Perspektive

Dürfen orthodoxe Juden Kirchen betreten?

Foto: Getty Images

Der frühere britische Oberrabbiner Jonathan Sacks hat uns einmal in meiner Geburtsstadt Amsterdam besucht, und ich habe mit ihm in extenso über dieses Thema gesprochen: Wie ist das Verhältnis von Juden zu Kirchen und Moscheen? Er unterbreitete eine Reihe von Vorschlägen:
Jeder Glaube, sagte er, enthält ein Stück Geheimnis und Ehrfurcht vor dem, was wir nicht wissen. Unsere Traditionen können in diesem Leben nicht (vollständig) erklärt werden.

Wir nehmen, sagte er auch, die Einladung, unsere besondere und leidenschaftliche Identität in das gesellschaftliche Leben einzubringen, gerne an. Gleichzeitig können wir aber auch die essenzielle Würde des anderen erkennen.

Früher oder später hat eine andere Umgebung einen gewissen Einfluss auf uns.

Gerade deshalb konnte Sachs auch erklären, warum er als orthodoxer Jude nicht in der Lage war, in eine Kirche zu gehen. Er erzählte mir, wie er bei der Beerdigung eines Mitglieds des englischen Königshauses der königlichen Familie erklären musste, warum er nicht am Gottesdienst, aber an der Beerdigung teilnehmen konnte. Die Ironie der Geschichte bestand darin, dass er am Ende den Leichenzug zum Friedhof anführte. Am Ausgang der Kirche wartete er darauf, dass alle herauskamen. Er war also ganz vorne dabei, als die Prozession begann. Dies wurde weltweit in den Medien aufgegriffen und erregte großes Aufsehen.

VERSTÄNDIS Die Frage, warum wir die religiösen Gebäude anderer Konfessionen nicht betreten können, zeugt von einem Mangel an Verständnis für das Wesen und die Tiefe religiöser Erfahrung und hat mit der Würde des Andersseins zu tun.

Als religiöse Menschen nehmen wir uns selbst ernst. Wenn wir beten, bringen wir die Essenz unseres Glaubens zum Ausdruck. Aber wir nehmen auch andere Gläubige ernst.

Die Heiligkeit einer Synagoge ist das direkte Ergebnis unserer Art, G’tt zu dienen. Unsere religiöse Erfahrung wirkt sich auf unser Umfeld aus. Unsere Gotteshäuser, die eine Fortsetzung des Tempels in Jerusalem sind, sind nicht nur Ausdruck unserer religiösen Überzeugungen. Durch unsere Gebete und besonderen Rituale erhalten sie einen heiligen Status und beeinflussen unsere Wahrnehmung.

aufklärung Während der Aufklärung dachte man, dass die Religion an den Rand gedrängt werden würde. Aber die Religion scheint jetzt ein Feuer zu sein, das wärmt und anzieht. Feuer kann aber auch zerstören. Wir sind die Hüter der Flammen. Religion schafft Hoffnung, Spiritualität und Moral. Ein Gotteshaus ist ein Ort, an dem der Dienst an G’tt lebendig wird.

Wir nehmen auch die religiöse Erfahrung anderer Menschen ernst und gehen davon aus, dass die religiöse Erfahrung anderer Menschen auch ihr religiöses Umfeld beeinflusst. Eine Kirche oder Moschee atmet eine bestimmte Atmosphäre, für die wir als religiöse Menschen sehr empfänglich sind. Früher oder später hat eine andere Umgebung einen gewissen Einfluss auf uns. Es ist gerade die Macht der (anderen) Religion, die unsere Weisen dazu veranlasst, den Besuch der Gebäude anderer Religionen infrage zu stellen.

Wir können die Wahrheit des Judentums feiern, ohne die Würde des Andersseins zu verletzen.

Außerdem vergessen wir nur allzu leicht die Macht des Einflusses und die Macht der Symbole. Um mit Letzterem zu beginnen: Symbole haben viel mehr Einfluss, als wir denken. Und religiöse Gebäude sind voll von ihnen, mitunter sehr subtil.

SYMPOLE Symbole werden oft als eine Art lebendiger Spiegel unserer tiefsten Seelen angesehen, die wir nur schwer in Worte fassen können. Die kleinsten Gegenstände können, wie ein lebendiger »Trigger«, Gefühle hervorrufen, die uns begleiten, aber nicht immer abrufbar sind.
Symbole stellen nicht nur Ideen dar, sondern können sehr tiefe Gefühle hervorrufen, derer wir uns kaum bewusst sind. Symbole können Assoziationen wecken, die sehr unjüdisch sind.

In unserer säkularen Gesellschaft werden die Unterschiede zwischen den Religionen und ihr Einfluss oft mitleidig betrachtet. Aber wir nehmen religiöse Unterschiede sehr ernst und wissen, dass selbst der kleinste Einfluss Auswirkungen hat. Wie oft wurden Juden dazu überredet, sich anderen Religionen anzuschließen, mit dem Argument, dass diese anderen Religionen nur ein schwaches Abbild des ursprünglichen Judentums sind?

Die heutige Zeit erfordert eine versöhnliche Haltung mit Verständnis für die Würde des anderen und seine unterschiedlichen religiösen Erfahrungen. Unsere Weisen hatten ein Gespür dafür.

G’tt stellt uns vor eine große Herausforderung. Wir leben mit so zerstörerischen Kräften sehr nahe beieinander, dass Er uns wirklich kaum eine Wahl lässt. Wir müssen gut zueinander sein. Andernfalls wird es schlecht für uns ausgehen. Das ist unsere Position zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Und weil wir uns gegenseitig lieben können, gibt es Hoffnung. Wir können die Wahrheit des Judentums feiern, ohne die Würde des Andersseins zu verletzen.

GRENZEN Aus diesem Grund haben unsere Weisen Grenzen gesetzt. Wir können zu nichtjüdischen Beerdigungen und Einäscherungen gehen, weil der Einfluss religiöser Überzeugungen dort nicht so stark ist. Unter bestimmten Umständen und nach Rücksprache mit den Rabbinern kann man zu einer Aufbahrung gehen, um sein Mitgefühl zu teilen. Das Gleiche gilt für Gespräche mit Andersgläubigen und einen Besuch im Vatikan. Und ich finde es besonders angebracht, dass Bischöfe, wenn sie uns besuchen, ihre Kreuze unter ihren Mänteln verstecken.

Ein Besuch in einem nichtjüdischen Gotteshaus ging unseren Weisen zu weit.

Ein nichtjüdisches Gotteshaus zu besuchen, ging unseren Weisen jedoch zu weit. Der potenzielle Einfluss wurde als zu stark angesehen. Leider hat die Assimilierung dem jüdischen Volk im Laufe der Jahrhunderte einen hohen Tribut abverlangt, sowohl in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht. Bleiben wir bei uns selbst und respektieren wir den anderen.

Wir sind gegen Mission. Das Judentum erkennt die Autorität und die Kultur des Rechts des Landes an, in dem wir leben. Wir versuchen nie, andere zu verurteilen oder zu bedrohen. Nur auf diese Weise können wir eine tolerante und ideale Gemeinschaft schaffen.

Der Autor ist Rabbiner und lebt in Israel.

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