Mizwot

Eine Tora für alle Generationen

Matan Tora: Die Übergabe der Tora ist der entscheidende Moment in der Geschichte des jüdischen Volkes. Foto: Thinkstock

Zu Beginn der Reise durch die Wüste kommt das Volk Israel zum Berg Sinai. Obwohl dieser Berg so wichtig für uns ist, wissen wir interessanterweise nicht genau, wo er liegt. Vielleicht gibt folgende Legende eine Antwort: Ein Midrasch sagt, dass die Berge miteinander kämpften, und alle wollten, dass sich G’tt auf ihnen niederlässt. Deshalb sagten sie alle, wie hoch und wichtig sie seien. G’tt jedoch wählte den Berg Sinai, den kleinsten und unwichtigsten aller Berge. Dieser Berg spiegelt die Bescheidenheit von Mosche Rabbeinu wider (Mechilta BaChodesch 4).

Das Volk Israel wird noch einige Zeit am Berg Sinai sein, und viele wichtige Ereignisse werden dort passieren. Das erste – und vielleicht wichtigste – ist Matan Tora (die Übergabe der Tora). Dies ist ein entscheidender Moment in der Geschichte unseres Volkes, vielleicht sogar der gesamten Menschheit.

Volk G’tt gab Seine Tora nicht nur einer ganz bestimmten Gruppe von Israeliten, einem kleinen Kreis von Insidern sozusagen, sondern dem ganzen Volk. Das bedeutet: Das Volk Israel war schon immer und ist immer noch direkt und vollständig mit G’tt verbunden, wie Rabbiner Leo Baeck (1873–1956) in seinem Buch Dieses Volk. Jüdische Existenz (1955) erklärt.

Es gibt einen interessanten Kommentar zum 2. Buch Mose 19,8: »Die gesamte Nation antwortete einmütig (kol haAm jachdav)«. Die Mechilta sagt: »Als alle am Berg Sinai versammelt waren und ihren Willen ausdrückten, G’ttes Gebote zu akzeptieren, schaute niemand, was der andere sagen würde, sondern antwortete bejahend mit der eigenen Stimme, als Einzelner. Trotzdem geschah das Akzeptieren in perfekter Harmonie.« Das heißt, dass zwar das ganze Volk gemeinsam und einvernehmlich die Tora akzeptiert, dass aber jeder ganz individuell geantwortet hat. Es hatte also jeder eine persönliche Begegnung oder Erfahrung mit G’tt.

Daher ist es wichtig, dass sich jeder Einzelne fragt: Was bedeutet die Verantwortung mir selbst, der Gemeinde und letztendlich auch G’tt gegenüber? Spiritualität im Sinne der Offenbarung am Berg Sinai kann ich nur durch meine eigene Anstrengung und mein eigenes Bemühen erreichen und nicht durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe.

Schawuot Die Tora wird uns immer wieder neu gegeben. Wenn wir an Schawuot lernen, dass wir uns vorstellen sollen, wir stünden selbst vor dem Berg Sinai, dann bedeutet das tatsächlich: Jeder von uns, in jeder Generation, muss die Tora von Neuem akzeptieren und lernen.

In einem bekannten Midrasch heißt es, dass die Seele eines jeden einzelnen Juden damals mit am Berg Sinai dabei gewesen ist (Schmot Raba 28,6). Das betrifft auch die Seelen von uns heute – und die Seelen jener Menschen, die erst noch geboren werden. Das bedeutet eine individuelle, bewusste Akzeptanz und Relevanz der Tora für jede Generation. Das drücken wir durch die Segenssprüche aus, die wir sagen, wenn wir eine Alija laTora, also einen Aufruf zur Tora bekommen. Am Ende der Brachot vor und nach der Toralesung loben wir G’tt als »Noten haTora«, als den »Geber der Tora«. Wir sagen das im Präsens und nicht im Präteritum.

Diese zwei wichtigen Aspekte, die persönliche Akzeptanz der Tora und die Relevanz in jeder Generation, sind eine wunderbare Sache. Aber sie bedeuten für uns auch ein gewisses Dilemma, denn wir müssen uns aktiv mit der Tora und den Mizwot, den Geboten und Verboten, auseinandersetzen. Ja, manchmal müssen wir uns abmühen, um sie für uns lebendig und persönlich zu machen.

Eine wichtige Basis sind die sogenannten Aseret HaDibrot, die ersten Gebote, die G’tt Mosche und uns gibt. Sie sind ein wesentlicher Teil in unserem Wochenabschnitt.

Es ist ziemlich schwierig, den Begriff »Aseret HaDibrot« genau zu übersetzen oder zu erfassen. Wörtlich bedeutet er so viel wie »die zehn Aussagen«. Manchmal wird er auch als »Dekalog« (griechisch für »Zehnwort«) bezeichnet. Der am häufigsten verwendete Ausdruck ist »Die Zehn Gebote«. Doch das ist kein wirklich guter Terminus, denn nicht nur die Übersetzung des hebräischen Begriffs ist schlecht, sondern wir Juden haben ja nicht nur zehn, sondern 613 Gebote.

