Septuaginta

Wunder und Bedrohung

Ein Sofer in der nordisraelischen Stadt Safed mit einer Esther-Rolle für Purim (März 2025) Foto: Flash 90

Einer der verborgenen Titanenkämpfe, die das jüdische Volk und die jüdische Kultur seit Jahrtausenden begleiten, ist die Spannung zwischen dem Tanach und der Septuaginta – der antiken griechischen Übersetzung des Tanach. Die Septuaginta enthält Dutzende von Büchern, die nicht in den Tanach aufgenommen wurden und als apokryphe Schriften bezeichnet werden.

Als Kind wusste ich lediglich von ihrer Existenz – wie von einer geheimen, beinahe untergründigen Literatur, die die jüdische Tradition und ihre klar gezogenen Grenzen bedroht. Ich hätte es niemals gewagt, daran zu denken, diese Bücher zu lesen, und Namen wie »Ben Sira«, einer der bekanntesten dieser Schriften, bargen für mich stets zugleich ein faszinierendes und bedrohliches Rätsel.

Die Perle der antiken Welt

Alexandria war im dritten Jahrhundert v.d.Z. die Perle der antiken Welt. Ptolemaios II. Philadelphos entwickelte dort die damals größte Bibliothek der Welt, und eines der sieben Weltwunder – der Leuchtturm – unterstrich zusätzlich ihren außergewöhnlichen kulturellen Rang. In seiner Verehrung des geschriebenen Wortes lud Ptolemaios die Weisen Israels aus Jerusalem nach Alexandria ein, um die Tora ins Griechische zu übersetzen; so entstand die Septuaginta.

Der Aristeasbrief schildert das Übersetzungsunternehmen als ein regelrechtes Fest, das tägliche Mahlzeiten beim König einschloss, bevor man sich auf einer Insel nahe Alexandria der eigentlichen Übersetzungsarbeit widmete. Demgegenüber beschreibt der Babylonische Talmud (Megilla 9a) das große Wunder, dass die Weisen, obwohl sie in verschiedene Räume getrennt wurden, zu einem identischen und einheitlichen Text gelangten.

Doch je länger die Übersetzungsarbeit andauerte, desto größer wurde die Kluft zwischen dem traditionellen Judentum und der endgültigen Fassung der Septuaginta. In der ersten Phase wurden die fünf Bücher Mose übersetzt, im Laufe der Zeit folgten Dutzende weitere Bücher – einige davon fanden Eingang in den uns bekannten Kanon des Tanach, andere blieben außerhalb. Während der Tanach 24 Bücher umfasst, enthält die Septuaginta 50 Bücher, also zusätzlich 26 apokryphe Schriften.

Ausdruck der Ambivalenz

Die Septuaginta gilt somit zugleich als Wunder und als Bedrohung. Zwei Tannaiten aus dem zweiten Jahrhundert n.d.Z. bringen diese Ambivalenz deutlich zum Ausdruck: Rabbi Akiva bestimmt (Mischna Sanhedrin 10), dass jemand, der in der Septuaginta liest, keinen Anteil an der kommenden Welt habe; Rabban Schimon ben Gamliel hingegen erklärt (Talmud Megilla 9a), dass die einzige Sprache neben dem Hebräischen, in der der Tanach geschrieben werden dürfe, das Griechische sei – wegen seiner Schönheit.

Rabbi Jom Tow Lipmann Heller aus dem 17. Jahrhundert formuliert eine vermittelnde Position in dieser Debatte: In seinem Mischna-Kommentar schreibt er, dass man diese Bücher »im Abort oder im Badehaus« lesen dürfe – sie besitzen nicht die Heiligkeit einer Synagoge, doch ein Blick in sie sei erlaubt, und wer weiß, vielleicht könne man sogar – Gott bewahre – etwas aus ihnen lernen.

Das Buch Esther ist ein besonders geeigneter Prüfstein für diese Spannung. Während die biblische Fassung zehn Kapitel umfasst, enthält die Septuaginta sieben zusätzliche Kapitel. Während im hebräischen Text der Name Gottes nicht erscheint, wird er in der Septuaginta 52-mal genannt.

Es scheint, dass die Septuaginta im Buch Esther mehrere Aspekte zu ergänzen versucht. Der erste betrifft »Lücken in der Handlung«. Als wäre die Esther-Erzählung nicht dramatisch genug, fügt die Septuaginta Elemente hinzu, die im biblischen Text fehlen.

