Wajeze

Botschaft der Einheit

Jakows Traum: »Und siehe, eine Leiter war auf die Erde gestellt, und ihre Spitze reichte bis an den Himmel« (1. Buch Mose 28,12). Foto: Getty Images

Im Wochenabschnitt Wajeze begegnen wir dem berühmten Traum von der Himmelsleiter: »Und Jakow zog aus Beer Sheva und ging gen Charan. Und er gelangte an einen Ort und übernachtete dort, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm von den Steinen des Ortes und machte sie zu seinem Kopflager und legte sich an denselben Ort. Da träumte er, und siehe, eine Leiter war auf die Erde gestellt, und ihre Spitze reichte bis an den Himmel, und siehe, Engel Gottes stiegen auf und ab an ihr. Und siehe, der Ewige stand über ihr und sprach (…)« (1. Buch Mose 28, 10−12).

Kein alltäglicher Traum. Und weil er so ungewöhnlich ist, gaben Kommentatoren auf jedes Detail acht, nicht nur auf Gott oder die Engel oder den Schlafenden, sondern auch auf die Steine. Weil Jakow »von den Steinen des Ortes« nahm, könnte es sich um mehrere Steine handeln. Als er aber von seinem Traum erwachte, »nahm er den Stein, den er zu seinem Kopflager gemacht, und richtete ihn auf zum Denkmal und goss Öl auf seine Spitze« (28,18).

RASCHI Zur Erklärung, warum nun nur noch von einem Stein die Rede ist, zitiert Raschi (1040−1105) einen berühmten Midrasch, wonach die Steine nachts anfingen, miteinander zu streiten: »Dieser sagte: ›Auf mir möge der Gerechte sein Haupt betten.‹ Und jener sagte: ›Auf mir möge er ruhen.‹ Sogleich machte der Heilige, gesegnet sei Er, sie zu einem Stein.«

Rabbi Jehuda meint, dass es zwölf Steine waren, die zusammengefügt wurden, als Zeichen, dass aus Jakow zwölf Stämme hervorgehen würden, vereint im Volk Israel (Midrasch Bereschit Rabba 68).

Ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Weisen wirklich glaubten, normale Feldsteine würden über Nacht zu einem großen Stein verschmelzen. Warum also erzählen sie uns solche Märchen? Weil sie der Ansicht waren, dass eine tiefere Wahrheit darin steckt. In diesem Fall war ihnen die Botschaft der Einheit wichtig. Die Steine, die Jakow nimmt, sind keine menschengemachten Ziegel, wo einer wie der andere aussieht – es sind einfache Feldsteine, von denen in der Natur keiner dem anderen gleicht. Keiner wird bevorzugt, indem seine Merkmale für besonders geeignet gehalten werden, dass »der Gerechte sein Haupt auf ihm bette«.

Alle sind gleichermaßen wichtig, und erst im Zusammenfügen all ihrer individuellen Züge und Wahrheiten entsteht ein würdiges Lager, auf dem sich der Traum von der Himmelsleiter entfalten kann. Die Heiligkeit des Ortes, zu dem Gott eine direkte Verbindung herstellt, beruht darauf, dass auf kein Individuum verzichtet, jeder und jede in die Gesamtheit eingebunden wird.

Tempel Beim Erwachen zieht Jakow sofort den Schluss auf den besonderen Charakter des Ortes: »Dieser Ort ist nichts anderes als ein Haus Gottes, und hier ist das Tor des Himmels« (28,17).

Nach jüdischer Tradition ist dieser Schlafplatz der Ort, auf dem später das Jerusalemer Heiligtum errichtet werden wird. Die dreifache Nennung des Wortes Makom (»Ort«, zugleich auch eine Bezeichnung für Gott) innerhalb eines Verses deutet das an.

Dass Gott am anderen Ende auf der Leiter steht, bekräftigt diese Interpretation. Jerusalem war der Ort, der keinem der Stämme allein, sondern allen gemeinsam gehörte. Unabhängig von persönlicher Bindung, sozialer Zugehörigkeit, ökonomischem Status und politischen Ansichten kamen alle zum Tempel und hatten den Eindruck, hier direkten Zugang zu Gott finden zu können.

vorbedingung Die Einheit Israels war Vorbedingung dafür, Gott an einem konkreten Ort erfahren zu können. Als einzelne Fraktionen für sich die alleinige Wahrheit beanspruchten und die Einheit Israels zerbrach, war auch das Heiligtum nicht mehr zu halten.

Neben dem Zusammenhalt Israels war Kommentatoren auch der Umstand wichtig, dass nicht Edelsteine der Urgrund des Heiligtums sind, sondern einfache graue Feldsteine.

Rabbiner Mosche Leib (1745−1807), der Begründer des Sassow-Chassidismus, sagte: »Es ist die Art der Gerechten, von den ›Steinen des Ortes‹ zu nehmen, eben die niedrigen und geringen, auf die man für gewöhnlich tritt oder sie wegwirft, um diese ›zu seinem Kopflager zu machen‹, zur Priorität seiner Fürsorge.«

GERECHTIGKEIT Heiligkeit entfaltet sich an dem Ort, wo gering geachteten Menschen Aufmerksamkeit geschenkt wird, wo ihre Sorgen und Bedürfnisse ernst genommen werden. Die Gerechtigkeit des Frommen drückt sich nicht im Blick nach oben aus, wo Gott oberhalb der Himmelsleiter steht, sondern in der Bodenhaftung.