Gebieter Aber seien wir ehrlich – selbst jene zehn grundlegenden Gebote bereiten uns gewisse Schwierigkeiten: Haben wir wirklich immer die Wahrheit gesagt? Sind wir nicht manchmal neidisch auf unsere Nachbarn? Was bedeutet es, den Schabbat genau zu halten? Vielleicht stehlen wir nichts oder verüben auch keinen Mord, aber halten wir eigentlich ein so scheinbar einfaches Gebot wie das erste? Dort sagt G’tt: »Ich bin der Ewige, Dein G’tt ... Du sollst keine anderen Götter neben Mir haben« (2. Buch Mose 20, 2–3).

Das bedeutet, dass es nicht nur Gebote gibt, sondern auch einen »Gebieter«, den lebendigen G’tt. Die Mizwot zu halten, ist also nicht nur eine Sache zwischen uns Menschen, und die Aseret HaDibrot sind nicht nur nette Anregungen oder Dinge, die es lohnt zu tun, sondern sie sind ethische Richtlinien, die uns direkt von G’tt gegeben wurden.

Nur wenn wir die Existenz G’ttes anerkennen, können wir als Seine Partner helfen, eine bessere Welt zu schaffen. Dabei haben wir genau das in unserer Hand, indem wir die Tora für uns persönlich akzeptieren und sie in unserer Generation relevant machen. Wir sind nicht nur passive Empfänger der Mizwot, sondern durch ihre Annahme können wir aktive, moralische Menschen werden und beginnen, diese Welt im Guten mitzugestalten.

Es liegt an uns, im Dienst unseres »Gebieters« zu stehen und die Aseret HaDibrot zu einem zentralen Aspekt unserer Identität als Juden zu machen. Dazu brauchen wir keiner bestimmten Gruppierung anzugehören.

Der Autor war Rabbiner in Düsseldorf. Zurzeit arbeitet er als Research Fellow an einem Forschungsprojekt des Schweizerischen Nationalfonds.

Inhalt
Außer dem Wochenabschnitt Jitro sind nur fünf weitere nach Menschen benannt: »Noach«, »Chaje Sara«, »Korach«, »Balak« und »Pinchas«. Die Tora stellt Jitro, Mosches Schwiegervater, als religiösen, gastfreundlichen und weisen Menschen dar. Er rät Mosche, Richter zu ernennen, um das Volk besser zu führen. Die Kinder Israels lagern am Sinai und müssen sich drei Tage lang vorbereiten. Dann senkt sich G’ttes Gegenwart über die Spitze des Berges, und Mosche steigt hinauf, um die Tora zu empfangen.
2. Buch Mose 18,1 – 20,23

Talmudisches

Geister

Was antike jüdische Überlieferungen über Besucher aus dem Jenseits erzählen

von Rabbinerin Yael Deusel  04.06.2026

München/Jerusalem

Rabbinerkonferenz weist Kritik an deutschen Yad-Vashem-Standorten zurück

Die geplanten Außenstellen von Yad Vashem in Deutschland stoßen auch auf Skepsis. Doch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz warnt davor, die Arbeit der Gedenkstätte zum Gegenstand politischer Abrechnungen zu machen

 31.05.2026

Bonn

»Es ist ein Bruch eingetreten.«

Rabbiner Andreas Nachama betonte, dass Jüdinnen und Juden immer weiter in eine »Defensivposition« gebracht würden. Eine Studientagung des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit lotete aus, wie es anders gehen könnte

von Leticia Witte  31.05.2026

Antwerpen

Belgien: Empörung über Anklage gegen jüdische Beschneider

Wegen Anklagen gegen zwei jüdische Beschneider kritisieren jüdische Vertreter die belgischen Behörden scharf. Die European Jewish Association wirft der Staatsanwaltschaft vor, die Religionsfreiheit zu verletzen - Belgien weist dies zurück

von Marlene Brey  27.05.2026

Nasso

Raum für die g’ttliche Präsenz

Warum das Lesen dieses Wochenabschnitts beim Finden eines Ehepartners hilfreich sein soll

von Vyacheslav Dobrovych  24.05.2026

Essay

Erinnerungen an Schawuot in Be’eri

Unsere Autorin ist in dem Kibbuz aufgewachsen, der durch das Massaker traurige Bekanntheit erlangte. Eines der prägendsten Feste ihrer Kindheit war das Wochenfest – wird jene Freude je wieder zurückkehren?

von Eshkar Eldan Cohen  21.05.2026

Schawuot 2

Mit offener Hand

Das Gebot des Zehnten ist weit mehr als eine soziale Maßnahme. Es ist eine geistige Übung

von Rabbiner Joel Berger  21.05.2026

Jerusalem

Auf den Spuren der Pilger

Seit Januar kann man auf jener Straße gehen, auf der zu Schawuot einst Juden ihre Früchte zum Tempel brachten. Die Ausgrabungen bekräftigen religiöse Überzeugungen – und entfachen politische Konflikte

von Detlef David Kauschke  21.05.2026

Schawuot

Sei wie ein kleiner Berg

Der Ewige wählte nicht den höchsten Gipfel der Wüste Sinai für die Offenbarung der Tora. Dahinter steckt eine Botschaft

von Rabbiner Avraham Radbil  21.05.2026