Einer der Kämpfer in König Davids Armee hieß Benajahu, Sohn des Jehojada. Im Tanach ist über ihn zu lesen: »Und Benajahu, der Sohn Jehojadas, ein streitbarer Mann von großen Taten, war aus Kabzeel. (…) Er stieg hinab und erschlug einen Löwen in einem Brunnen, als Schnee gefallen war« (2. Samuel 23,22).
Die talmudischen Weisen (Brachot 18b) sind uneins über die Auslegung dieses Verses. Einige sagen, es bedeute, dass er Eisblöcke zerbrach und hinabstieg, um sich im Wasser zu reinigen. Andere wiederum verstehen es so, dass er an einem Wintertag die gesamte Sifra, den halachischen Midrasch über das Buch Wajikra aus der Schule des Rav, lernte.
Der Löwe als Metapher für den bösen Trieb
Keiner der Weisen ist der Meinung, dass Benajahu tatsächlich einen Löwen erschlug, nachdem er an einem verschneiten Tag in den Brunnen hinabgestiegen war. Vielmehr sehen sie in dem Löwen eine Metapher für den bösen Trieb, den Benajahu überwinden musste, um in die eiskalte Mikwe hinabzusteigen und sich rituell zu reinigen. Trotz dieser inneren Widerstände besiegte er seinen »inneren Löwen«. Andere Weisen sehen in diesem Löwen den Trieb, mit dem Studium der Tora nachzulassen – auch diesen »Löwen« besiegte Benajahu.
Diese Stelle, die nur wenige Zeilen im riesigen Talmud einnimmt, trägt eine unvergleichliche philosophische Tiefe für unser Verständnis der Tora. Sie zeigt unter anderem, dass nicht alles, was im Tanach steht, wörtlich zu verstehen ist. Die Tora beschreibt oft die spirituelle Realität der Welt, und wenn ein Mensch Tora lernt, obwohl es schwerfällt, ist dies in der spirituellen Welt eine Heldentat, vergleichbar mit dem Sieg über einen Löwen in der physischen Welt.
Unsere Weisen offenbaren hier die physische Realität, die hinter der im Tanach dargestellten spirituellen Realität steht – dies tun sie jedoch nicht an allen Stellen. Wer Schwierigkeiten hat, sich die Geschichten der Bibel wörtlich vorzustellen, sollte wissen, dass die Tora oft gar nicht die physische Realität beschreibt.
Wer Schwierigkeiten hat, sich die Geschichten der Bibel wörtlich vorzustellen, sollte wissen, dass die Tora oft gar nicht die physische Realität beschreibt.
Ähnlich verhält es sich mit der Erschaffung der Welt. Der südafrikanische Rabbiner Akiva Tatz lehrt, basierend auf einer Tradition des Gaon von Wilna, dass die sechs Schöpfungstage einzig die spirituelle Realität beschreiben; an keiner Stelle wird im 1. Buch Mose die physische Schöpfung explizit dargestellt.
Ebenso berichtet die Tora, dass Awraham mit 318 Kriegern hinauszog, um Lot zu befreien. Raschi zitiert talmudische Weisen, die lehren, dass Awraham nur mit seinem Diener Eliezer auszog, dessen Name dem Zahlenwert 318 entspricht. Und Kabbalisten erklären, dass die Seele Eliezers aus 318 spirituellen Funken bestand. Hier spricht die Tora also von den spirituellen Energien in Eliezer und nicht von der physischen Realität.
Die Mystiker verstehen die physische Welt als Manifestation der spirituellen Realität: Ein Baum steht, wo er steht, weil G’tt seine spirituelle Quelle in den höheren Welten gepflanzt hat. Torastudium bedeutet, diesen »Code« zu verstehen, um die sichtbare Welt richtig einzuordnen, und nicht, um historische Ereignisse exakt zu rekonstruieren – dafür gibt es die Geschichtswissenschaft.
Die wahren Heldentaten des Menschen sind geistiger Natur
Die zweite Botschaft ist, dass die wahren Heldentaten des Menschen geistiger Natur sind. Schon Davids Sohn, König Schlomo, sagte im Buch Mischlei: »Wer über seinen Geist herrscht, ist besser als der, der Städte einnimmt« (16,32). Sein Vater David selbst schrieb in den Psalmen (147, 10–11): »Ihm gefällt nicht die Stärke des Pferdes, und er hat kein Gefallen an der Kraft des Mannes; G’tt hat Wohlgefallen an denen, die ihn fürchten, und an denen, die auf seine Güte harren.«
Vielleicht geben uns die Weisen gerade an dieser Stelle im Talmud einen Einblick in die physische Realität hinter der spirituellen Realität des Tanach – weil sie uns zeigen wollen, dass der jüdische Held zunächst den inneren Löwen bezwingt, bevor der äußere Löwe fällt.