Und so warnt der Sassower Rebbe davor, sich in Spekulationen zu verlieren, wie das obere Ende der Himmelsleiter beschaffen sei und wie man dorthin gelangen könnte: »Der Mensch muss Gott nicht an einem Ort suchen, der außerhalb seiner Reichweite ist. Er muss stattdessen seinen Blick zur Erde senken, zu den rollenden Steinen unter seinen Füßen. Das Nachsinnen über die kleinen Dinge führt zu großem Glauben. Jakow lernte von den ›Steinen des Ortes‹, wie er Gott anhängen könnte.«

Der Tempel ist seit 2000 Jahren zerstört, Synagogen sind an dessen Stelle getreten. So sehr das Jerusalemer Heiligtum Inbegriff von gottesdienstlicher Herrlich­keit und Einheit Israels war, so wenig wünschen wir uns heute das Opfern von Tieren und eine exklusive Priesterkaste zurück, die das »Tor zum Himmel« verwaltet. Aber nicht weniger als damals suchen Menschen nach einem Zugang zu Gott, sie brauchen eine Adresse für ihre Gebete und Hoffnungen.

tempel Die Rabbiner bezeichneten Synagogen als Beit Mikdasch Me’at, als »Kleines Heiligtum«, das ebenso wie der Tempel Zugang zu Gott ermöglicht. Die Heiligkeit von Synagogen drückt sich nicht in ihrem Charakter als Ort für rituelle Handlungen aus – das kann zur leeren Pracht werden. Eine Gewissheit, erhört zu werden, vermittelt sich, wenn man auch in Bodennähe spürt, dass hier das »Tor zum Himmel« ist.

Von den Steinen auf Jakows Nachtlager können wir lernen, wie Synagogen beschaffen sein sollen: Jedes Gemeindemitglied ist eine Art Feldstein, so wie Gott sie und ihn beschaffen hat, in Persönlichkeit, Aussehen und Ansichten verschieden, und niemand kann sagen: »Auf mir ruht das Haupt des Gerechten.«

Erst in der Zusammenschau aller individuellen Wahrheiten wird daraus der Grund für den Traum von der Himmelsleiter. Synagogen müssen Orte sein, wo Menschen in ihrer Verschiedenheit willkommen geheißen werden und den Geringsten das Augenmerk gilt. Eine solche Gemeinde wird zum Heiligtum und zum »Tor des Himmels«.

Die Autorin ist Rabbinerin der Jüdischen Gemeinde Hameln und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

inhalt
Der Wochenabschnitt Wajeze erzählt von einem Traum Jakows. Darin sieht er eine Leiter, auf der Engel hinauf- und hinuntersteigen. In diesem Traum segnet der Ewige Jakow. Nachdem er erwacht ist, nennt Jakow den Ort Beit El. Um Rachel zu heiraten, muss er sieben Jahre für ihren Vater Lawan arbeiten. Doch der führt Jakow hinters Licht und gibt ihm Rachels Schwester Lea zur Frau. So muss Jakow weitere sieben Jahre arbeiten, bis er endlich Rachel bekommt.
1. Buch Mose 28,10 – 32,2

Justiz

Ehemaliger Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Berlin verurteilt

Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte den Angeklagten wegen eines sexuellen Übergriffs und sexueller Nötigung zu zehn Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung

 23.01.2026

Talmudisches

Von hellen Tagen und dunklen Nächten

Was unsere Weisen über die Bedeutung von Licht und Dunkelheit lehren

von Vyacheslav Dobrovych  23.01.2026

Chidon Hatanach

Unser Fundament

Der Bibelwettbewerb, der nun in München in eine neue Runde geht, erinnert an den Kern der jüdischen Seele – die Texte der heiligen Schrift

von Rabbiner Dovid Gernetz  23.01.2026

Rezension

Eine Liebe in »bitterböser Zeit«

Die Briefe von Joseph Norden an Regina Jonas eröffnen einen völlig neuen Blick auf die erste Rabbinerin der Welt

von Mascha Malburg  23.01.2026

Bo

Funke der Hoffnung

Die Tora lehrt, wie wir auch in schweren Zeiten nie Glauben und Zuversicht verlieren

von Rabbiner Netanel Olhoeft  22.01.2026

Der Eruv kann auch teilweise aus ergänzten bei der Sigi-Feigel-Terrasse

Schweiz

Ein Eruv für Zürich

Unsichtbar im Stadtbild, spürbar im religiösen Alltag. Die größte jüdische Gemeinschaft der Schweiz spannt einen symbolischen Faden – und macht jüdisches Leben sichtbarer

von Nicole Dreyfus  20.01.2026 Aktualisiert

Talmudisches

Schlechter Atem als Scheidungsgrund

Was unsere Weisen über Mundgeruch wussten

von Detlef David Kauschke  16.01.2026

Rabbi Schalom Scharabi

Jedes Wort eine Intention

Der jemenitische Raschasch ist in unseren Breitengraden kaum bekannt. Dabei hat er schon im 18. Jahrhundert gelehrt, was auch heute wieder gefragt ist: ganz bewusst zu leben – und zu beten

von Vyacheslav Dobrovych  16.01.2026

Waera

Wahre Größe

Mosche blieb stets bescheiden – und ist damit ein Vorbild an vollkommener Demut

von Aviezer Kantor  15.01.2026