Teruma

Geben und Nehmen

Foto: Getty Images

Die Parascha Teruma eröffnet einen grundlegenden und richtungsweisenden Abschnitt der Tora. Nach einer Abfolge dramatischer und einmaliger Ereignisse – dem Auszug aus Ägypten, der Teilung des Schilfmeeres, der Offenbarung am Sinai und der Begründung des Bundes zwischen Gott und dem Volk Israel – würde man erwarten, dass sich der Text weiterhin mit großen Ideen, Glaubensfragen und moralischen Grundsätzen befasst. Stattdessen vollzieht die Tora eine überraschende Wendung und richtet das Augenmerk auf scheinbar technische Details: präzise Maße, Materialien, Geräte, Balken, Stoffe, Gold, Silber und Kupfer.

Auf den ersten Blick wirkt dieser Übergang wie ein Abstieg vom Geistigen ins Materielle. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass gerade hier eine der zentralen Fragen menschlicher Existenz verhandelt wird: Wie kann göttliche Gegenwart Teil des konkreten Alltags werden und nicht nur eine abstrakte Idee bleiben?

Zwei Verse stehen im Zentrum der Parascha

Zwei Verse stehen im Zentrum der Parascha. Der erste eröffnet den Prozess: »Sprich zu den Kindern Israels, dass sie mir eine Abgabe nehmen sollen; von jedem, den sein Herz dazu bewegt, sollt ihr meine Abgabe nehmen« (2. Buch Mose 25,2). Der zweite formuliert das Ziel: »Und sie sollen mir ein Heiligtum machen, damit ich in ihrer Mitte wohne« (25,8).

Zwischen diesen beiden Aussagen entfaltet sich eine tiefgehende Weltsicht, die das Verhältnis zwischen Mensch und Gott, zwischen Materie und Geist sowie zwischen menschlichem Handeln und göttlicher Nähe neu bestimmt.

Auffällig ist die Wortwahl der Tora: Sie spricht vom Nehmen und nicht vom Geben. Damit wird deutlich gemacht, dass Geben kein einseitiger Verlust ist. Wer gibt, nimmt zugleich etwas auf – Sinn, Verantwortung und Zugehörigkeit. Die Abgabe ist kein materieller Verzicht, sondern ein Schritt aus der eigenen Begrenztheit heraus. Der Mensch wird vom passiven Konsumenten der Welt zu einem aktiven Mitgestalter.

Die Gabe ist nicht deshalb notwendig, weil Gott Gold oder Silber benötigen würde. Die Tora selbst betont, dass alles ohnehin ihm gehört. Notwendig ist die Abgabe für den Menschen. Durch freiwilliges Geben verlässt er den engen Raum des Eigeninteresses und öffnet sich für eine größere Wirklichkeit. Deshalb unterstreicht der Text ausdrücklich die Freiwilligkeit: nur »von jedem, den sein Herz dazu bewegt«. Zwang kann keinen heiligen Raum schaffen; nur ein freier Wille kann Raum für Gegenwart eröffnen.

Eine klare Haltung gegenüber der materiellen Welt

Gleichzeitig formuliert der Wochenabschnitt Teruma eine klare Haltung gegenüber der materiellen Welt. Gold, Holz und Stoffe werden nicht abgewertet, sondern aufgewertet. Materie ist nicht der Gegenpol zur Spiritualität, sondern ihr Träger. Das Heiligtum ist keine Flucht aus der Welt, sondern der Versuch, der Welt Tiefe, Ordnung und Bedeutung zu verleihen. Heiligkeit entsteht nicht durch Absonderung, sondern durch bewusste Gestaltung.

Besonders prägnant ist die Formulierung »damit ich in ihrer Mitte wohne«. Die Tora sagt nicht »in ihm, im Gebäude«, sondern bewusst »in ihrer Mitte«. Das Heiligtum ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel. Es verweist auf eine innere Wirklichkeit: Göttliche Gegenwart bindet sich nicht an Mauern, sondern an Menschen – an ihr Handeln, ihre Beziehungen und ihre moralische Haltung.

Diese Gegenwart ist jedoch keine automatische Zusage. Sie ist an menschliche Initiative gebunden: »Und sie sollen mir ein Heiligtum machen.« Dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen, wo sie bereit sind zu geben, statt nur zu nehmen und wo Werte über kurzfristigen Nutzen gestellt werden, entsteht Raum für göttliche Nähe. Wo diese Voraussetzungen fehlen, bleiben selbst die prächtigsten Strukturen innerlich leer.

Gerade in einer modernen Welt, in der Erfolg häufig an Besitz, Effizienz und Wachstum gemessen wird, setzt Paraschat Teruma einen anderen Maßstab. Sie fragt nicht, wie viel wir anhäufen, sondern was wir bereit sind zu teilen. Sie bewertet Gesellschaften nicht nach der Höhe ihrer Gebäude, sondern nach der Qualität ihrer Beziehungen und der Tiefe ihrer gemeinsamen Werte.

