Pekudej

Eine Frage der Hingabe

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Pekudej

Eine Frage der Hingabe

Warum Gʼtt den Künstler Bezalel auswählte, das Stiftszelt in der Wüste zu bauen

von Rabbiner Joel Berger  28.03.2025 09:10 Uhr

In unserem Wochenabschnitt, der Parascha Pekudej – auf Deutsch: »Zählungen« –, erfahren wir etwas über Bezalel, der ausgewählt wurde, die Stiftszelt, den Mischkan, zu entwerfen und zu bauen. Auf den ersten Blick beschreiben diese Verse ganz nüchtern den Bau eines irdischen Gebäudes. Aber es handelt sich nicht nur um einen Bauplan. Es geht vielmehr um eine Beschreibung der höchsten ethischen Vision unserer Vorfahren, einer Vision, die sich in die Seelen kommender Generationen einprägen sollte.

Nicht irgendein Handwerker wurde ausgewählt, den Mischkan zu entwerfen und zu bauen. Bezalel war mit Weisheit (Choch­ma), Einsicht (Bina) und Verständnis (Daʼat) ausgestattet (2. Buch Mose 35, 30–34). Worin besteht der Unterschied zwischen diesen Eigenschaften? Dem mittelalterlichen Exegeten Raschi (1040–1105) zufolge bezieht sich Chochma auf die Weisheit, die wir von anderen lernen; Bina ist das Verständnis, das wir durch Lebenserfahrung erlangen, und Daʼat ist eine mystische Intuition.

Der jüdischen Legende zufolge war Bezalel, wie Raschi behauptet, ein Kenner der Kabbala und verstand die volle Wirkung der Kombinationen von Buchstaben, mit denen Gʼtt Himmel und Erde erschuf. Kabbala heißt »das Überlieferte« und ist in ihrem klassischen Verständnis ein kultureller Ausdruck der mystischen Tradition des Judentums.

Sie basiert auf einer jahrhundertealten mündlichen Überlieferung, deren Wurzeln im Tanach, aber auch in der frühen rabbinischen Literatur zu finden sind. Die klassische Kabbala entstand erst zu Beginn des 13. Jahrhunderts in der südfranzösischen Provinz Languedoc sowie in Nordspanien.

Die grundlegenden Gesetze und Wahrheiten, die im Herzen der Schöpfung liegen

Bezalel war ein brillanter Geist, ein Meister seines Handwerks und ein Architekt, der durch Lebenserfahrung gereift war, offenherzig und aufgeschlossen für die Einsichten seiner Mitmenschen, inspiriert von Gʼttes Geist und ausgestattet mit der Fähigkeit, die grundlegenden Gesetze und Wahrheiten zu erkennen, die im Herzen der Schöpfung liegen. Bezalels Name, der auf Deutsch »im Schatten Gʼttes ruhen« bedeutet, weist darauf hin, dass er intuitiv und eins mit Gʼttes Willen war.

Und doch argumentiert ein Midrasch, dass selbst diese Eigenschaften allein nicht ausreichten, um die schwierige Aufgabe zu übernehmen. Diesem Midrasch zufolge fragte Gʼtt Mosche, ob Bezalel für die heilige Aufgabe, den Mischkan zu bauen, geeignet sei. Mosche antwortete: »Herr des Universums! Wenn du ihn für geeignet hältst, dann bin ich es mit Sicherheit auch!«

Daraufhin wies Gʼtt Mosche an: »Geh und frage das Volk, ob es mit Meiner Wahl von Bezalel einverstanden ist.« Mosche tat dies, und die Israeliten antworteten: »Wenn Bezalel von Gʼtt und von dir als gut genug erachtet wird, dann wird er sicherlich auch von uns gebilligt.« Daraus schlossen die Rabbiner, dass Bezalel nicht nur Gʼttes Wahl, sondern auch die Wahl des Volkes war.