Im hebräischen Buch Esther erscheint der Name Gottes nicht, in der Septuaginta 52-mal.

So beschreibt sie etwa ausführlich die Begegnung zwischen Königin Esther und Achaschwerosch: den angespannten Gang Esthers zum König, begleitet von zwei Dienerinnen, die sie stützen, den zornigen Blick des Königs und Esthers Ohnmacht vor Angst und Schrecken. Danach erwacht Esther, und das Erbarmen des Königs wird geweckt.

Innere Logik der Ereignisse

Der zweite Aspekt betrifft die innere Logik der Ereignisse. Die Septuaginta versucht zu erklären, was aus der Megillat Esther selbst vielleicht nicht vollständig verständlich wird – etwa, warum Haman das jüdische Volk vernichten wollte. In der Megilla beschreibt Haman die Juden als ein Volk mit eigenen Gesetzen, das die Gesetze des Königs missachtet.

Der Septuaginta genügt dies jedoch nicht; sie fügt Aussagen hinzu, die leicht an antisemitische Stereotype erinnern könnten: »In ihrem Hass gegen unsere Herrschaft begehen die Juden schreckliche Verbrechen, damit in unserem Reich kein Friede herrsche.« Sie zeichnet die Juden als ein Volk, dessen Ziel es sei, die bestehende Weltordnung zu untergraben. Das klingt leider vertraut.

Der dritte und überraschendste Aspekt ist religiös-theologisch. Nach Rabbi Akiva wird die Septuaginta als Bedrohung der jüdischen Tradition und Lehre wahrgenommen; im Buch Esther jedoch kehrt sich dieses Bild um. Die Septuaginta schildert die Gebete Mordechais und Esthers – Mordechai nach dem Erlass des Vernichtungsbefehls und Esther vor ihrem Gang zu Achaschwerosch. Beide Gebete greifen biblische Gebetstraditionen auf und betonen, dass die Rettung des jüdischen Volkes gerade in der religiösen Absonderung liegt. So bekennt Esther in ihrem Gebet, dass sie bei dem Fest, an dem sie teilnahm, weder gegessen noch vom Götzenwein getrunken habe.

Der Geist der Übersetzung steht hier in direkter Linie zur rabbinischen Kritik an den Juden von Schuschan, die am Fest Achaschweroschs teilnahmen und die notwendige Abgrenzung gegenüber der persischen Kultur nicht einhielten.

Religiöse Identität und theologische Botschaft

Die Septuaginta zum Buch Esther ist ein Beispiel dafür, wie eine über viele Generationen gewachsene Spannung nicht zwingend auf dem Inhalt, sondern auf der Form beruht. Der Inhalt der Septuaginta-Fassung übertrifft in seiner religiösen Intensität sogar die theologische Botschaft des Tanach, und dennoch blieb sie außerhalb des biblischen Kanons. Denn die Form – die Übersetzung in eine fremde Sprache, die sich verselbstständigte und auf viele weitere Bücher ausdehnte – wurde als Bedrohung eines zentralen Elements des traditionellen Judentums wahrgenommen: der Bewahrung klarer Grenzen. Deshalb zogen es die Weisen vor, »das Kind mit dem Bade auszuschütten« und auf sämtliche Botschaften der Übersetzung zu verzichten, selbst wenn sie stellenweise durchaus dem jüdischen Geist entsprachen.

Und an Purim? An Purim ist es erlaubt, die klare Schwarz-Weiß-Linie zu überschreiten. »Ein Mensch ist verpflichtet, sich an Purim zu berauschen, bis er nicht mehr zwischen ›Verflucht sei Haman‹ und ›Gesegnet sei Mordechai‹ unterscheiden kann« (Megilla 7b). An Purim sind wir aufgerufen, die gewohnten Rahmen zu verlassen und sie aus einer offenen, urteilsfreien Haltung heraus zu hinterfragen. Wenn wir wollen, können wir uns dabei von dem aus Bayern stammenden Mischna-Kommentator Rabbi Jom Tow Lipmann Heller inspirieren lassen, der das Lesen der Bücher der Septuaginta erlaubt – selbst wenn es im Verborgenen geschieht.

Der Autor ist Kantor und Religionslehrer. Er verfasst die Fragen für den europäischen Chidon Hatanach (Quiz zur Hebräischen Bibel).

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