Kein Relikt der Vergangenheit

Das Heiligtum ist daher kein Relikt der Vergangenheit. Es ist ein Modell für jede Zeit. Überall dort, wo Menschen freiwillig geben, bewusst gestalten und Sinn in den Alltag tragen, erfüllt sich die alte Verheißung der Tora: »Und ich werde in ihrer Mitte wohnen.«

Ein weiterer, oft übersehener Aspekt des Ausdrucks »sie sollen nehmen« betrifft nicht das Geben, sondern das Empfangen. Die Tora deutet hier auf eine menschliche Schwäche hin, die bis heute aktuell ist: die Schwierigkeit, Hilfe anzunehmen. Viele Menschen sind bereit zu geben, zu leisten und zu unterstützen – doch wenn sie selbst auf Unterstützung angewiesen sind, empfinden sie Scham oder Widerstand. Hilfe anzunehmen, wird als Zeichen von Schwäche missverstanden, obwohl es in Wahrheit Ausdruck von Selbstkenntnis und Verantwortung ist.

Die Parascha erinnert daran, dass niemand ausschließlich auf der gebenden Seite steht. Menschliches Leben ist von Abhängigkeiten geprägt – emotional, sozial und spirituell. Wer nicht bereit ist zu nehmen, verschließt sich auch der Möglichkeit echter Beziehung. Erst wer akzeptiert, dass er nicht alles allein tragen kann, öffnet sich für Gemeinschaft und gegenseitige Verantwortung.

Dem Geben geht ein Nehmen voraus

In diesem Sinne geht dem Geben stets ein Nehmen voraus. Bevor ein Mensch in der Lage ist, sinnvoll zu geben, muss er anerkennen, dass er selbst auf andere angewiesen ist. Die Bereitschaft, Rat, Unterstützung oder Orientierung anzunehmen, ist keine Schwäche, sondern Voraussetzung für inneres Wachstum. Eine Gesellschaft, in der niemand Hilfe annehmen will, verliert ihre Menschlichkeit – ebenso wie eine, in der niemand bereit ist zu geben.

Auch hier zeigt sich die Tiefe des Gedankens »sie sollen mir eine Abgabe nehmen«. Das Nehmen selbst wird Teil des spirituellen Prozesses. Indem der Mensch lernt, Hilfe anzunehmen, wird er empfänglich – für andere Menschen und letztlich auch für göttliche Gegenwart. Nur wer offen ist zu empfangen, kann Raum schaffen, in dem Nähe, Vertrauen und Verantwortung entstehen.

Der Autor studiert am Rabbinerseminar zu Berlin.

inhalt
In diesem Wochenabschnitt Teruma fordert der Ewige die Kinder Israels auf, für den Mischkan, das Stiftszelt, zu spenden. Die Parascha enthält genaue Anweisungen zum Bau der Bundeslade, des Tisches im Stiftszelt, des Zeltes selbst und der Menora. Den Abschluss bilden Anweisungen für die Wand, die das Stiftszelt umgeben soll, um das Heilige vom Profanen zu trennen.
2. Buch Mose 25,1 – 27,19

Meinung

Wer definiert das Judentum?

Die Theologische Fakultät der Universität Freiburg im Üechtland verleiht dem messianischen Rabbiner Mark S. Kinzer die Ehrendoktorwürde. Das belastet das jüdische Verhältnis zu einem katholischen Partner

von Zsolt Balkanyi-Guery  12.05.2026

Israel

In Deboras Fußstapfen

Seit 2018 versuchen Frauen, an den Halacha-Prüfungen des Oberrabbinats teilzunehmen. Nun ist es ihnen gelungen

von Sophie Goldblum  08.05.2026

Talmudisches

Die Zahl 80

Was unsere Weisen über die wahre Stärke im Alter lehren

von Avi Frenkel  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  07.05.2026

Medien

Worte wiegen schwer

Was dürfen Journalisten? Auch Pressekodex und Gesetz kennen Grenzfälle. In der jüdischen Ethik wirft der Chafetz Chaim einen interessanten Blick auf die Frage, was an die Öffentlichkeit gehört

von Mascha Malburg  07.05.2026

Behar–Bechukotaj

Vom Joch befreit

Wie der Ewige seinem Volk die Last der Unterdrückung nimmt

von Rabbiner Avraham Radbil  07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026

Interview

Josef Schuster: »Juden und Muslime sind keine Erzfeinde«

Bald startet der Katholikentag in Würzburg. Mit dabei: der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Welche Tipps er für Gäste hat - und wie er auf Juden, Christen und Muslime in aufgeheizten Zeiten blickt

von Leticia Witte  06.05.2026