Hingabe an den Ewigen, die Tora und an das Volk Israel

Diese einfache Geschichte von Bezalels Auswahl deutet darauf hin, dass die Tradition die Hingabe an den Ewigen, an die Tora und an das Volk Israel als die wichtigsten Merkmale eines jüdischen Künstlers ansieht. Im Laufe der Jahrhunderte haben jüdische Künstler in ihren Werken das Leiden, den Schmerz, die Freuden und die Visionen unseres Volkes dargestellt. Marc Chagall (1887–1985) schrieb: »Der Künstler muss in die Welt eindringen, das Schicksal der Menschen, der Völker mit echter Liebe spüren. Es gibt keine Kunst um der Kunst willen. Man muss sich für das gesamte Leben interessieren.«

Der Schabbat Pekudej hält für uns eine besondere Botschaft bereit, die mit dem jüdischen Festkalender zusammenhängt. Es wird in den Synagogen feierlich der Beginn des jüdischen Monats Nissan verkündet. In diesem Monat wird Pessach, das Fest zum Andenken an die Befreiung der Israeliten aus der Knechtschaft in Ägypten, begangen.

Während des Gʼttesdienstes heben wir zwei Schriftrollen aus dem Toraschrank heraus. Aus der ersten Torarolle lesen wir die Parascha Pekudej und aus der zweiten einen zusätzlichen Abschnitt aus dem Buch Schemot (2. Buch Mose 30, 11–16).

Der Inhalt dieses zweiten Abschnitts steht in direktem Zusammenhang mit dem Opferdienst unserer Vorfahren im Jerusalemer Tempel. Was im Altertum auf dem Altar geopfert wurde, brachte man aus Spenden auf. Jeder Israelit stiftete einen halben Schekel. Schekel, so hieß schon damals die Währung in Israel. Da unser religiöses Jahr mit dem Frühlingsmonat Nissan beginnt, ordneten die Rabbinen an, diese Abgabe am Anfang des Vormonats Adar zu entrichten. Diese Spenden sollten aus dem ganzen Land nach Jerusalem geschickt werden. Nun haben wir seit beinahe 2000 Jahren keinen Tempel mehr, kein Heiligtum, keinen Altar, und somit gibt es auch keine Opfergaben mehr. Dennoch werden wir alle Jahre wieder in der Synagoge an diese Pflicht erinnert. Weil uns dies unsere Tora anweist.

Spende für sozial schwächere Gemeindemitglieder

In vielen jüdischen Gemeinden ist aus der klassischen Tempelabgabe eine Spende für sozial schwächere Gemeindemitglieder geworden. Denn auch heute kommt es immer wieder vor, dass Menschen Not leiden. Ihre Lage soll gelindert werden, indem wir alle an die Spende des klassischen Halbschekels erinnert werden.

Oft werde ich gefragt, ob sich das Judentum wirklich ständig mit der Vergangenheit beschäftigen muss oder mit Spuren unserer Vergangenheit in den heiligen Schriften. Auf diese Fragen gebe ich stets dieselbe Antwort: »Ja!« Denn gerade das macht das Wesen des Judentums aus, das Judesein. Wir Juden sind bis heute eine über die halbe Welt zerstreute Minderheit. Deswegen versuchen wir unverändert, aus den Botschaften und Überlieferungen unserer gemeinsamen Vergangenheit das Gemeinsame und das Verbindende herauszufiltern.

Wir versuchen, unsere Identität zu bewahren und die Schätze unserer Vergangenheit immer wieder in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Diese Arbeit an uns und an unserer Geschichte ist immer wieder spannend und für eine Zukunft des Judeseins – im wahrsten Sinne des Wortes – wesentlich!

Der Autor ist emeritierter Landesrabbiner von Württemberg.

inhalt
Dieser Wochenabschnitt Pekudej ist der letzte des Buches Schemot. Er berichtet von der Berechnung der Stoffe, die für das Stiftszelt verarbeitet werden, und wiederholt die Anweisungen, wie die Priesterkleidung anzufertigen ist. Die Arbeiten am Mischkan werden vollendet. Danach werden die Priester und Teile des Stiftszelts gesalbt. Als dies alles vollendet ist, erscheint über dem Heiligtum eine »Wolke des Ewigen«. Sie zeigt dem Volk die Gegenwart des Ewigen und wird ein Zeichen sein, wann es aufbrechen und weiterziehen soll.
2. Buch Mose 38,21 – 40,38

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