Säkularisierung

Die Minderheit der Gläubigen

Wir müssen Menschen die Möglichkeit geben, sich auch jenseits von Religion mit dem Judentum zu identifizieren. Foto: Thinkstock

Säkularisierung

Die Minderheit der Gläubigen

Religion verliert in unserer Gesellschaft an Bedeutung. Was können wir dagegen tun?

von Rabbiner Jehoschua Ahrens  19.09.2016 20:23 Uhr

Die Welt, in der wir heute leben, wird immer widersprüchlicher, und Gegensätze verstärken sich zunehmend. Anstatt näher zusammenzurücken, scheint es so, als ob Länder sich aus Bündnissen und Gemeinschaften zurückziehen, Gesellschaften zunehmend gespalten sind und auseinanderfallen, die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird.

Auch die Religion ist dabei keine Ausnahme. Auf der einen Seite werden Religionen immer fundamentalistischer, sogar extremer und militanter, auf der anderen Seite nimmt die Säkularisierung zu, und die Menschen verlieren ihren Bezug zu Glaube und Tradition – was manchmal auch mit starken antireligiösen Gefühlen einhergeht. Wie sollen wir als religiöse Juden auf diese Entwicklung reagieren?

Gesamtgesellschaftlich ist es wichtig, sich gerade als kleine Minderheit Verbündete zu suchen. Hier müssen wir den Fokus stärker auf den interreligiösen Dialog legen. Denn die Gegensätze in unserer Gesellschaft verlaufen heute nicht mehr zwischen christlich und jüdisch, sondern zwischen religiös und säkular, zwischen Menschen, die glauben und ein Wertesystem haben, das sich auf eine verbindliche Tradition stützt, und solchen, die meinen, wir könnten unsere Werte und Normen selbst bestimmen – beziehungsweise, wir brauchten gar keine universalen Werte, denn jeder solle seine Vorstellungen mit sich selbst ausmachen, solange er andere dabei nicht stört.

Monotheismus Mit Christen und auch mit Muslimen verbindet uns daher viel mehr, als uns trennt – wie der Monotheismus, der Glaube an die verbindliche Tradition, die Werte des Lebens, der Familie, der Gerechtigkeit, der universellen Liebe und des Friedens.

Heute sind nicht nur wir Juden und die Muslime in der Minderheit – mittlerweile sind auch religiöse Christen eine Minderheit in unserer Gesellschaft geworden. Wer jetzt noch die Konkurrenz und die Abgrenzung zwischen den Religionen fordert, der bestärkt nur die atheistischen Kritiker in ihrem Glauben, dass die Religion der Grund aller Konflikte und allen Übels ist.

Wir müssen als religiöse Menschen alle gemeinsam wieder unsere universalen Werte in die Gesellschaft hineintragen. Auf diesen Werten basiert letztlich die westliche Zivilisation mit ihren Menschenrechten, der Demokratie, Freiheit und Toleranz, so wie es 1946, auf der ersten internationalen christlich-jüdischen Konferenz überhaupt, der Erzbischof von Canterbury, als damals höchster Vertreter des protestantischen Christentums, formulierte: »In einer schwierigen Welt, in der Probleme endlos sind … und einige scheinbar unlösbar ohne einen tiefen Gesinnungswandel, bezeugen wir Christen und Juden Glauben und Hoffnung, dass Menschen ihre Gesinnung wandeln können, durch die Grundsätze, die G’tt für den Menschen gemacht hat und ohne die es keine Zivilisation geben kann.«

wandel Innerjüdisch scheint es auf den ersten Blick, als ob uns der Wandel besser gelingen würde als der Gesamtgesellschaft: Gerade das orthodoxe Judentum ist in den letzten Jahrzehnten immer stärker geworden und gewinnt weiter an Bedeutung. Aber ist das eine gute Entwicklung für uns?

Zwar ist die Orthodoxie gewachsen und wächst weiter, und mit ihr wird auch das Torastudium gestärkt, aber andererseits ist die Orthodoxie zunehmend nach rechts gerückt und entfernt sich immer weiter von einem großen Teil der Juden.

Eine Schwächung der nichtorthodoxen Strömungen bedeutet daher nicht automatisch eine Stärkung des religiösen Milieus, sondern ganz im Gegenteil: Das Judentum als Ganzes polarisiert immer mehr. Vielen Juden wird die Religion gleichgültig, und sie entfremden sich von unseren Traditionen.

Ein gutes Beispiel für dieses Phänomen sind die jüdischen Gemeinden in Deutschland: Zwar ist die übergroße Mehrheit orthodox geführt, aber Assimilation und »gemischte« Ehen nehmen zu, während die jüdische Identität erodiert.

Strömungen So groß die Unterschiede zum Reformjudentum und anderen Strömungen innerhalb des Judentums sind, sie müssen doch Partner der Orthodoxie sein, weil alle jüdischen Strömungen Juden dem Judentum näherbringen.

So drückte es kürzlich Rabbiner Shlomo Riskin, der Oberrabiner von Efrat, im Zusammenhang mit dem Mikwe-Streit in Israel aus. Dabei ging es um Folgendes: Die ultraorthodoxen religiösen Regierungsparteien Schas und Tora-Judentum wollen durchsetzen, dass die öffentlichen Tauchbäder ledigen Frauen den Zutritt verwehren. Israels Oberster Gerichtshof dagegen hatte gleichen Zugang für alle gefordert.

In diesem Zusammenhang möchte ich gerne Rabbiner Aharon Lichtenstein, sein Andenken sei gesegnet, zitieren, der einmal gesagt hat: »Kann irgendjemand verantwortungsbewusst behaupten, dass es besser wäre für einen marginalisierten Juden … seine religiöse Identität total zu verlieren, anstatt (am Schabbat) zu seiner (Reform-)Synagoge zu fahren?«

Wenn wir als Juden dem Säkularisierungstrend wirksam begegnen wollen, dann müssen wir die Menschen in unseren Gemeinden so nehmen, wie sie sind. Wir müssen offener und flexibler werden, wir müssen sie durch unsere Liebe und Authentizität zu den Mizwot bringen, nicht durch Engstirnigkeit und Strenge.

identität Wir können es uns schlichtweg nicht leisten, all diese Juden zu verlieren – wir müssen versuchen, sie zu verstehen und mit ihnen gemeinsam die Gemeinden so zu entwickeln, dass dort jeder Jude seine Heimat und seinen Platz findet.

Rabbiner Abraham Isaak Kook sagte einmal, es sei wichtiger, eine Verbindung zum jüdischen Volk und dem Nächsten zu haben, als alle Mizwot einzuhalten. Wir müssen auf die Menschen zugehen und deren Herzen gewinnen, wir müssen Juden die Möglichkeit geben, sich auch jenseits von Religion mit dem Judentum zu identifizieren, sei es durch Kultur, ein Gefühl der Zugehörigkeit oder was auch immer. All das ist vielleicht nur ein erster Schritt oder ein Einstieg – aber sicherlich besser als der Ausstieg.

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