Publikation

Ein Gebetbuch als Meilenstein

In hochwertigem Einband und ästhetisch ansprechend: der Koren-Siddur mit deutscher Übersetzung Foto: Chajm Guski

Publikation

Ein Gebetbuch als Meilenstein

Der Koren-Siddur mit Kommentar und Übersetzung von Rabbiner Jonathan Sacks sel. A. ist jetzt auf Deutsch erschienen

von Chajm Guski  16.07.2021 08:49 Uhr

Ohne viel Aufsehen wurde die deutsche Ausgabe des Koren-Siddurs mit Kommentar und Übersetzung von Rabbi Lord Jonathan Sacks sel. A. (1948–2020) in den deutschsprachigen Markt eingeführt. Das wirkt bescheiden, wird aber der Bedeutsamkeit des Vorhabens nicht gerecht. Die Veröffentlichung knüpft an die Geschichte des Koren-Verlags und des Siddurs aus ebenjenem Haus an.

Werfen wir einen Blick in die Geschichte beider: 1907 wurde in Nürnberg Elijahu Korngold geboren, dort besuchte er die Kunstschule und wanderte 1933 nach Haifa aus. Im Land Israel investierte er viel Zeit und Können in das Design unverwechselbarer Schrifttypen mit hoher Lesbarkeit für die hebräische Sprache. Seine bekannteste Schöpfung aus dem Jahr 1949 ist das Stadtwappen von Jerusalem.

Nachdem er seinen Namen in Koren geändert hatte, veröffentlichte er als Elijahu Koren 1964 einen wegweisenden Tanach in dieser Schrift (ebenfalls Koren genannt). Das Layout war neu, der Text vollständig mit masoretischen Texten abgeglichen und mit extremer Sorgfalt gesetzt. Auch ein Gebetbuch folgte. Dieser Siddur hatte das Ziel, Textwüsten ohne jeden Umbruch und ohne Struktur zu vermeiden. Das Ergebnis war die Visualisierung von Zusammenhängen und eine augenfreundliche Struktur. Die Publikationen des Verlags waren wegweisend, aber nicht überall bekannt.

INTERNATIONAL In den 2000er-Jahren wandte sich der Koren-Verlag auch einem internationalen Markt zu und konnte den britischen Oberrabbiner Jonathan Sacks dafür gewinnen, den Siddur ins Englische zu übersetzen und zu kommentieren. Eine ausführliche Einleitung in die Welt des Gebets wurde hinzugefügt, die eindrücklich zeigt, warum Rabbiner Sacks als einer der einflussreichsten Rabbiner seiner Zeit galt.

Hinzugefügt wurden auch Segenssprüche für die israelische Armee, für Gefangene, Gebetsordnungen für den Unabhängigkeitstag, den Jom Hasikaron (Gedenktag) oder auch für eine Hauseinweihung. Das überbrückt eine Kluft zwischen der Diaspora und dem Land Israel. Für Reisende nach Israel gibt es einen speziellen Teil mit Halachot für diejenigen, die nur zu Besuch sind.

Erfolg und Qualität setzten sich schnell durch. Die Bücher des Verlags, der auch die Steinsaltz-Übersetzung des Talmuds veröffentlichte, verkauften sich gut.

2017 veröffentlichte Koren einen Siddur und Chumasch für die Portugiesische Gemeinde von Amsterdam, die auf eine 400-jährige Tradition zurückblickt und auf der Suche nach einer Möglichkeit war, die Gebete dieser Gemeinschaft in einer würdigen und zeitgemäßen Form zu veröffentlichen. Es entstand eine lokale Version des Siddurs von Koren. Nun ist unter der Aufsicht des Wiener Oberrabbiners Jaron Engelmayer eine deutsche Übersetzung erschienen – und was in Deutschland seine Wurzeln hatte, kehrt zurück.

