Auch andere Kommentatoren gehen in diese Richtung. So meint der Mizrachi, Rabbi Elijah Mizrachi (1455–1526), der Irrtum könnte darauf basieren, dass im Heiligtum das Darbringen von Tieropfern auch am Schabbat erlaubt war. Deshalb, sagt der Mizrachi, könnte man vermuten, dass auch das Bauen am Heiligtum am Schabbat erlaubt gewesen sei.

Rabbi Ovadia von Bertinori (1465–1515) schlägt in seinem Tora-Kommentar eine andere Erklärung vor: Man könnte denken, dass beim Bau des Mischkans nur »schwere« Verbote wie das Kochen oder Feueranzünden beachtet werden müssten.

Doch wir können an dieser Stelle fragen: Braucht die Tora tatsächlich ganze sechs Verse, um uns vor einem Irrtum zu bewahren? Dafür würden doch zwei oder maximal drei Verse genügen!

Und tatsächlich: Die Tora offenbart uns hier – mehr oder weniger direkt – einige Details zum Schabbat, die vorher nicht erwähnt worden sind. Einige davon werden auf so subtile Art und Weise dargestellt, dass sie beim groben Übersetzen sogar untergehen könnten.

BUND Ein Beispiel dafür ist Vers 31,16: »Und es sollen die Kinder Israels den Schabbat beachten, den Schabbat zu halten bei ihren Nachkommen als ewigen Bund.« Wir lernen daraus, dass der Schabbat nicht nur ein Gebot und ein Ruhetag ist, sondern ein Bund (Brit) zwischen G’tt und dem jüdischen Volk. Diese Tatsache macht dieses Gebot so wichtig. Jedoch liegt im Vers noch eine wichtige Information zum Schabbat, die bei einer ungenauen Übersetzung leicht verloren geht. Wenn man ganz genau übersetzt, dann merkt man, dass es eigentlich heißt: »den Schabbat zu machen« (hebräisch: la’asot).

Unsere Weisen bemerken, dass darin eine wichtige Botschaft für uns verborgen ist. Schabbat ist der siebte Tag der Woche, und er kommt automatisch, ob wir ihn erwarten oder nicht. Der g’ttliche Ruhetag besteht aber nicht nur aus Verboten, sondern Schabbat heißt auch: zu genießen. Und ob wir dies können, hängt davon ab, wie wir uns auf den heiligen Tag vorbereitet haben und wie wir ihn gestalten. Wenn man für den Schabbat nichts vorbereitet, dann wird sich der siebte Tag kaum von den anderen sechs Tagen der Woche unterscheiden. Und angesichts dessen, dass am Schabbat tatsächlich einige Aktivitäten verboten sind, wäre dieser Tag eher eine Belastung als ein Tag der Freude.

Wenn man jedoch für den Schabbat die Wohnung aufräumt, den Tisch herrichtet, ein festliches Essen kocht und sich feierlich anzieht, dann wird der Schabbat tatsächlich zu einem besonderen Tag. Das ist es, was der Tora-Vers mit »Schabbat machen« meint.

einkauf Es liegt an uns, den heiligen Tag so zu gestalten, dass wir daran Freude haben. Unsere Weisen empfehlen, dass wir uns schon ab Mittwoch mit dem kommenden Ruhetag beschäftigen. Man kann zum Beispiel überlegen, was man am Schabbat essen möchte, und bei der Gelegenheit Lebensmittel für besondere Schabbat-Gerichte einkaufen.

Am Freitag aber, sagen unsere Weisen, sollen sich alle mit der Vorbereitung für den Schabbat befassen. Sogar große Gelehrte, die Tag und Nacht Tora und Talmud lernen, sogar die reichen Kaufleute, die sich Bedienstete leisten können, sollen mindestens eine Sache an der Vorbereitung für den Schabbat mittun: sei es, den Staub von den Regalen zu wischen oder Wasser in ein paar Blumentöpfe zu gießen – jeder muss zum »Machen« des Schabbats seinen Teil beitragen.

Wenn dies geschieht, dann wird der siebte Tag der Woche nicht zu einem »Problemtag«, der von Verboten geprägt ist, sondern zu einem heiligen Tag, der echte Freude und Genuss mit sich bringt.

Der Autor ist Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

inhalt
Zu Beginn des Wochenabschnitts wird Mosche damit beauftragt, die wehrfähigen Männer zu zählen. Es folgen Anordnungen für das Stiftszelt. Die Gesetze des Schabbats werden mitgeteilt, und es wird die Bedeutung des wöchentlichen Ruhetags als Bund zwischen dem Ewigen und Israel betont. Der Ewige gibt Mosche zwei Steintafeln, mit denen er ins Lager der Israeliten zurückkehrt. Dort haben sich die Wartenden in der Zwischenzeit ein Goldenes Kalb gegossen, dem sie Opfer darbringen. Im Zorn darüber zerbricht Mosche die Steintafeln, und der Ewige bestraft die Israeliten mit einer Plage. Später steigt Mosche auf den Berg und erhält neue Bundestafeln.
2. Buch Mose 30,11 – 34,35

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