Talmudisches

Die verbotene Frucht

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Ein Apfel ist an allem schuld: Unter diesem Titel kam 1994 ein Buch von
Ephraim Kishon auf den deutschen Markt. Der Verlag bezeichnete den Satire­band damals als hinreißend komisches »Duell mit den Zehn Geboten und deren Folgen für die Menschheit von Adam und Eva bis heute«.

Der Titel spielt auf die verbotene Frucht im Garten Eden an. Dabei ist in der Tora nichts von einem Apfel zu lesen. Diese Vorstellung entstammt der christlichen Tradition und hat vermutlich damit zu tun, dass das lateinische Wort »malum« sowohl Apfel als auch Übel bedeuten kann. Im hebräischen Original im 1. Buch Mose (2,17) ist lediglich vom »Etz haDaat tow waRa« die Rede, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Die eigentliche Frucht wird nicht genauer beschrieben.

Im Talmud finden wir gleich mehrere Meinungen zur Natur der Frucht

Das weckte die Neugier der Weisen. Im Talmud finden wir gleich mehrere Meinungen zur Natur der Frucht. Interessanter als man denken könnte, ist die Meinung von Rabbi Jehuda (Berachot 40a): »Rabbi Jehuda sagte, Weizen sei eine Art von Baum, wie wir in einer Baraita gelernt haben: der Baum, von dem Adam, der erste Mensch, aß.« Da die Herstellung von Brot aus Weizen eine Grundlage der menschlichen Zivilisation ist, war die Erkenntnis von Rabbi Jehuda recht modern.

Einige Zeilen weiter bringt Rabbi Jehuda noch ein weiteres Argument für seine These: »Bis heute weiß ein Kleinkind noch nicht, wie es seinen Vater oder seine Mutter rufen soll, bis es den Geschmack von Getreide gekostet hat.«

Bei genauer Betrachtung könnte der Zusammenhang von Weizen und dem Verzehr der Frucht eine Vorversion der »Apfel-Theorie« sein. Laut Schmuel (dem Amoräer) heißt es (Berachot 61a): »Der böse Trieb ist wie eine Art Weizen, wie es heißt: Die Übertretung (chatat) liegt vor der Tür.« Weizen heißt auf Hebräisch »Chitta«. Das Zitat aus dem 1. Buch Mose (4,7) wird mit dem Wort für Sünde oder Übertretung »chet« in Verbindung gebracht. Um das zu untermauern, heißt es von Rabbi Seira im Midrasch: »Der Weizen wuchs zu großer Höhe empor, wie die Zedern des Libanon« (Bereschit Rabba 15,7).

Rabbi Meir meint, die verbotene Frucht sei ein Weinstock gewesen

In Berachot 40a werden weitere Möglichkeiten diskutiert. So ist Rabbi Meir der Meinung, es sei ein Weinstock gewesen, weil nichts dem Menschen so viel Wehklagen und Unheil bereitet hätte wie der Wein. Er zitiert die Geschichte von Noach: »Und er trank vom Wein und wurde betrunken« (1. Buch Mose 9,21). Auch der Wein ist ein »verarbeitetes« Lebensmittel, auch dies eine zivilisatorische Errungenschaft.

Oder war es vielleicht eine Feige? Rabbi Nechemja war der Meinung (Berachot 40a), es habe sich um einen Feigenbaum gehandelt, »denn womit sie sich versündigt haben, damit wurde es ihnen gut gemacht«. Er zitiert dann den Vers »Und sie nähten Feigenblätter zusammen und machten sich Lendenschurze« (1. Buch Mose 3,7). Die Feige führte sie zur Erkenntnis, nackt zu sein, und schützte sie zugleich davor, sich einander unbekleidet zeigen zu müssen.

Ebenfalls im Rennen ist der Etrog, die Zitrusfrucht, die wir zu Sukkot verwenden. Rabbi Abba aus Akko sagte (Bereschit Rabba 15,7), es stehe geschrieben: »Die Frau sah, dass der Baum gut zu essen war« (1. Buch Mose 3,6), und es gebe nur einen Baum, der an sich gut schmeckt, ebenso wie seine Frucht. Dies sei der Etrog.

Wir haben gesehen: Auf die Frage kann es keine verbindliche Antwort geben, und es wird sie auch niemals geben, so sagt jedenfalls der Midrasch (Bereschit Rabba 15,7): »Rabbi Jehuda bar Simon sagten im Namen Rabbi Jehoschua ben Levis: Es sei ferne, dass G’tt jemals einem Menschen offenbart hätte, welcher Baum das war, und Er wird es auch in Zukunft nicht offenbaren.« Es sei nicht wünschenswert, dass die Menschheit auf eine Frucht zeige, wegen der gesündigt worden sei.

Die Metapher ist jedoch offensichtlich: Der menschliche Fortschritt geht mit der Erkenntnis einher, dass dem menschlichen Streben und Leben Grenzen gesetzt sind. Eine bittere, aber wichtige Einsicht, die mit dem Erwachsenwerden immer deutlicher wird.

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