Erweiterungen Die Übersetzung der Texte von Rabbiner Sacks stammt von Helene Seidler. Leider sind Anpassungen an spezielle Minhagim (Bräuche), wie unterschiedliche Reihenfolgen des »Awinu Malkejnu« des deutschsprachigen Bereichs, nicht berücksichtigt worden, dafür sind die Erweiterungen des Koren-Siddur nun für hiesige Beter verfügbar: Das Gebet zum »Schutz vor dem bösen Auge« von Rabbi Zwi Kaidanover etwa, das 1705 in Frankfurt am Main entstand, kann nun auch in Übersetzung gelesen werden.

Die Übersetzung ist gelungen, an einigen Stellen aber sehr formal und zu nah an einer wortwörtlichen Übertragung. Wo Rabbiner Sacks von einer »Culmination of time« schreibt, wurde »Kulmination« als Übertragung verwendet, statt zum einfacheren »Höhepunkt« zu greifen. »Paragraf« wurde mit Paragraf übertragen, statt das (korrekte) »Absatz« zu nutzen. Der Einband und die Verarbeitung sind hochwertig. Aus ästhetischer und inhaltlicher Perspektive liegt erneut ein Meilenstein von Koren vor.

Koren-Schalem-Siddur, Koren, 1480 S., $ 39,95. Die Ausgabe ist über die Website von Koren erhältlich (korenpub.com). Einfacher und günstiger ist der Siddur über die britische Seite bookdepository.com zu beziehen.

Essay

Erinnerungen an Schawuot in Be’eri

Unsere Autorin ist in dem Kibbuz aufgewachsen, der durch das Massaker traurige Bekanntheit erlangte. Eines der prägendsten Feste ihrer Kindheit war das Wochenfest – wird jene Freude je wieder zurückkehren?

von Eshkar Eldan Cohen  21.05.2026

Schawuot 2

Mit offener Hand

Das Gebot des Zehnten ist weit mehr als eine soziale Maßnahme. Es ist eine geistige Übung

von Rabbiner Joel Berger  21.05.2026

Jerusalem

Auf den Spuren der Pilger

Seit Januar kann man auf jener Straße gehen, auf der zu Schawuot einst Juden ihre Früchte zum Tempel brachten. Die Ausgrabungen bekräftigen religiöse Überzeugungen – und entfachen politische Konflikte

von Detlef David Kauschke  21.05.2026

Schawuot

Sei wie ein kleiner Berg

Der Ewige wählte nicht den höchsten Gipfel der Wüste Sinai für die Offenbarung der Tora. Dahinter steckt eine Botschaft

von Rabbiner Avraham Radbil  21.05.2026

Religionen

Rabbiner: Juden, Christen und Muslime können einander stärken

Der Nahostkrieg hat auch Auswirkungen auf Gesellschaften in Europa und den USA. Ein niederländischer Rabbiner schreibt, was Juden, Christen und Muslime dennoch einander bedeuten können - und welche Werte sie teilen

von Leticia Witte  21.05.2026

Interreligiöser Dialog

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen mehr Austausch

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen sich intensiver austauschen. Am Mittwoch kamen Delegationen in Berlin zusammen, um einen festen Turnus festzulegen

 20.05.2026

Fest

Magdeburger Synagogen-Gemeinde hat neue Torarolle eingeweiht

Mit dem Fest der Toravollendung konnte die neue Torarolle der Magdeburger Synagogen-Gemeinde eingeweiht werden. Traditionell wurden die 5 Bücher Mose von einem Sofer genannten Schreiber in Israel angefertigt

von Thomas Nawrath  20.05.2026

Konflikt

»Große Irritation« nach Gründung eines neuen liberalen Rabbinatsgericht

Die Jüdische Gemeinde zu Berlin und die Union progressiver Juden haben ein Beit Din gegründet. Die Allgemeine Rabbinerkonferenz kritisiert den Schritt als »Spaltungsmanöver«

von Mascha Malburg  19.05.2026

Klang

Ewiges Nachhallen

Warum die Israeliten in die Stille der Wüste ziehen mussten, um das Wichtigste zu hören

von Rabbiner Jaron Engelmayer  17.05.2026