Chanukka

Das jüdische Licht

»Das Wunder, um das es geht, ist der Fortbestand des jüdischen Volkes«: Der Kampf der wenigen gegen die vielen endete zu unseren Gunsten. Foto: Lydia Bergida

Der jüdische Festkalender ist so etwas wie ein Barometer unserer seelischen Verfasstheit entlang der Jahreszeiten. Im Frühling etwa erinnert uns Pessach an den Auszug aus Ägypten, eine Jahreszeit, die für Aufbruch, Erneuerung und das Verlassen des Alten steht. Nichts anderes beschreibt die Geschichte des jüdischen Exodus: das Zurücklassen des Vertrauten und das Betreten eines neuen, unbekannten Terrains. So verhält es sich mit allen Feiertagen. Ihre festen Daten im Jahreskreis spiegeln die jeweiligen Stimmungen und Besonderheiten der Zeit wider.
Chanukka ist das Lichterfest des Winters – ein Fest des Lichtes in jener Phase des Jahres, in der es draußen dunkel, kalt und wolkenverhangen ist.

Doch das Licht der Menora war immer mehr als nur eine Erinnerung an eine Tempelgeschichte. Wir verstehen es als Sinnbild für das Licht des Judentums selbst. Es verweist auf eine grundlegende Erkenntnis, ohne die unser Volk nicht überlebt hätte: ohne Wunder kein Judentum. Chanukka ist daher weniger ein Lichterfest – es ist ein Wunderfest. Das Wunder, um das es geht, ist der Fortbestand des jüdischen Volkes in einer Welt, die – um in dieser Metaphorik zu bleiben – historisch eher zur Dunkelheit neigte, wenn es um unser Schicksal ging.

Wie konnte das jüdische Volk so lange überleben?

Religion ist stets eine von vielen Möglichkeiten, Leben und Welt zu deuten. Doch von allen Erklärungsversuchen ist die jüdische Religion wohl die einleuchtendste und bewährteste, wenn es darum geht, das Phänomen jüdischer Resilienz zu verstehen. Historiker, Soziologen und andere Wissenschaftler haben vielfältige Antworten gesucht, um das Rätselhafte greifbar zu machen: Wie konnte ein Volk, das wie kein anderes – in Antike, Mittel­alter und Neuzeit, in der Heimat wie im Exil – bedroht, verfolgt, gepeinigt und vertrieben wurde, ein Volk, das wie eine Schachfigur über die Weltkarte geschoben schien, nach 2000-jähriger Zerstreuung zurückkehren, überleben und neu erstehen?

Die Delegitimierung Israels zielt auf das Judentum als Ganzes.

Die Antwort, besonders in der dunkelsten Zeit des Jahres, lautet: Es war immer auch ein Wunder. Nicht nur, aber eben auch. Damit sind wir bei Chanukka – dem einzigen jüdischen Feiertag, der dem Wunder einen eigenen liturgischen Segen gewidmet hat: »Gesegnet seist Du, Ewiger (…), der für unsere Väter in jenen Tagen zu dieser Zeit Wunder vollbracht hat.«
Die Delegitimierung Israels zielt auf das Judentum als Ganzes.

Es sind die Wunder der Vergangenheit und die Wunder der Gegenwart, die uns tragen, schützen und in unserem Glauben festigen. »In jenen Tagen« war es der Hellenismus mit seinem Anspruch kultureller Überlegenheit, der das Judentum verweltlichen, profanisieren und letztlich entzaubern wollte. Diese Entzauberung, der Versuch, das Judentum theologisch und kulturell zu nivellieren, begleitet uns seit jeher. Doch der Kampf der wenigen gegen die vielen endete zu unseren Gunsten. Das Wunder von Chanukka setzte sich durch.

Der moderne Hellenismus dämonisiert Israel

Und der Hellenismus unserer Tage? Auch er versucht, unser Licht auszulöschen, indem er die wichtigste Institution des jüdischen Volkes angreift: den Staat Israel. Die pausenlose Delegitimierung Israels, die infame Unterstellung eines »Genozids«, die Dämonisierung jüdischer Soldaten, all das zielt auf das Judentum als Ganzes. Wenn Israel die politische Verwirklichung jüdischer Geschichte ist, dann trifft jeder Angriff auf Israel auch das Judentum selbst. Wird der jüdische Staat als menschenverachtend diffamiert, wird sein Anspruch, »ein Licht der Völker« zu sein, verspottet und beschädigt.

Der moderne Hellenismus versucht, das jüdische Licht ebenso zu entzaubern – nur nicht mehr durch Verordnungen und religiöse Repressalien, sondern durch mediale Kampagnen, digitale Hetze und postkoloniale Scheinkonstruktionen in Hörsälen und Feuilletons. Er weiß: Empörung erzeugt Klicks, Wut mobilisiert Follower, Halbwahrheiten schaffen ganze Ressentiments. Es ist derselbe alte Kampf der wenigen gegen die vielen – nur eben im digitalen 21. Jahrhundert.

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Und wir? Wie sollen wir antworten? Sicher nicht, indem wir uns treiben lassen und reaktiv bleiben. Unsere Gegner dürfen weder unseren Tagesablauf bestimmen noch unser Bewusstsein besetzen. Wir müssen handeln – aus eigener Kraft. Unser Auftrag ist es, das Licht des Judentums brennen zu lassen. Nicht nur durch Verteidigung, sondern durch Gestaltung: indem wir das Judentum aufbauen, vertiefen und immer wieder neu zum Leuchten bringen. Indem wir klären, was uns als Wertegemeinschaft ausmacht und welche Zukunft wir gestalten wollen.

Wenn andere versuchen, unser Licht zu löschen, genügt es nicht, es vor ihnen zu schützen. Wir müssen mehr Licht entzünden. Immer wieder. Immer neu. In dem Bewusstsein, dass Wunder im Leben des jüdischen Volkes geschehen, wenn wir ihnen Raum geben. Denn: Es sind die »Wunder jener Tage« und die »Wunder dieser Zeit«. Denn kein Judentum ohne Wunder.

Ist das nicht – seit jeher – die Geschichte von Chanukka?

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Mainz-Rheinhessen.

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